Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Article
- Ein deutscher Vorläufer der "Alliance Israélite Universelle" in früheren Jahrhunderten
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 4)
- Language
- German
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31 Dr. Tänzer, Göppingen: Ein deutscher Vorläufer der ..Alliance Israelite Universelle" in früheren Jahrhunderten. 32 Hause eingerichtete erste4) Synagoge in Mcrgonthcim einen ledigen Rabbiner, dessen Unterhalt er aus eigenem bestritt. Ueberhaupt war es eine häufige, durch die sehr beschränkte Zahl der Sehutzjudon bedingte Erscheinung, dass selbst in den kleinsten Ansiedtungon einzelne überzählige Juden unter dem Titel eines Rabbiners eine Zuflucht fanden. Mit der Judenordnung vom Jahre 1725 hörte dies jedoch auf- Nach dorn Tode Salamons war das Rabbinat längere Zeit mit dem verantwortungsvollen und lastenreichen Amte dos Obervorgängers verbunden. Die Ordensjudenschaft schied sich nämlich in der Hauptsache in die tauberseits, in die neckarseits und in. die in jenem Viertel des Städtchen Aub wohnenden, das dem Orden gehörte. Alle drei hatten ihre besonderen, von Beisitzern unterstützten Vorsteher, Vorgänger genannt, die zusammen ein oberstes religiöses und administratives Kollegium bildeten, in welchem der Vorgänger von Morgcntheim den Vorsitz führte, und der deshalb von der Ordensregierung den Titel Obervorgänger erhalten hatte. Er hatte auch gewisse Reohtsbefugnisse, genoss besondere Ehrenbezeugungen und war stets die Mittelsperson zwischen Ordensregiorung und Judenschaft. Sowohl des Salamons Sohn Manasse, wie auch dessen Sohn Moses, beide ebenso tüchtige Kauüeute wie gelehrte Talmudistcn, waren zugleich Obervorgänger und Rabbinen. Doch schon unter letzterem kam es wiederholt vor, dass die neckarseitigen und die Auber-Juden sich gegen die Vorherrschaft des Mergentheimer Vorgängers auflehnten. Freilich wurden sie von der Ordcnsrcgieriing sofort in ihre Schranken gewiesen. Nach dem Tode des Moses trat insofern eine Acndcrung ein, als das Rabbinat vom Obervorgängertume getrennt, und dos Moses Schwager Galman Model5) zwar zum Obervorgänger, 4) Bis dahin mussten die dortigen Juden nach dem benachbarten Neunkirchen in die Synagoge gehen. In diesem Orte wirkte im 16. Jahrhundert ein im ganzen Ordensgebiete hochangesehener jüdischer Arzt namens Samson Levi. Als er sich 1609 um eine direkte Anstellung bei der Ordensregierung bewarb, wurde sie ihm laut Hofratsprotokoll ddo. 1609, 7. Juli, mit der Begründung abgeschlagen, „er sei deswegen in Schutz genommen, damit er dienen und die Kranken kurieren solle." Er galt als grosser Wohltäter christlicher Armen. 5) Ueber diesen Ca!man Model, eine geschichtlich sehr interessante Gestalt und ein Finanzgenie, seien hier vorläufig einige persönliche Daten mitgeteilt. Sein eigentlicher Name war Salanion, 1694 wird er in einer amtlichen Liste, wie solche vor jeder Schutzerneuerung zusammengestellt und dem Deutschmeister vorgelegt wurden, geschildert als „Sohn des bekannten reichen Model in Ansbach, mit über 7000 fl. Vermögen, arglistig, hochmütig, sehr jung, tüchtiger Geschäftsmann, hat viele Prozesse, geht dem Orden oft mit Geld an der Hand." 1703 verlor er einen erwachsenen Sohn namens Amschel. Seiner ältesten Tochter hat er an einem Freitage, 1708, 27. Januar, Hochzeit gemacht und wurde deshalb vom Stadtpfarrer Müssinger mit 20 fl. Strafe für den Altarfond in der Dominikanerkirche belegt. Gleich darauf erlicss die Ördensregierung ein Verbot des Hochzeithaltens am Freitage, weshalb es auch 1724 dem churpf. Hoffaktor Michael May in Mannheim untersagt wurde, seine Tochter an einem Freitage im Löwen-Wirtshause zu Neckarsulm. mit einem Sohne des Zacharias Frankel aus Fürth zu verheiraten. Auch sonst hat Calman Model unfreiwillig zum Ausbau katholischer Einrichtungen beigetragen. Einmal wurde er wegen Einführung fremder Münzen mit 600 fl. in Strafe genommen, für welche der Bibliotheksflügel am Priesterseminar erbaut würde. 