Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Article
- Rafael Gutmann
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 39 - 40 (sequence 2)
- Language
- German
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39 Vieki Baum: Rafael Gutmann. 40 Die Welt, in der Rafael Gutmanns früheste Kindheit spielte, war winzig; die Judengasse, der kleine Platz und die Stiege, die brüchig und gewunden zum Fluss hinablief; dann die steile Gasse, in der der grosse Tempel stand, mit seiner Kuppel und dem Hof, in den unwahrscheinlich bunte Glasfenster gingen. Und dann noch die winzige Sackgasse, neben David Belfts Geschäft, mit dem seltsamen kleinen Bethaus. Rafael war schon oft mit dem Vater in dem kleinen Bethaus gewesen; aber seine Neugierde und seine Sehnsucht gingen immer wieder zu dem grossen Tempel mit der Kuppel und den farbigen Fenstern. Oft und oft schlich er zu dem Tor des Hofes, der an Wochentagen still und erstorben schien; mir Herr Boskowetz sass beim Tor und rauchte; Herr Boskowetz war der Portier des Tempels und trug keinen Kaftan, sondern einen blauen Rock mit goldenen Borten und eine gleiche Kappe. Der kleine Rafael wusste nicht, was ein Portier war, aber er sah, dass es etwas ungemein Feierliches und Vornehmes sein musste. Doch eines Tages geschah das Erstaunliche: Herr Boskowetz kam in Lazer Gutmanns Laden, hatte einen Rock an, der vor Neuheit glänzte, und Avolltc den alten verkaufen; und Lazer Gutmann lehnte rundweg ab. „Was?" sagte er, „etwas e Affenjanker, etwas e meschüggenes Thiatergewand seil ach mer einwertschaften? Nna, Herr Boskowetz! Mit den Tinef missen Sc scho gelin eraus in der Stadt!" Herr Boskowetz vcrliess indigniert den Laden; da fing Rafael zu weinen an, ein verzweifeltes, haltloses Schluchzen. Herr Boskowetz schaute sich erstaunt um, und Lazer Gutmann gab seinem Sohn eine ratlose Ohrfeige; und von diesem Tag an waren der grosse Herr Boskowetz und der kleine Rafael Freunde. Nun durfte er auch an Schabbes, an Feiertagen und bei Hochzeiten an dem Tor des Tempelhofes stehen, und die Leute betrachten, die da aus und eingingen, und die anders aussahen und anders sprachen, als alle, die in der Judengasse wohnten. Rafael dachte angestrengt über diese seltsame Tatsache nach, und dann kam er mit einer Frage zu Herrn Boskowetz, in der Herzklopfen und die Angst vor etwas Unheimlichem lag: „Sein de Leite da — Gojims?" Herr Boskowetz lachte, dass sein dicker Bauch wackelte. „Narrelc, se gehn doch in Tempel! Wie kennen es sein Gojims? Es sein Leite aus der Stadt I" Und das gab Rafael viel zu denken . . . Bald darauf kam er in die Schule und damit zum erstenmal aus dem Judcnvicrtel heraus; es war wie ein Traum, beängstigend und voll Entzücken zugleich. Die hellen, lauten Strassen, in denen Wagen fuhren, die breiter waren, als die ganze Judengasse, die Auslagen, die Glastüren der Geschäfte, unter denen keine schreienden Weiber standen, der Lärm und die fremdartig angezogenen Menschen — all das erdrückte den kleinen Rafael beinah. Und dann die Schule selbst! Nie hätte er sich vorstellen können, dass ein Zimmer so licht sei, wie dieses, in dem er nun zwischen vielen Kindern sass und dem Lehrer atemlos zuhörte. Zuerst verstand er die Sprache des Lehrers schlecht, aber bald fand er sich zurecht; früher als Morizl Bclft und Salomon Rosenblüh, die zugleich mit ihm in die Schule eingetreten waren. Der kleine rothaarige Bclft war von tiefstem