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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 33 - 34

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Ein deutscher Vorläufer der "Alliance Israélite Universelle" in früheren Jahrhunderten
Date
1911-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 5)
Language
German
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33 Dr. Tänzer, Göppingen: Ein deutscher Vorläufer der „Alliance Israelite Universelle" in früheren Jahrhunderten. 34 rabbiners David Ullmann verheiratet.9) Es wurde ihm, schon seiner bisherigen Stellung wegen, recht schwer, sich Ansehen und Autorität, besonders bei den neckarsoitigen Juden, zu verschaffen. In Mergenthein t stützte ihn die Familie des Obervorgängers. Aber eben das war ein Grund mehr, ihm in den Neckargemeinden, ganz ohne sein Verschulden, Feinde zu verschaffen. Schon zu Beginn des Jahres 1729 sieht er sieh gezwungen, bei der Ordensregierung' Klage zu führen gegen den Vorgänger von Gundelsheim, namens Janko[f, der ihm erstens den von allen Vorgängern zu unterfertigenden Rabonus-Brief noch immer vorenthalte, und zweitens gegen die klare Bestimmung der Instruktion sein ausschliessliches Hecht auf Vornahme von Trauungen bestreite, und solche am Neckar durch beliebige Personen ganz ohne Kenntnis des Mergcnthcimer Rabbiners vollziehen lasse.10) In seiner Verteidigung beruft sich Jankoff betreffs der Trauungssache auf die Bestimmungen des „Lanclbuches", eine Sammlung von „Tckanoth", wonach ihm das Trauungsrecht zustehe. An das Landbuch seien sie, da es beschworen wurde, nach einer Erklärung des Mannheimer Rabbiners Hillel11) unter allen Umständen gebunden. Er bitte deshalb, den Rabbiner abschlägig zu bescheiden. Der Hornecker Amtmann unterstützte Jankoffs Bitte. Ehe es noch zur Entscheidung kam, denunzierte Jankoff den Oberrabbiner bei der Regierung, dass er an einen Nathan Samuel in Neckarsulm eine Sammelliste für die Juden in Jerusalem geschickt und diesen dabei Obervorgänger tituliert habe. Diese Anzeige hätte leicht schlimme Folgen für den Rabbiner haben können, da es die Ordensregierung nicht gerne sah, wenn Geld nach auswärts ging. Jankau sah sich deshalb zu einer sehr ausführlichen Gegenschrift veranlasst. In dieser betont er zunächst, wie peinlich ihm dieser ganze Streit sei, da er in Ruhe und Frieden nur dem Studium und Gebcto leben wolle. Deshalb habe er auch vor kurzem das ihm überschickte kurpfälzische Patent12) eines „Rabbinatsvcrwallurs" zurückgeschickt, obwohl er dadurch ein weit grösseres Einkommen als jetzt in Mcrgontheim erzielt hätte. Mierauf erzählt er sehr ausführlich, was es mit dieser Geldsammlung für Jerusalem auf sich habe. „Wie dass die in Jerusalem wohnhaft seiende deutsche arme Judenschaft nun bei vier Seculi her '•>) Dies erhellt klar aus dem bei Löwenstein a. a. 0. abgedruckten Bcstallungspatent des David Ullmann vom Jahr 1728 (1722 bei L. ist ein Druckfehler). Die Angabe bei L., Note 1 a. a. 0., dass Jankau die Schwester des Ullmann erst nach 1752 geheiratet habe, kann unmöglich stimmen. 10) Er legte auch die Uebcrsetzung einer Entscheidimg des Erfurter Rabbiners Menachcm ben Isak Avigdor vom Jahr 165S vor, in welcher dieser auf Anfrage der Ordensjudenschaft erklärt, dass die Trauungsbefugnis den Vorgängern bei Vakanz des Rabbinats zustehe, anderen Falles jedoch allein der Rabbiner Trauungen vornehmen dürfe. Die Eingabe unterzeichnet er eigenhändig: Emanuel Abraham Jankau, Ober-Rabbiner. n) Rabbiner an der Lernte Reinganuni-Klaus seit 1710. 