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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 41 - 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 3)
Language
German
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41 Vicki Baum: Rafael Gutmann. 42 Den Lohn gab Rafael der Mutter und vom Unterricht schwieg er zu Hause. Und er lernte, lernte, mit jenem schmerzlichen Fanatismus, der voll Anspannung war, zu erobern, und voll heimlicher Angst, das Eroberte zu verlieren. ... So war Rafael, das Chorjingel, der Enge des Judenviertels entwachsen. Eine seltsame Freundschaft entstand zwischen dem blinden Orgelspieler und dem Knaben; und noch seltsamer war die Freundschaft der blonden Christin Corinna, die wie ein spielendes Licht über schattige Wege zu diesen zwei dunkeln und schweren Menschen kam. — Nun waren sie bei der Oper, Rafael Gutmann fuhr aus seinen Gedanken auf; er Hess den Arm des Blinden los; hier brauchte Menkis keinen Führer. Sie stiegen die breiten Treppen zur Galerie hinauf und setzten sieh auf ihren Stammplatz, einen Mauervorsprung ganz rückwärts; sie brauchten nur zu hören. ,,Na, Rafael, du bist so still!'*' Corinna legte ihre Hand auf die seine. „Was denkst du? Bist du traurig?'"' „Nein, er ist glücklich," sagte Menkis; er hatte eine Hellsichtigkcit dos Gefühls, wie sie nur Blinden eigen ist. „So glücklich!" Rafael atmete tief auf. „Denken Sie doch, was ist das für ein weiter Weg, den ich gegangen bin, nicht wahr? Ich bin doch nur ein Chorjingel — und dass ich jetzt cla mit Ihnen in der Oper sitzen darf, fast jeden Abend — und dass ich die Meistersinger auswendig weiss — was ist das für ein weiter Weg Menkis schwieg; Corinna strich leise über Rafaels Kopf. „Dummer Bub . . sagte sie behutsam. Ein Schatten kam in seine Augen und verlöschte ihr Leuchten. „Manchmal hab ich eine solche Angst — eine solche Angst . . ."' „Wovor, Rafael?" Er senkte den Kopf und presste die Hände ineinander; und dann sagte er ungewiss: „Wohin führt es denn . . . wohin . . .? Es kann ja nicht immer so bleiben . . ." Da ging ein Rauschen durch das Haus und in strahlendem C-dur begann das Vorspiel. * * # Im Hof des Tempels stand Herr Pfau, der Chordirigent, festlich angetan und mit missvergnügtem Gesicht; er hatte den Zylinder auf, den er nur an hohen Feiertagen und bei ganz feinen Hochzeiten und Leichenbegängnissen trug und der sich bemühte, durch übergrosse Dimensionen gutzumachen, was ihm an Glanz und schwungvoller Eleganz abging. Herr Boskowetz sass beim Tor und strahlte in Blau und Gold; die ganze Gasse war voll von Menschen, an den Fenstern drängten sich Kinder und Frauen, und Wagen-Schmul ging aufgeregt hin und her und hielt aus rätselhaften Gründen einen Ziegelstein in der Hand. Eine grosse Hochzeit sollte stattfinden. Herr Pfau seufzte, blickte streng umher und fand Morizl Belft, der sich mit plattgedrückter Nase an ein Fenster presste. „Wrerste schaun, dass de weiterkommst, Lausbub!'"' „Warum, Herr Pfau, seil ach nix zuschauen kennen, wenn sech der Herr Kantor anzieht? Kennen Se mer sagen? Scheniert es Ihnen?" Morizl Belft stellte noch immer gern knifflige Fragen; aber Herr Pfau wusstc gut zu antworten. Es. gab eine jähe Bewegung, einen kleinen Knall, Morizl rieb seine gerötete Wange und äusserte gleichmütig: „E Wort, e Patsch! Haste Händ, was er hat!" _ Die Herde der Chorbuben begann einen erfreuten Tanz und Herr Boskowetz nahm sich des hilflosen Herrn Pfau an: „Schauts, dass orein kommts! Ziehts de Kutten an!" „Ja, marsch, ziehts de Kutten an!" kam Herr Pfau als würdevolles Echo nach, und die Herde zog springend und brüllend ab. „Jetzt frag ich Ihnen, Herr Boskowetz, wo bleibt wieder der Menkis? Und wo bleibt wieder der Guttmann? Sagen Se mer nur?" „No? Was pressiert, Herr Pfau? Se kommen noch immer zurecht; eso unpinktlich wie c Brautpaar kann e Orgelspieler goar nicht sein. Wa—as?" Herr Pfau gab sich zufrieden und sah wieder missvergnügt auf die Gasse. Ein Spalier von zerlumpten Weibern verstellte mehr malerisch als reizvoll den Weg; diese Weiber, deren erbittertster Feind Wagen-Schmul war, tauchten — unerklärbar woher und wieso — immer auf, wenn irgendeine Gelegenheit zum Schnorren gegeben war. Wagen-Schmul, der sich durch die mühsame und beschwerliche Arbeit des Wagentüren auf und zumachens ehrlich sein Geld verdiente, hatte allen Grund, sie zu verachten. Eine Bewegung drängte vom unteren Ende der Cxasse noch mehr Menschen gegen den Tempel, Hufe klapperten gedämpft, ein Wagen zwängte sich zum Tor des Hofes; Wagen-Schmul schob eilfertig seinen rätselhaften Ziegelstein als Bremse unter ein Rad — denn die Gasse ging steil bergauf — und der alte Rabbiner stieg aus. „No also," sagte Herr Pfau trostlos, während er einen tiefen Bückling vollführte, zu Herrn Boskowetz, der mit gezogener Kappe dienerte, „no also, der Alte is auch scho da, aber Herr Menkis muss sich noch unpinktlichcr sein!" „W^aas, meschugge is meschugge!" konstatierte Herr Boskowetz, und zugleich bog Menkis mit Rafael in den Tempelhof ein. „Herr Menkis — ich begrüssc Sie,"' sagte Herr Pfau grossartig und voll Würde. „Gutmann, geh schnell die Kutten anziehen! Kannstc noch dei Solo?" Rafael nickte und ging quer über den Hof zu dem Zimmer der Chorbuben. Ein unendliches . Gebrüll tönte ihm entgegen; er riss ärgerlich die Türe auf. Er war der Aelteste, zugleich Chorführer, und mussto für Ordnung sorgen. „Ru—he!" schrie er in das Getöse, und noch einmal: „Ruhe!" Seine Stimme überschlug sich im Aerger, die Buben lachten. Ein ganz W'inziger stellte sich neben ihm auf und machte ihm gicksend nach: ,,Ru—he!" Und der rote Belft verdrehte bewundernd die Augen und sagte: „Z—z—z, herts nur, was c schone Stimm der Gutmann hat!" Rafael lachte gutmütig; aber heimlich kroch wieder die Angst in ihm empor. W'as war es mit seiner Stimme? Sie versagte jetzt manchmal, sie war oft spröde und ungehorsam? Er zog die Kutte an und setzte die Mütze auf: dabei summte er leise das Solo vor sich hin, das er heute zu singen hatte. Herr Pfau riss die Tür auf, er war rot im Gesicht und sehr aufgeregt. „Gehts hinauf!" schrie er. „Se kommen, se kommen scho, gehts am Chor!" Es gab ein Stossen und Poltern an der engen Tür, stampfend ergoss sich die Herde über den Gang und

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