Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1169 - 1170 (sequence 1)
- Language
- German
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1169 1170 Urteile der Presse über die „Jüdischen Volkslieder»Abende", die von der Redaktion von „Ost und West44 in der Zeit vom 31. Oktober bis zum 24. November 1912 in den Städten Berlin, Leipzig, Breslau, Frankfurt a. JVL, Köln, München, Nürnberg, Hamburg, Posen und Hannover veranstaltet wurden: BERLIN „Berliner Tagebfaü" v. 19. Nov. 1912: Das jüdische Volkslied. Der Osten ist die Heimat des jüdischen Volksliedes, von dessen Klängen bis heute nur wenig nach Westeuropa gedrungen ist. Die Literatur der Ostjuden hat seit kurzem ihre Interpreten gefunden, und nachdem Professor Wiener von der Cambridge-Universität die Werke des unglücklichen Neuyorker Ghettodichters Morris Rosenfeld der grossen Oeffentlichkeit als erster vermittelt hatte, begegnet man in literarischen Kreisen einem gesteigerten Interesse für die Jargonliteratur. Das jüdische Volkslied lebt in fernen Winkeln; sein Wesen verträgt keine künstlerische Analyse, denn seine Kunst ist N a t ü r I i c h k e i t. Alles Fühlen des scheuen, verprügelten Ostjuden, Sehnsucht und Freude, Lust und Schmerz, dies alles strömt in reicher Fülle aus seinen Liedern, die, wie ihre Sänger, im Verborgenen leben. Lieder sind es, die a n Innigkeit feierlichen Chorälen gleichen und traurige Bilder geben von staubigen Dörfern und stillen jBethänsern, von Müttern, deren grosses Herz alle Hoffnung in der Wiege erblickt. Das Leben selbst ist in diesen Liedern. Diese verschollenen Melodien gesammelt zu haben, bedeutet ein Stück Kulturarbeit, für das man Herrn Leo Winz, dem Herausgeber der Zeitschrift „Ost und West", d anke n m u s s. Nachdem das jüdische Volkslied schon in anderen Städten des Reiches ein grosses Publikum gewonnen hatte, konnte man sie vergangenen Sonnabend in Berlin hören. Auch hier fanden sie ein andächtiges Auditorium, das seiner Freude durch u n g e w ähnlich starken Beifall Ausdruck gab. Die Interpreten dieser Lieder wirken dort am stärksten, wo sie in aller Natürlichkeit auf Kunst" verzichten, was namentlich Frau Bella Falk -Mintsc Ii i n gelang, einer begabten jungen Sängerin von heiterem Temperament und schönen Ausdrucksmitteln, sowie dem Tenoristen M a - g i d s o n , der seine Lieder mit inniger Kraft zum Vortrag brachte. Die Kunst der Geigerin Betty Tennenbaum gab den „Liedern ohne Worte" einen eigenen, ergreifenden Wortklang. * * * „Vossische Zeitung" v. 20. Nov 1912: Jüdische Volkslieder. Zu einem Vortragsabend mit jüdischen Volksliedern hatte die Zeitschrift „Ost Und West'4 geladen. Dargeboten wurden Gesänge und Melodien für Geige und Klavier. Die Veranstaltung brachte nicht wenig Bemerkenswertes und Fesselndes. Es tat sich ein tiefer Blick auf in die seelische Verfassung der östlichen Ghettoinsassen. Kann sich diese Kunst an Mannigfaltigkeit und Reichtum der Erfindung auch nicht mit dem Volkslied der eigentlichen musikalischen Nationen vergleichen, so hat sie bei aller Enge doch eine ausserordentliche Tiefe der Empfindung. Diese Melodien haben nicht das kindlich Naive, Quellfrische, Frühlingshafte alter deutscher und französischer Volkslieder etwa; aus ihnen spricht die Last des Alters, das Herbstliche, Herbe. Voll gesättigt sind sie vom Leide der Jahrhunderte, sie überquellen von Tränenfluten; die Wehmut der Resignation, die Leidenschaftlichkeit des Glaubens, das zähe Festhalten am Ueberlieferten sind besonders markante jüdische Charakterzüge, die auch in den Texten und Melodien wohl erkennbar sind. Ein seltsamer Humor von kläglicher tragikomischer Färbung tritt des öfteren auf. Ein ängstlich klagender Ton bleibt fast immer gewahrt, bis in die ausgelassenste Lustigkeit hinein, die bisweilen urplötzlich hervorbricht, um kurz darauf ebenso plötzlich wieder zu verschwinden. Mancherlei musikalische Elemente mischen sich in diesen seltsamen Weisen: orientalische, auf exotischen Skalen beruhende Floskeln, die melancholischen Klänge der melodiereichen russischen Lieder, die feurigen polnischen Tanzrhythmen, der ungarische Czardas, Zigeunermusik, zierliches Rokoko, das charakteristisch Liedhafte der deutschen Sangesweise, Synagogalgesang und Gassenhauer, Psalmodierendes, Rezitativisches in buntem Durcheinander. W a s aber daraus entsteht, ist d o c h etwas Eigengeartetes, in seiner Art Gefestetes, ein Produkt von Kunstwert, d a s wohl etwas ernstere Beachtung verdiente, als ihm bisher zugebilligt wurde. Die instrumentalen Melodien sind chassiclische Weisen, Hochzeitsmelodien, Tanzstückchen, phantasieartige und