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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 37 - 38

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-01-01
Page
Seite 37 - 38 (sequence 1)
Language
German
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37 38 RAFAEL OUTMANN. Erzählung von Vicki Baum. Noch immer Hess clor Blinde seine Hand auf den Tasten liegen und das Harmonium hielt ausatmend den Ton fest, bis er zitternd entschlief; nun war das Stück zu Ende. Rafael sass beim Fenster, regungslos, und horchte mit vorgeneigtem Kopf den Tönen nach, die schon verklungen waren; Menkis richtete die erloschenen Augen auf ihn: „Nun — Rafael?" „Schön . . sagte Rafael; seine Stimme war trocken vor Erregung; und noch einmal: „Schön ..." Dann schwiegen beide. Die Dämmerung floss in breiten Strömen ins Zimmer und umhüllte Kanten und Ecken, füllte die Winkel, und verwischte, was licht und funkelnd war. Nur Rafaels Kopf blieb scharf umzeichnet in der Helle des Fensters: mit dunkeln Augen, schön in der frühen Reife seiner fünfzehn Jahre, und voll seltsamen innerlichen Leuchtens. Jetzt horchte er auf: „Herr Menkis, es kommt jemand!" „Corinna . . ." sagte Menkis; er lächelte, und auch Rafaels ernstes Gesicht wurde lichter. „Es rauss schon finster sein; schnell, Rafael, bring die Lampe!" „Nein, lass nur!" sagte Corinna und blieb in der Tür stehen. „Guten Abend, grüss Gott, kleiner Rafael; nein, lasst es dämmrig, ich hab es gerne so ..." Sie trat zum Harmonium und legte die Hand auf Menkis Schulter. „Ihr habt wohl musiziert? Spielen Sie weiter! Ja? Ich hab dann auch für euch etwas Schönes.'"' Rafael stand noch immer am Fenster und schaute sie an; seine grossen Bubenhände hingen linkisch von ihm weg; seine Stirnc war von einer plötzlichen leuchtenden Blässe überzogen. „Bitte — wollen Sie — wollen Sie vielleicht — wieder —" seine Stimme überschlug sich in der Erregung — „mit mir singen?" Corinna nickte ein lächelndes „Ja" und Menkis begann ein leises Präludieren. „Wartet, ich spiel euch etwas Schönes — ein Lied — hören Sie gut zu, Corinna, dass Sie es gleich singen können." Seine schmalen Finger glitten über die Tasten und fügten Ton an Ton; eine Melodie blühte auf, rein und voll Sehnsucht, sich wiegend wie eine blasse Teichrose; sie wuchs schmerzlich empor, sank resigniert zurück, und das Ende war wie ein wehes Schluchzen. „Was ist es?" fragte Rafael leise; er hatte zugehört, mit geschlossenen Augen und offenem, durstig trinkendem Mund. „Ein russisches Volkslied," sagte Menkis. „Wenige kennen es. Ich sing's einmal mit dem Text, dann werden Sie sichs merken, nicht wahr, Corinna?" Er wandte die blinden Augen zur Seite und begann mit leiser, brüchiger Stimme zu singen: ,,Im Wald, im tiefen dunkeln, Da bin ich so allein .. Rafael hielt die Hände fest ineinandergoprosst; er hatte eine seltsame, fanatische Art, Musik in sich aufzusaugen, eine Art des Geniessens, die so stark war, dass sie schmerzte; eine Art, die voll der Anspannung war, das Gehörte zu erobern, sich zu eigen zu machen, und voll der heimlichen Angst, es zu verlieren. . . . Wieder kam das schluchzende Ende. Nachdruck verboten. „Nun f Hessen meine Tränen . . ." sang die brüchige Stimme des Blinden. Es war ganz finster im Zimmer; aber nun nahm Corinnas heller Sopran das Lied auf und hob es hoch empor, dass es wie in Licht getaucht erschien; doch Rafaels Alt, dunkel und schwer wie Samt, ging in der zweiten Stimme mit und wühlte tiefer und tiefer in der leidenschaftlichen Trauer des Liedes. Nun war es aus. Und dann brachte ein Dienstmädchen die Lampe, alltägliches Licht fiel in die Stimmung und zerriss sie; Corinna fand sich zuerst zurecht. „Also, Kinder," sagte sie froh und hielt die Hände an die erhitzten Wangen gepresst, „wir gehen heute in die Oper; Meistersinger! Ich hab im Konservatorium Karten bekommen. Ist's recht?" „Liebe, liebe Corinna . . sagte Menkis zärtlich; seine Hand griff suchend nach der ihren; „wie gut Sie immer an uns denken!" Rafael schwieg mit leuchtenden Augen und küsste scheu und ungeschickt ihre Hand. Dann brachte er dem Blinden Ueberklcider und den Stock; er half ihm behutsam beim Ankleiden, er bot ihm mit einer langgewohnten Bewegung den Arm zur Führung und leitete ihn sorgsam die Treppen hinab. Das Leuchten wich nicht von seinem Gesicht. „Glücklich bin ich . . ." dachte er immer wieder; „so glücklich . . Ja, glücklich war Rafael Gutmann, und während er jetzt durch die abendlichen lauten Strassen der Oper zuging, während Corinnas helle Stimme plauderte, während der blinde Orgelspieler sich schwer auf ihn stützte, dachte er daran, wie einfach und doch seltsam das alles gekommen war. Die Kindheit schien dem Fünfzehnjährigen weit, weit zurück zu liegen; er wusste noch, dass es früher einmal immer dunkel gewesen war. Dunkel in der schmalen Judengasse, dunkel in dem dumpfen Trödelladen des Vaters, dunkel in der engen Stube und in der Küche. Nur der kleine Platz, zu dem sich die Gasse erweiterte, bevor sie über brüchige, gewundene Stiegen zum Fluss hinablief, nur dieser kleine Platz war hell, und in den Mittagsstunden lag schöner gelber Sonnenschein auf dem holprigen Klinkerpflaster und auf dem Schild von David Belfts Geschäft. Wie ein Wunder war dem kleinen Rafael dieser Sonnenschein vorgekommen und viele Stunden lang hat er dort gesessen und hatte mit zwinkernden geblendeten Augen dem flimmernden Spiel der Kringel und Strahlen zugeschaut. Aber die Eltern sahen das nicht gern; er sollte in der engen Gasse bleiben, artig auf der Schwelle des Ladens hocken und die Vorübergehenden anrufen: „Harn Se nischt ze verkafen, Herr? Sehn Se her! Stiefel, Hoisen, a Regenscherm? Wellen Se nix kafen?" Dann kam die Mutter aus der Tiefe des Ladens hervor und stimmte geräuschvoll mit ein: „Wellen Se nischt kafen, Herr . . .?" Lazer Gutmann, der Vater, ging oftmals fort und kam dann zurück, müde, schweigsam und missgelaunt, mit einem schweren Pack von Trödelkram und Kleidern am Rücken. Er kam aus der Stadt, die etwas Fremdes und Feindliches zu sein schien, etwas Rätselhaftes, das Lazer Gutmann auf eine verbitterte Weise hasste, etwas Seltsames, das irgendwo, draussen, lag und mit lauten W7ellen an das Judenviertel brandete ...

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