Misstraucn gegen alles erfüllt, das der Lehrer ihm beibringen wollte, und stellte tausend knifflige Fragen. ,,W e r sagt, Herr Lehrer, b müss kümmen nach a? W a r u m kenn sech nix kümmen b zeerscht? W e s h a 1 b schreibt sech ,Kuh' mit e grossen K?" Und am Nachhauseweg erklärte er den beiden andern den Grund seines Misstrauens: ,,Ae so ä Goi, e dummer, werd sech alles besser wissen? Ha?" Salomon Rosenblüh sass stumpf, mit hängender Unterlippe und verstand gar nichts; er hatte Angst vor den fremden Scimlkollegen, vor dorn Lehrer, vor den hellen Gassen, und atmete tief auf, so oft sie wieder in das dumpfe Judenviertel zurückkamen. Rafael Gutmann aber schien es manchmal, als könne man hier gar nicht tief atmen. . . . Lazar Gutmann hatte ihm streng verboten, das Judenviertel, diesen seltsamen, verkümmerten Ghettorest inmitten der brausenden Grossstadt, ausser den notwendigen Schulgängen zu verlassen; und so sass der kleine Rafael öfter als je bei Herrn Boskowetz im Tempelhof. Bald kannte er alle Leute, die hierher gehörten. Die beiden Rabbincr,dic beidenKantorenund die vierSchammossim; dann Herrn Moriz Pfau, den Chordirigenten, und die wimmelnde Herde der Chorbuben. Ausserdem war da noch Wagen-Schmul, der bei Hochzeiten die Wagentüren auf und zumachte; und vor allem der junge blinde Orgelspieler, Herr Menkis; den schaute Rafael oft lange an, und begriff nicht, wie er so sicher gehen konnte und so freundlich und lustig sein, da er doch blind war. Tage, Wochen, Monate reihten sich aneinander, und Rafael Gutmann wurde grösser und klüger, ein stiller, verträumter Knabe, mit ängstlichen, müden Augen. Und eines Tages fragte Herr Boskowetz: „Herste, Rafele, mechste nicht wem Chorbub? Lernste eppes schenes und kriegst noch gezahlt daficr!" Rafael Gutmanns Herz setzte einen Augenblick aus vor freudigem Erschrecken; er musste lachen und weinen zugleich und dem dicken Herrn Boskowotz die Hand küssen vor überströmendem Glück. Er wurde Herrn Pfau vorgestellt und Herrn Menkis; der Vater wurde geholt, und die Mutter kam, geschwätzig und aufgeregt wie immer, mit. Da stellte es sich heraus, dass Lazer Gutmann von der Sache absolut nichts wissen wollte; er gab keine Gründe an, aber er sagte so hartnäckig „rein", wie damals bei Herrn Boskowetz blauem Rock. Zu Haus gab es Streit und erbitterte Tränen; Rafael ging verzweifelt herum, und seine Mutter kämpfte mit einem tausendmal wiederholten kräftigen Argument für ihn: „Und es Geld, was er mecht' verdienen?*'' Der kleine rothaarige Morizl Belft war bereits Chorknabe geworden und paradierte an Eref Schabbes in der schwarzen Kutte und der seltsam geformten Mütze der „Jimgels". J^azer Gutmann hatte eine lange Unterredung mit David Belft; er hatte eine Unterredung mit Herrn Pfau und noch eine Unterredung mit Herrn Pfau. Und nach einem letzten Streit mit der Muttor gab er nach: Rafael wurde Chorknabe. Und während der fünfzehnjährige Rafael Gutmann nun neben dem blinden Menkis und der Sängerin Corinna der Oper zuging und sein Leben überdachte, schien es ihm, als hätte es erst mit jenem Tag begonnen. Denn damals hatte er zum erstenmal Musik keimen gelernt, Musik, die jetzt sein Treben so erfüllte, dass kaum etwas andres Platz drin fand. So einfach und doch seltsam war alles gekommen; Menkis hatte Gefallen an dem stillen, begabten Knaben genommen; er nahm sich Rafael zum Führer und gab ihm ein paar Kreuzer Lohn und Musikunterricht dafür.