Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1173 - 1174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
Date
1912-12-01
Page
Seite 1173 - 1174 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584032-2602235--13991-2602335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

1173 1174 Das genussreicheProgramm, dem nächstens eine erweiterte Fortsetzung folgen soll, fand hingebungsvolle Interpreten, die um so stärker wirkten, als sie durch keinerlei Künste der frischen Natürlichkeit der Lieder etwas nahmen. Da ist zunächst Frau Bella Falk-Mintsehin, ein frisches, ursprüngliches Talent; ein schöner Sopran und kultivierte Ausdrucksmittel sichern der jungen Sängerin auch ausserhalb dieses Spezialgebietes einen guten Platz. Herr Magidson, ein hochbegabter Tenorist, sang die Lieder mit Innigkeit und ohne Uebertreibungen. Besonderen Genuss bereitete das Spiel der Geigenkünstlerin Betty Tennenbaum, die „Lieder ohne Worte" zum Vortrag brachte. Die beifallsfreudige Stimmung in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Saal wuchs von Lied zu Lied. sch. * * * „Berliner Börsen-Courier" v. 19. Nov. 1912: Jüdische Volkslieder brachte Sonnabend eine interessante Veranstaltung der Redaktion von „Ost und West". Die Lieder sind einer Sammlung des Redakteurs Leo Winz der genannten Zeitschrift entnommen und von A r n o X a d e 1, der alle Programm-Nummern am Klavier begleitete, wirksam bearbeitet. Der Begriff „Jüdische Volkslieder4' darf nicht zu eng gefasst werden. Die Musik entstammt zwar verschiedenen Ländern und setzt sich aus verschiedenen Zeitaltern zusammen, allen Gesängen ist jedoch ein deutscher Jargon-Text, das sogenannte „Jiddisch", zugrunde gelegt. Obgleich nun das „Jüdische" an diesen Texten nicht international zu nehmen ist, verraten doch einzelne eine ausgesprochen slawische Herkunft. Die in Russland, Polen und Böhmen lebenden Juden pflegen auch im gewöhnlichen Leben das deutsche „Jiddisch" mit slawischen Ausdrücken zu vermengen, und so finden sich auch in ihren Liedern Worte, wie Täte, Mamme, Pripetschek (Herd), Pupek (Magen), Seede (Grossvater), Rosinkes (Rozinky Rosinen), Jaschtschik (Kiste), Prikaschtschik (Kaufmannslehrling), Bajke (Mantille, auch eine „Fabel") usw. — Von den dargebotenen 21 Liedern wurden 7 auf der Violine wiedergegeben, und bei der achten, als Zugabe gespielten Melodie überraschte ihre Identität mit einem ungarischjüdischen Gassenhauer ordinärster Sorte (dem Marsch „Nach Grosswardein"). Die meisten Melodien setzen sich aus älteren Elementen, aus chassidischen Weisen, Hochzeitsgesängen, zum Teil auch aus unbekannten Opernmelodien zusammen, und tragen verschiedenen Gemütsstimmungen Rechnung, vom tiefen Schmerz bis zur ausgelassenen Lustigkeit. Sie sind nicht gleichwertig, mitunter von eigenartiger Schönheit und melodischem Reiz, andere wiederum ohne besondere Physiognomie und auch deutschen Vorbildern entlehnt. Nur wenige haben eine eigene jüdische Note. — Frl. Betty Tennenbaum spielte die Geigenmelodien mit schlichter 1 nnigkeit. Frau Bella Falk- Mintschin's zarter Sopran wirkte angenehm, doch charakterisierte die Sängerin zu wenig und sprach öfter undeutlich aus. Am besten schnitt der Tenorist, Herr Magidson, ab, der, wo es galt, frisch und wacker zugriff. Beifall und Zugaben gab es die Menge. H. W. * * * „Das Kleine Journal", Berlin, v. 27. Nov. 1912: Den jüdischen Volksliederabend hatte die Redaktion von „Ost und West*4 unter fördernder Mitwirkung von Bella Falk-Mintschin (Sopran), M. Ma gidson (Tenor), Betty Tennenbaum (Violine) und A r n o Nadel (Klavier) veranstaltet. Die Lieder und Melodien sind uralt und haben vielleicht schon kurz nach der Diaspora den Schmerz der Verfolgten ausgedrückt. Jn allen ist der melancholische Reiz jüdischer Kunst, Apathie und Zuversicht, eine tiefere Skepsis, manchmal nur die grosse Schmerz gebärde, oft aber ergreifende Traurigkeit. Arno Nadel hat diese regellos überlieferten, von- L e o W i n z gesammelten Melodien mit Zartgefühl in eine Form gebracht. Ohne die Linie zu zerstören, hat er die Melodien unserer rhythmischen Gesetzlichkeit unterworfen. Die Begleitung stützt sie, hebt ihren tiefsten Sinn und erweitert das Liedfragment zur Liedform. Das Klavier ist nicht selbständig behandelt, es begleitet bald homophon, bald imitierend und macht durch manche herbe, moderne Harmonik, die aber im Chara kter des Ganzen bleibt, das Archaische schmackhaft. Viel können uns diese Lieder nicht mehr geben. Dennoch sollte der Notenstecher die hier geleistete Kulturarbeit verewigen. Felix Stössinger. * * * „Israelitisches Wochenblatt", Berlin, v. 22. Nov. 1912: Jüdischer Yolksliederabend. Die Redaktion von ,,Ost lind West" lud am vorigen Sonnabend abend zu einein von ihr veranstalteten jüdischen Volksliederabend ein. Ob man im strengen Sinne des Wortes hier von Volksliedern sprechen darf, ist nicht ganz sicher. Viele dieser Lieder sind kaum 40—50 Jahre alt und sind von Goldfaden entweder geschaffen oder reproduziert worden. Aber auf den Namen kommt es nicht an. Diese Lieder sind Gemeingut des jüdischen Volkes im Osten und sie bilden für diese Elemente einen Schatz, an dem sich ihre Seele bereichert. Darin liegt ihre Grosse. Sie wirken auf die jüdische Psyche, weil sie aus der jüdischen N a t u r g e s c Ii äffe n s i n d. Und auch darin zeigt sich der wahre jüdische Charakter, dass Melodie und Text hier zu einer unzertrennlichen Einheit verschmolzen sind. Die Lieder sind ein Avenig modernisiert und etwas veredelt. Sie wirken aber, für das westeuropäische Publikum wenigstens, in dieser mehr künstlerischen Gestalt um so mehr. Es war daher ein glücklicher Gedanke, der einen grossen psychologischen Wert hat. Der Abend gestaltete sich sehr stimmungsvoll und die Künstler gaben ihr Bestes. Als eine sehr feinsinnige Geigenspielerin erwies sich Fräulein Betty Tennenbaum. Sie brachte die jüdischen Weisen ebenso warm wie tief zum Ausdruck. Herr Magidson sang verschiedene Lieder mit tiefem Verständnis und begeisterte das Publikum für die Melodien, in denen die jüdische Seele lacht und weint, freilich häufiger weint als lacht. Das ist eben das Merkwürdige an diesen jüdischen Volksmelodien, dass sie wie die kleinrussischen etwas Wehmütiges und Schweres an sich haben. Sehr fein sang Fräulein Bella Falk- M i n t s e h i n. Mit wenig Stimmitteln, aber mit viel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.