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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 59 - 60

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Die Unruhen in Schiras
Date
1911-01-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 1)
Language
German
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59 ÜO DIE UNRUHEN IN SCHIRAS. Von dem Direktor der Alliance - Knabenschule in Schiras hat das Central - Comite folgenden Bericht erhalten: S c h i r a s , den 31. Oktober 1910. Gestern und heute habe ich folgende beiden Telegramme an Sie abgeschickt: „Aufruhr. Israeliten des Mordes beschuldigt. Judenvicrtel geplündert. Schleunigstes Einschreiten erbeten." „ Judenviertcl vollständig belagert, verwüstet. 15 Tote und Verwundete. 5000 am Verhungern. Angaben bestätigt Konsularagent des englischen Konsuls." Die Vorgänge, die sich gestern hier im Judenviertel abgespielt haben, übertreffen an Schrecken und Barbarei alles, was die fruchtbarste Phantasie sich vorzustellen vermag. Im Zeitraum weniger Stunden, in geringerer Zeit als die Beschreibung der fürchterlichen Vorkommnisse erfordert, sind fünftausend Personen, Männer und Frauen, Greise und Kinder, um all ihr Hab und Gut gebracht worden: Wertsachen und Möbel, Betten und Wäsche, Teppiche, Kleider, Küchengeräte; sie haben nichts behalten, als was sie auf dein Leibe trugen. Zwölf Familien sind durch die Tötung ihrer Angehörigen in die tiefste Trauer versetzt, und die Familien der 15 Verwundeten haben weder die Mittel, ihnen etwas Milch zur Erfrischung zu kaufen, noch ein Glas, aus dem sie ihnen zu trinken geben können. Ich will versuchen, etwas Ordnung in meinen Bericht über die entsetzlichen Ereignisse des gestrigen Tages zu bringen, es fohlt mir an der inneren Ruhe und an der erforderlichen Zeit, um meine Mitteilungen in abgerundete Form zu bringen. Zuerst ein paar Einzelheiten über die Vorgeschichte der traurigen Vorfälle. Beim Reinigen der Senkgrube eines jüdischen Hauses fanden vor ungefähr drei Wochen die Abfuhrarbeiter ein Buch, dessen Blätter zum Teil noch sauber waren und erkennen Hessen, dass es sich um ein Exemplar des Koran handelte. Die Arbeiter waren empört über die Verunglimpfung ihres heiligen Buches, und wollten die Sache sofort den Mollahs anzeigen, aber der jüdische Besitzer des Hauses veranlasste sie mit Hilfe eines Geldgeschenks, von ihrem Vorhaben abzustehen. Der Vorfall war mir berichtet und von mir sofort als ziemlich ernst erkannt worden. Trotzdem sprach ich mit keinem Menschen davon, damit nicht irgendein fanatischer Mollah ihn erfahre und zum Schaden unserer unglücklichen Glaubensgenossen ausbeute. Es war um so dringender geboten, diese Angelegenheit zu vertuschen, als zurzeit keine eigentliche Autorität, sondern die grösste Unsicherheit in der Stadt herrscht. Der furchtbare Clan der Seyeds kann es den Juden immer noch nicht verzeihen, dass sie eines ihrer Mitglieder den Mörder unseres Hilfslehrers, auf drei Monate ins Gefängnis gebracht haben, und dass die Familie des Mörders noch 100 Tomanen Strafe hat zahlen müssen. Die Seyeds warteten nur auf die erste Gelegenheit, um sich furchtbar zu rächen. Als einige Juden am ersten Tage des Laubhüttenfestes aus der Synagoge heimkehrten, erblickten sie an ihrer Haustür eine verschleierte mohammedanische Frau, die ein Paket unter dem Arm hielt. Beim Herannahen der Hausbewohner warf die Frau ihr Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Paket in das Klosett, das sich in allen Häusern dicht hinter der Haustür befindet, und lief davon. Man zog das Paket sofort aus der Senkgrube herauf — es war wieder ein Koran. Man verschloss das Exemplar und meldete mir den Vorfall. Jetzt hielt ich es für nötig, wenigstens den Oberpriester der Stadt, Mirza Ibrahim, von der Angelegenheit zu unterrichten. Ich konnte doch nicht wissen, ob nicht auch in andere jüdische Häuser, ohne Vorwissen ihrer Bewohner, Koranbücher geworfen worden waren, und fand es vorsichtiger, dass der Obermollah schon Bescheid wusste, ehe etwa die entsprechenden Bücher aufgefunden wurden und zum Vorwand für einen Angriff gegen die Juden benutzt werden konnten. Mirza Ibrahim versprach mir für den vorkommenden Fall seinen wohlwollenden Beistand und empfahl, so wenig wie möglich von der Sache verlauten zu lassen. Am Abend vor dem letzten Laubhüttenfeiertag wurde das Haus der beiden Oberrabbiner der Gemeinde von einer Bande Lutis (Strassenpöbel) überfallen, die einem Bazarhändler hierher nachgelaufen waren. Dieser behauptete, sein vierjähriges Töchterchon sei im Lauf des Nachmittags fortgelaufen und nirgends zu finden, sie müsse zweifellos im Judenviertel versteckt gehalten werden, oder man habe sie dort umgebracht, um ihr Blut zu benutzen. Man kann sich das Entsetzen der unglücklichen Rabbiner vorstellen; alle beide schwuren, dass ihnen nichts von dem Aufenthalt eines mohammedanischen Kindes in ihrem Viertel bekannt, und dass eine solche Beschuldigung vollkommen grundlos sei. Die Lutis entfernten sich mit der Drohung, dass sie das Judenviertel mit Feuer und Blut überziehen würden, wenn das Kind bis zum nächsten Tage nicht wiedergefunden würde. Am anderen Morgen kamen die beiden Rabbincn mit einigen Notabein zu mir, erzählten mir, was vorgegangen war und beschworen mich, das Unglück zu verhüten, das die ganze Gemeinde schwer bedrohte. Ich beruhigte sie nach Kräften und schickte sofort an Mirza Ibrahim die Mitteilung von dem neuen Zwischenfall. Dem Polizeichef, der gleichzeitig der Naceb des Mehalla ist, schrieb ich ebenfalls und bat ihn, sofort die nötigen Massrogeln zu treffen. Diese beiden Schritte hatten den günstigsten Erfolg, und das drohende Unheil schien abgewendet. Das war am letzten Dienstag. Am vorgestrigen Samstag liess ich in allen Synagogen verkünden, dass am nächsten Tage der Unterricht in den Schulen Avieder beginnen würde, und dass die Eltern ihre Kinder wieder hinschicken möchten. Gestern, am Sonntag, ging ich um 7 Uhr morgens zur Schule, wo nur ungefähr 20 Kinder sich eingefunden hatten. Ein Schuldiencr erzählte mir, dass man am vergangenen Abend, ungefähr einen Kilometer von der Stadt, nicht weit vom jüdischen Friedhof, hinter einem unbewohnten Palast den Leichnam eines Kindes gefunden habe;| man vermute, dass dieses das vor zehn Tagen vermisste kleine Mädchen sei, und habe das Gerücht verbreitet, dass die Juden das Kind umgebracht hätten. Jeder Jude, der sich heute ausserhalb des Viertels sehen liesse, sollte tätlich angegriffen werden. Ich schickte sofort die beiden Mirzas der Schule nach weiteren Nachrichten aus und beauftragte gleichzeitig den einen, zum Interimsgouverneur Kawam-el-Molk, den anderen

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