1728 weilte er einige Wochen zum Kurgebrauche in Horneck. 12) Das Vertretungspatent für seinen Schwager D. Ullmann. R. Hillel trat an seine Stelle. Bei Löwenstein a, a. 0. von den in ganzem Deutschland befindlichen, hierzu nach jeden beliebigen guten Willens zu einer hierzu auf jedem Orte namens als Frankfurt, Fürth, Hamburg, Amsterdam veranstaltete solche Armen- und zu der in Wien befindlichen Hauptkasse beitragenden Almosen unterhalten werden. Als aber bei Zeit her zehn Jahren ungefähr besagte Jerusalemische Judenschaft wegen der an denen Türken allzugross veranlasste doppelt und aberdoppelte Zinsen in solche schwere Schuldlast geraten, dass auch alles aus Deutschland hierhin gemachte Geld zu denen grausame Zinsen, weniger dem Unterhalt sufficient gewesen, hat diej in Deutschland, und zwar zu Wien wohnhafte Judenschaft auf deren jcrusalemische Juden durch express hierzu herausgesandte Abgeschickte sehr commiserable und lamentable Fürstellen hierüber mit denen zu Jerusalem, so bestündlichen türkischen Oeditoribus einen gütlichen Vergleich zu treffen, und bis daran weiters nichts von dem vorhandenen deutschen Almosen hierhin gemacht worden, gesuchet. Da erstbesagte Creditoren auf keinerlei Art sich zum Vergleich bequemet, bis endlich Ihre röm. kais. und königl. kathol. Majestät, aus höchster Gnade und Mitleiden den armen bedrängten Juden zu Jerusalem, dero zu Konstantinopel habenden kaiserlichen Residenten Herrn v. Dürling diese allergnädigste speciale Commission allergnädigst aufgetragen, zu Abtuung dieses grossen Betrags die Vergleichs-Ncgotiation bei der ottomanischen Pforten zu bewirken, sich angelegen sein zu lassen. Besagter Herr v. Dürling nach zugebrachten einigen Jahren es durch Gottes all- und kaisl. höchste Macht die Sache dahin gebracht, dass durch seine des Herrn v. Dürlings express deswegen auf kaisl. allerhöchsten Befehl nach Jerusalem gesandten Officier und Dolmetscher, nachdem diese beide Jahr und Tag zu Jerusalem gelegen, der gütliche und diesseits sehr profitable Vergleich auch für dene tyrannische Türken künftiger gänzlicher Beruhigung vor ungefähr einem halben Jahr dermassen unter Ihro röm. kaisl. und kathol. Majestät höchstem Namen wirklich testirt und effektuirt, auch zu desto unzerbrechlicher Festhaltung unter höchstgnäd. Ihrer kaisl. Majestät und der ottomanisclien Pforten höchste Subscription wohlverwahrlichen bekräftiget. Folglich diese Nachricht alsbald von Wien aus zu denen in Deutschland befindlichen hauptversammelten Judenschaften als Fürth, Frankfurt, Hamburg, Amsterdam usw. notil'icirt und von ihr wiederum weiters an deren nächst gelegenen Judenschaften mittels gedruckte Brief öffentlich communiciert worden/' Und einen solchen Brief habe er nach Neckarsulm weitergegeben, damit man dort über die Wiederaufnahme der Sendungen nach Jerusalem informiert sei. Der Deutschmeister überging in seinem Bescheide die Geldsammlung vollständig, gab dagegen dem Rabbiner in allen Punkten seine Zustimmung und wies die Juden am Neckar zu strengem Gehorsam an. Wir haben also hier einen klaren, wenn auch nicht erschöpfenden Bericht darüber, dass in früheren Jahrhunderten, Jankau spricht 1729 von bereits 400 Jahren, eine alle deutschen Lande umfassende Organisation zur Unterstützung der Juden in Palästina bestanden hat. Es wäre sehr wünschenswert, dass Jankaus Bericht durch weitere einschlägige Forschung ergänzt werde.

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