Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1171 - 1172 (sequence 2)
- Language
- German
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1171 1172 liedartige Stücke, deren Texte minder belangreich, ja, entbehrlich sind. Die Gesänge interessieren sowohl durch die Weise wie auch durch die Texte, die in ihrem jüdisch-deutschen Jargon scharfe kleine Kulturbilder aufrollen. Das ergreifendste ist vielleicht das Lied vom. „Peckele": das Bild des ewigen Juden, mit seinem Packen auf dein Rücken, taucht auf; durch die Länder zieht der Alte, verfolgt und geschändet, in aller seiner Not die Thora als seinen einzigen Schatz hütend. Ein Stück von grossem Pathos, mit seinem seltsam packenden Refrain: „Trog dein Peckele, Jidele, hob kein Meure (Furcht), Auf dem Pleizele (Rücken) trog im' wer nit mid, Trog dos Peckele, Jidele, hit ob Gott's Toire, Solang du trogst den Nanien Jid." Das Lied ,,Alef-Bais" schildert lebendig, wie der ,,Rebbe" (Rabbiner) am flackernden Herdfeuer „lernet ldeene Kinderlach dem Alef-Bais (Alphabet)". Andere Lieder schildern mit humorvoller Behäbigkeit die Freuden des Sabbats, die Ueppigkeiten der Sseedernacht des Passahfestes; der Dichter zählt die leckeren Gerichte des Ostermahls auf, „den Chren und Moraur mit Charoisses, a Zibele, a'n Ei im' Salzwasser dabei/', er begeistert sich an den ,,Arba Koisses" (den vier Bechern österlichen Weins) und gipfelt in dem verzückten Ausspruch: „Es is doch poschet (einfach) zuckersiss, alle Weile die Koisses (Becher) giss, a fette Halke (Knödel), a scheene Malke (die Königin, Hausfrau), oi lieb ich den Sseeder!'* Mehrere zarte Wiegenlieder fesseln durch melodische Feinheiten. Ein chassidischer Sang bringt ah alte Bekanntschaft jene Phrase, die durch Rubinsteins „Asra" weltberühmt geworden ist. Wer in den jüdischen Vierteln von London und New York umhergestreift ist, erinnert sich wohl an eine Spezialität dieser Weltstädte, die „jiddische" Schaubühne und Oper. Das Programm brachte auch ein volkstümliches Lied aus einer Oper von Goldfaden, einem in jenen Kreisen gefeierten Meister des Genres. Ein „Sehmoll-Tanz" vergnügte das Ohr durch kapriziöse Rhythmik: keifende, derbe Phrasen, die dann immer in liebenswürdigen Wendungen versöhnlich auslaufen ■— das zankende Paar spielt nur Komödie. Die Gaben des wohlgelungenen Abends wurden dargereicht durch die Geigerin Betty Tennenbaum, die Sängerin Frau Bella Falk -Mintsc hin, den Tenoristen M. M a g i d s o n und den Pianisten Arno Nadel. Dieser hat auch die Begleitungen der meisten Melodien sehr geschickt für Klavier gesetzt; einige Stücke waren von Bogumil Z e p 1 e r trefflich bearbeitet. Ein zweiter jüdischer Volksliederabend ist für die nächste Zeit in Aussicht genommen. Hugo Leichtentritt. * * * „Berliner Lokal-Anzeiger" v. is. Nov. 1912: „Das jüdische Volkslied*' bildete den Gegenstand einer künstlerischen Veranstaltung (der Redaktion von „Ost Ufld Westk'), die. zahlreich besucht, in der Gesellschaft der Freunde stattfand und manches Interessante bot. Es wurden Melodien ohne Worte vorgetragen und Lieder in der Mundart der Ghettos, jenes Gemisches von mittelalterlichem Deutsch mit slawischen und hebräischen Brocken, das westeuropäischen Ohren so wunderlich klingt. Das Wesen all dieser Lieder ist die Schwermut, und ganz eigenartig schmiegt sich dem Text gerade bei klagenden Weisen die Melodie an, der freilich irgendeine überraschende Originalität kaum zugesprochen werden kann. Sie erinnert vielmehr an spanische, ungarische, slawische, zumeist aber wohl an deutsche Vorbilder. In den rührenden Wiegen- und Kinderliedern, die von Bella Falk-Mintschin mit einer zu Herzen gehenden, wahrhaft künstlerischen Schlichtheit gesungen wurden, trat das ganz besonders hervor. Herr Magidson, ein nicht übler Tenorist, hatte mit seinen auch im Humoristischen derberen Stücken den gleich starken Erfolg wie die übrigen Mitwirkenden. Die Melodien ohne Worte brachte die bekannte Geigerin Betty Tennenbaum ganz virtuos und mit viel Empfindung zu Gehör. Am Klavier begleitete Herr Arno Nadel, von dem auch die liebevolle Bearbeitung der meisten dieser aus der Sammlung Leo Wi nz stammenden Lieder herrührt. # * * ,Merliner Volks-Zeitung" v. 19. Nov. 1912: Das jüdische Volkslied. Nichts offenbart uns die Psyche eines Volkes mehr als seine Lieder. In den jüdischen Liedern, diesen verschollenen Melodien, lebt das ganze Dasein der Juden Osteuropas, der „Bettler an der fremden Schwelle". Die Literatur der Ostjuden hat ihre Erklärer und Uebersetzer gefunden; die Literaturkundigen kennen heute neben Schalom Asch, den Reinhardt herbeiholte, auch die anderen grossen Namen der Jargondichtung wie Anauchi, Perez, Bialik, Frug, Mendele Mo eher Sforim, Morris Rosenfeld und andere. Die Liedersammlung verdanken wir Leo Winz, dem Herausgeber der Zeitschrift „Ost und West", die uns vergangenen Sonnabend zu einem Liederabend geladen hatte. Der Westeuropäer weiss nichts von den Geheimnissen, die tief verschleiert durch die kleinen Judenstädtchen des Ostens schweben, weiss nichts von den Wundern einer stillen Welt, in der das feinere Ohr alle Klänge des grossen Lebens erhaschen kann: Sehnsucht und Freude, Lust und Schmerz, Bejahen und Verneinen. Dies alles strömt in wunderbarer Fülle aus dem jüdischen Volkslied, das uns das Sinnen und Trachten des östlichen Juden näherbringt. Nachdem diese Lieder in München, Frankfurt a. M., Breslau und Nürnberg ihr grosses Publikum gefunden hatten, kamen sie jetzt vor dem Berliner Publikum zum Vortrag und entfesselten auch hier Beifallsstürme, wie sie in unseren Konzertsälen nicht oft gehört werden. lieber die Texte ist nicht viel zu sagen; sie muten, wenngleich sie von Dingen des Alltags erzählen, feiertäglich an. Hört man diese Melodien durch den Saal zittern, dann träumt man von kleinen Dörfern, auf denen der heimatlose Jude pilgert. Sagen wir es kurz: von einem Leben, das sich am Rande der grossen "Welt abrollt, aber voll ist der grossen Gefühle und leuchtenden Wunder. Jede Trauer endigt in diesen Melodien mit einer jähen Lache; jedes Lachen klingt aus in ein leises Weinen. Lache Bajazzo! . . .