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Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1177 - 1178

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
Date
1912-12-01
Page
Seite 1177 - 1178 (sequence 5)
Language
German
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1177 1178 und ergiesst sich in die stille Dunkelheit. Die Erwachsenen lauschen und seufzen kaum vernehmbar, drücken die Kleinen an sich, die mit grossen fragenden Augen in die Nacht hineinblicken . . . Und nun sind uns jene Weisen und Lieder in einem herrlichen, elektrisch beleuchteten Saal in Berlin W vorgetragen worden, in moderner Ausstattung und künstlerischer Musikform. Lag darin nicht ein innerer Widerspruch? Musste da nicht die „Seele" des Liedes vor dem ihm ungewohnten Gewände zurückscheuchen? Diese Fragen werden sicherlich auch die Initiatoren beschäftigt haben. Trotz der Erkenntnis von der inneren Schwierigkeit des Unternehmens sind sie doch an dessen Durchführung mutig herangetreten. Allerdings wurde ihnen die Aufgabe durch ihre besondere Vertrautheit mit dem Stoffe erleichtert. Sowohl Herr Winz, der Redakteur von „Ost und West", wie auch die mitwirkenden Herren Nadel und M a g i d - s o n und die Damen Bett y Tennenbaum und Bella Falk -Mintsc hin sind ausgezeichnete Kenner des jüdischen Volksliedes und seiner Eigenart. Und es gelang ihnen auch, diese Eigenart unverfälscht zum Ausdruck zu bringen und uns in jene stille Welt zu versetzen, die sicli selbst ein stummes Schicksalsrätsel bleibt. LEIPZIG „Leipziger Tageblatt" v. i. Nov. 1912 : Das jüdische Volkslied. Eine Veranstaltung, die wohl nicht nur für den Fernstehenden, sondern a u c Ii f ü r viele a u s de m Kreise, für den sie zunächst berechnet war, Neues brachte, war am Reformationsfest der Jüdische Volksliederabend, den die Kedaktion von „Ost lind West" im städtischen Kaufhause bot. Das Programm nannte in einem Teile jüdische Volksmelodien für Geige und Klavier, gewissermassen jüdische Lieder ohne Worte. Frl. Betty Tennenbau m spielte diese eigenartigen Weisen mit tiefer Empfindung und guter Bogentechnik. Sie bot vornehmlich chassidisehe Melodien. Weisen, die ursprünglich mit und ohne Text im Gebrauch waren, und ferner alte Hochzeitsmelodien und Volksklänge, denen der „Uebergang vom Schmerz zur Lust, ein Urphänomen der Kunst,'4 gemeinsam war. Der andere Teil der Vortragsfolge enthielt gesungene jüdische Volkslieder, die durch zwei beachtenswerte Sangeskräfte vermittelt wurden, von Frl. Ciaire D a w i d o f f und Herrn M. Magidson. Beide waren vom Inhalte ihrer Vorträge tief beseelt, das bewies die Darbietung deutlich. Dass der Gesang der Sopranistin an manchen Stellen ein wenig hart erschien, lag wohl an dem fremdartigen Jargon des Textes, denn ein „Waisenlied", von Klavier und Violine begleitet, und ein Wiegenlied waren von berückender Zartheit trotz der hohen Stimmlage. Herr Magidson erntete besonders mit dem „Peckele" , das den zündenden Kehrreim „Trog dein Peckeie, Jidele, hob kein Moire" enthält, so tiefes Verständnis und brausenden Beifall, dass er es wiederholen musste. Die Vorträge der gespielten und gesungenen Lieder zeigten, wie der Jude das weiche Moll aucli in seinen lustigen Weisen wirkungsvoll verwendet, selbst das lustigste Lied des Abends, „Ssimches-Toire-Lied" (Gesetzesfreude) stand in Moll. Die Begleitung am Klavier hatte Herr Arno Nadel, der mit Ausnahme einiger weniger von Bogumil Zepler stammenden diese Weisen auch bearbeitet hat, und entledigte sich seiner Aufgabe einwandfrei. Der nach jeder Nummer wachsende Beifall gibt den Veranstaltern den besten Beweis, dass ihnen ihre Absicht gelungen ist: dem jüdischen Publikum Gelegenheit zu bieten, eine in den weitesten Kreisen des ostdeutschen Judentums lebende Volkskunst kennen zu lernen. * * 4 „Leipziger Zeitung'6 v. l. Nov. 1912: Das jüdische Volkslied. Im Kaufhaussaale gab es gestern ein ganz eigenartiges Konzert: einen jüdischen Volksliederabend, veranstaltet von der Zeitschrift „Ost und West'*. Es ist nichts Neues, dass sich der Charakter eines Volkes in seinen Melodien spiegelt; überdies Jiaben Volkslieder den hohen ästhetischen Wert, die letzten Reste naiver Kunst zu sein, die Kunst vor der Kunst, wie man umschreiben könnte. Die jüdischen Volkslieder gehöre n n u n nicht allein zu den seltenen, sonder n a uch zu den m e r k w ü r d i g e n. Ihr musikalischer Charakter ist ein typisch ausgeprägter. Im Ausdruck zumeist ernst, schwermütig, sind sie selbst in der Lustigkeit nicht frei von jener Gedrücktheit, welche auf historischen Schmerz deutet. In die grosse Anzahl der gestern vorgeführten Lieder und Weisen — inwieweit es wirklich Volkslieder waren, entzieht sich unserer Kenntnis — teilten sich Herr M. Magidson, ein weicher lyrischer Tenor, und Frl. Ciaire D a w i d o f f , eine Sopranistin mit sympathischer, leicht ansprechender und beweglicher Stimme. Beide sangen sehr geschmackvoll. Daneben erfreute Frl. Betty T e n n e n b a u m die Hörer mit Melodien für die Geige, die sie tonschön und verständnisinnig vermittelte. Am Flügel begleitete anschmiegsam Herr Arno Nadel, der feinsinnige Bearbeiter vieler der Sammlung Leo W i n z entnommener Lieder. E. M. * * * „Leipziger Neueste Nachrichten" v. l. Nov. 1912: Der Konzert-Abend „Das Jüdische Volkslied'' im Kaufhaus brachte weniger fremdartige Eindrücke, als mancher vielleicht erwartete, denn die Verwandtschaft der meist sehr gehaltvollen Melodien mit ungarischen und stellenweise mit russischen Volksweisen ist ungemein hervortretend. Zudem hatte der geschickte Klavierbegleiter, Arno Nadel, sowohl die auf der Violine gespielten als die gesungenen Lieder mit einer gewählten und im Rahmen des Volkslieclmässigen wechselvollen Klavierbegleitung, zum Teil mit hinzutretender Violine, versehen; (nur einige waren von Bogumil Zepler bearbeitet). Als Violinistin entfaltete Betty Tennenbaum ausdrucksvollen Ton und Vortrag, auch der Tenor, M. Magidson, und die Sopranistin Ciaire Dawidoff nahmen durch

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