1709 verheiratete er seine zweite Tochter nach Pforzheim, gab ihr eine Mitgift von 3000 Taler bar, bei der Regierung aber gab er der Nachsteuer halber nur 2000 Taler nicht aber zum Rabbiner ernannt wurde, weil er hierzu zu wenig Gelehrsamkeit besass. Das Rabbinat blieb vorerst unbesetzt. Mit der vom schon genannten Deutschmeister Franz Ludwig im Jahr 1725 erlassenen Judenordnung wurde das Amt eines vom Deutschmeister zu ernennenden Ober-Rabbiners aller Ordensjuden mit dem Sitze in Morgcntheim neu geschaffen und für diesen ein längerer Eid vorgeschrieben und sehr ausführliche Instruktionen0) ausgearbeitet. Ein Gleiches war auch für den gleichfalls vorn Deutschmeister zu ernennenden Obervorgänger7) vorgesehen. Beide hatten auch einen den Instruktionen entsprechenden Revers zu unterschreiben. Im Jahr 1728 erfolgte die erste Besetzung dieses, den unmittelbaren Vorläufer des heutigen württembergischen Rabbinates bildenden, Ordensrabbinates mit R. Menachcm Mendel Jankau, Sohn des Abraham, aus Jenikau in Böhmen. Er war damals bereits mehrere Jahre Privatiehrer im Hause des Obervorgängers Calman Model bzw. dessen Eidams Noo. Er war ein sehr bedeutender Gelehrter, bekleidete das Mergentheimer Rabbinat nur wenige Jahre und übersiedelte dann als Rabbiner an der Lemle Reinganiun-Klaus nach Mannheim, wo er 1755 starb.s) Zur Zeit seines Amtsantrittes war er bereits mit einer Schwester des jugendlichen Heidelberger Landau, und musste deshalb 300 Taler Strafe zur Renovierung desselben Flügels erlegen. Der Ordensarchivar Molitor, ein eingefleischter Judenhasser und Günstling des Deutschmeisters, war ein Todfeind Calman Models und bereitete ihm viel böse Stunden. Calman blieb, trotz wiederholter Resignation, Obervorgänger bis zu seinem 1729 erfolgten Tode. Sein Nachfolger im Amte war sein Schwiegersohn Noe Samuel Isak, ein bedeutender Weinlüindler, der aber späterhin vollständig abwirtschaftete. Erwähnt zu werden verdient noch Calman Models Erfolg auf dem allgemeinen fränkischen Kreiskonvent in Nürnberg 1713, wo er ein Mandat erwirkte, laut welchem der Nachdruck und die Verbreitung eines Hetzbriefes, ddo. Breslau, 18. Mai 1713, der die Juden des Ritualmordes beschuldigte, bei schwerer Strafe verboten wurde. 6) Von den 25 Punkten der Instruktion sei nur erwähnt, dass die Hochzeit von Mädchen am Dienstag oder Mittwoch, die von Witwen am Donnerstag stattfinden müsse. In den Bann legen darf er nur mit Zustimmung der Vorgänger und Beisitzer- Erwirkt ein Bannisierter nicht innerhalb drei Monaten seine Lösung aus dem Banne, so kann dies späterhin nur noch mit Genehmigung der Regierung geschehen. Inzwischen darf er nicht „in die Synagogen, und Schulen, noch zu Beschneidungen und Hochzeiten oder andere jüdische Gemeinschaften und Lustbarkeiten, viel weniger Koscherfleisch zu essen und Koscherwein zu trinken verstattet und zugelassen werden.'4 Zur Vollstreckung verhängter Malkus-Strafe gehört die obrigkeitliche Genehmigung. Geldstrafen darf er überhaupt nicht verhängen. Bei Diebstählen hat er auf Verlangen der Regierung den „Schulbann" zu verhängen. Er soll wenig und immer nur nach erhaltenem Urlaube reisen. Er allein ist befugt, innerhalb des Ordensgebietes Trauungen vorzunehmen. 7) Diese Instruktion umfasst 29 Punkte, die meist gleichen Inhaltes sind wie jene des Rabbiners. Hinzu kommt noch das Verfahren bei Umlagen usw. und das Verbot niemanden mehr „in den Schweinestall oder in. das Narrenhaus" zu sperren.. 8) Einiges über ihn bei Löwenstein, Gesch. d. Juden in der Kurpfalz, S. 192. Die dort zitierte Eintragung im Memorbuche rühmt von Jankau, dass er, ehe er nach Mannheim gekommen, in mehreren Gemeinden Rabbiner gewesen sei. Nach Mergentheimer amtlichen Notizen hat Jankau ein anderes Rabbinat als das Mergentheimer nicht bekleidet.