Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1175 - 1176 (sequence 4)
- Language
- German
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1175 1176 Innigkeit begabt, gelang es ihr, das Publikum für ihre Kunst gefangen zu nehmen. Als am besten gelungen wird man die schlichten Kinderlieder bezeichnen dürfen. - Sie tragen am meisten den Charakter des Volksliedes an sich und sie führen uns in ihrer Schlichtheit zum Verständnis der Volksseele. Alles in allem wird man diesen Abend als einen schönen u n d a n - regenden bezeichnen dürfe n. * * * „Allgemeine Zeitung des Judentums" v.29.Nov. 1912.- Eine sehr hübsche Veranstaltung fand am 16. cL Mts. abends im Saal der Gesellschaft der Freunde statt, ein von der Redaktion von „Ost und West41 veranstalteter Vortragsabend „Das jüdische Volkslied". Der S a a 1 w a r sehr voll, das Publikum unendlich beifallslustig. Die Mitwirkenden Frau Bella F a 1 k - M i n t s c h i n , Herr M. M agidson und Fräulein Betty Tennenbaum, auch der am Klavier begleitende Herr Arno Nadel, der einige Lieder bearbeitet hatte, waren des Beifalls im vollen Masse wert. Da am 1. Dezember ein zweiter Abend stattfinden soll, so sei das Publikum nachdrücklich auf diese merk w ü r - digen Darbietungen hingewiesen. Es ist ein Genuss ganz eigener Art, diese teils traurigen, rihrenden, teils freudigen lustigen Lieder zu hören. Zunächst muten einige in ihrer Herl:heit und auch in ihrer Einfachheit etwas fremd an, aber man gedehnt sich leicht daran und hat an diesen Liedern, die vielfach an deutsche Volkslieder und an manche Werke älterer deutscher Komponisten gemahnen, hauptsächlich aber urwüchsig aus jüdischem Milieu entstammen, seine grosse Freude. Nur möchte ich den Veranstaltern des Konzerts raten, pünktlicher zu beginnen (der Anfang war auf 8 Uhr festgesetzt, das Konzert begann aber erst um %9 Uhr) und in den Erklärungen zu den Volksliedern und Weisen sich eines etwas natürlichen und anspruchsloseren Tones zu befleissigen. Die Darbietungen selbst Sind ganz vortrefflich und gerade für den deutschen Hörer, der sich anfänglich in dieser Tonwelt schwer zurechtzufinden weiss, eine Quelle wirklichen Genusses. L. G. * „Die Weli", Berlin, v. 22. Xov. 1912: Jüdischer Volkslieder-Abend in Berlin. Mit der Veranstaltung der jüdischen Volkslieder-Abende hat sich die Redaktion von „Ost und West4' unter Leitung des Herrn W i n z ein Verdienst erworben. Sie hat hier an einem praktischen Exempel gezeigt, wie die ostjüdische Innenwelt dem westlichen Publikum nähergebracht werden kann. Und es ist an einem besonders schwierigen Beispiel geschehen. Denn gerade das jüdische Volkslied ist durchaus „bodenständig", wurzelhaft, mit dem Milieu seines Ursprungs organisch verknüpft. Es mochte daher zunächst gewagt erscheinen, es von seiner Eigenstätte losgelöst in eine neue Sphäre hineinzutragen. Der Erfolg hat jedoch den Versuch gerechtfertigt. Die innigen, wehmutsvollen Melodien, die schlichten, naiven, von stiller Hoffnung und stummen Leiden zugleich getragenen Worte des Liedes umfingen unsere Seele, hoben uns aus unserer Umgebung heraus und versetzten uns in jene anspruchslose und doch so geheimnistiefe Welt, in der das jüdische Volkslied seine Urquelle hat. Die Töne nahmen Gestalt an, die Worte wurden zu Bildern geformt, zu Bildern des Jammers, verklärt durch unerschütterlichen Glauben. Wir schauten diese Gestalten, fühlten ihre Nähe, befanden uns in ihrer Mitte. Wir sehen die enge, luft- und lichtlose Chederstube, in der der „Rebbe" die Kinder das Aleph Beess lehrt; die blasse Mutter, die ihrem ,,Veegele" ein zärtliches Wiegenlieclchen vorsingt. Das Ghettostädtchen mit seinen halbverfallenen Häuschen und deren gramgebeugten Bewohnern tauchte vor unserem Geist auf. Wort und Weise ergossen sich in Heimatklängen. Zum Erfolge trugen natürlich vor allem auch die mitwirkenden Kräfte bei. Die Sopranistin Bella Falk- Mintschin, der Tenorist M. M a g i d s o n und die Violinistin Betty Tenne n bäum verstanden es, den von ihnen vorgetragenen Liedern und Weisen den Charakter echter Volkstümlichkeit zu geben und das ihnen eigene Traumhaft- Elegische in nuancierter Abtönung zu versinnbildlichen. So hat auch der diesjährige erste Berliner jüdische Volkslieder-Abend, wie der vorjährige, gezeigt, dass die ostjüdische Eigenweit in ihrem spezifischen Wesen den westlichen Kreisen wohl erschlossen werden kann. Und es ist daher zu begrüssen, dass diese Veranstaltungen noch mehrfach wiederkehren sollen. Nur sei hier dem Wunsche Ausdruck gegeben, dass künftighin auch hebräische Volkslieder herangezogen werden mögen. Denn es gibt solche, und sogar sehr stimmungsvolle und poesiereiche. Es sei bloss an Bialiks ,,Schirei Am", an Czernichowskys Wiegenlied und an die lebensfrohen palästinensischen Lieder erinnert. Gerade in den letzteren offenbart sich ein ganz neues Element des jüdischen Volksliedes: volle Daseinsfreude, sprühende Jugendkraft, gesunde, vom Erdgeruch durchtränkte Natürlichkeit. Und das sind Volkslieder noch in einem besonderen Sinne: sie werden getragen von der Volkshoffnung auf eine nationale Zukunft, die allein das düstere Gegenwartsbild zu erhellen vermag. * * * „Jüd. Rundschau", Berlin, v. C2. Nov. 1912: Jüdischer Volkslieder-Abend in Berlin. (Veranstaltet von der Redaktion von „Ost und West", am 16. November.) Man braucht kein „Golus-Romantiker" zu sein, um den eigentümlichen Reiz des jüdischen Volksliedes zu empfinden. Wohl ist es in Wesen und Form ein „Golusprodukt": schwermütig und mitunter naiv-unbeholfen, ohne Frische und Schwung. Man spürt darin nichts von „neuen Juden". Allein — man soll nicht immer tendenziös" sein. Wir lieben die Ghettogestalten, ohne sie zu idealisieren; und in ihren Melodien und Liedern werden sie selbst verkörpert. Mit dem jüdischen Volkslied verknüpft unsere Vorstellung unwillkürlich ein bestimmtes Bild: das stille Ghettostäcltchen. Vor den niedrigen, kleinen Holzhäuschen sitzen che müden Eltern und Kinder auf Erdbänken an spät-sommerlichen Abenden — und irgendwo ertönt ein wehmütiges Liedchen, anfangs leise und zaghaft, dann lauter und durchdringender,