Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1113 -1114 (sequence 4)
- Language
- German
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1113 Rabbiner Dr. M. L. Bamberger: Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern. Uli Minhag und ihr Machsor7) sind die ältesten in Europa. Bedeutende Rominotengemeinden existierten in Sofia, Nicopolis, Widdin, Saloniki, Galiopoli, auf den griechischen Inseln Negroponte, Zante, Korfu, in Konstantinopel und Adrianopel. U eberall wurde in den Rominotengemeinden der Machsor der Rominoten benutzt, und erst nach heftigen Kämpfen mit den zur Majorität gewordenen Spaniolen wurde er aufgegeben. Nur in Adrianopel ist er bis auf den heutigen Tag beibehalten worden. An der Spitze der Rominoten in Konstantinopel standen als geistige Führer u. a. R. Moses Kapsali und nach ihm der nicht minder berühmte Rabbi Eliah Misrachi, der den Raschikommentar erläuterte und noch andere wertvolle Schriften verfasste. Dessen Amtsnachfolger R. Elia ben Benjamin Halevy, ein Schüler Kapsalis, hat die Bräuche der Rominoten gesammelt und die erste Auflage des rominotischen Machsor (Venedig 1570) für den Druck vorbereitet. Hervorragende Gelehrte aus den Rominoten-Gemeinden sind auch R. Abraham 3>en David III., der u. a. Anmerkungen zum Rif, einen Kommentar zum Buch Jezira und Thorath Kohanim schrieb, Rabbi Serach ja der Grieche, welche ein Sefer Hajaschar verfasste8). R. Moses Kuks, Verfasser eines in Paris handschriftlich vorhandenen Werkes über tahnudische und allgemein wissenschaftliche Fragen9). Interessant ist der Minhag der Rominoten am Simchas tauro ausser dem Choson tauro und Choson bereschis, nach einen Chason meauno und Choson wajaal aufzurufen. Ebenso der Brauch, einem in der Synagoge anwesenden Bräutigam den Abschnitt (?p? DiTQXl) von Elieser's Brautwerbung um Rebecka vorzulesen; ist der Bräutigam ein Koben, so wird dieser Abschnitt vor dem Wochenabschnitt gelesen. Das am Eingange des Versöhnungstages zu sprechende Kol nidrei wird im Rominotenmachsor wie folgt begründet: ,,Für alle Sünden gibt es Busse am Versöhnungstage, ausgenommen jene (Nedorim) freiwillig auf uns genommenen Verpflichtungen, für Arme oder das Heiligtum etwas zu spenden, an die wir uns nicht mehr erinnert hätten. Deshalb löst die ganze Gemeinde alle etwa von uns aufgenommenen Verpflichtungen/' Die Rominoten legten Wert darauf, ihren Rabbinern ein auskömmliches Gehalt zu gewähren, um sie der Notwendigkeit zu überheben, für Ehescheidungen, Chaliza usw. ein Honorar anzunehmen.10) 7) Zum ersten Male gedruckt bei David Bomberg in Venedig 5330 — 1570, zum zweiten Male bei Elieser Galimidi in Konstantinopel 5362 1G02. Elieser war ein Gelehrter, der die Bräuche der Rominoten sammelte, den Machsor mit Anmerkungen und Worterklärungen versah. s; Chr. Benjacob Ozar haseforim S. 233 X. 487. 9) ibid. S. 3 N. 70 und Hamagid I S. 164. cfr. Franco: Essai sur l'histoire des Israelites de TEmpire Ottomane Paris 1897 p. 22, welcher mitteilt, dass Juda al Harizi 1225 Konstantinopel besuchte. (Francos Werk sowie Isidor Löb: La Situation des Israelites en Turquie etc. sind mir von der Alliance israelite universelle in Paris zur Verfügung gestellt worden und danke ich auch an dieser Stelle). 10) Rosanes S. 136 nach Kneses hagdaulo Choschen mischpot 9 cfr. R. Obadja Bertinero Bechoroth 4. 6. Aucli an der Aussprache des Hebräischen Avaren die Rominaten zu erkennen, sie konnten das Gheth nicht aussprechen und sprachen dafür He. auch das Sin konnten sie nur mit Anstrengung sprechen, und statt des Lautes Ts sprachen sie Tz, \vas übrigens noch heute bei den Karaiten in Konstantinopel zu beobachten ist. — Rominoten- oder Griechensynagogen tWU p"p befinden sich noch jetzt in Konstantinopel. Brussa, Adrianopel, Saloniki (zwei, Ez Chajim u. Ez hadath); in Sofia bestand bis zum Jahre 1897 ebenfalls eine «nm p"p rran m11)1 2. Franzosen. Am 17. September 1394, am Versöhnung^ tage, erliess Karl VI. ein Judenausweisungsedikt und bestimmte, dass keine Juden künftighin in irgendeinem Teile Frankreichs, weder in Languedoil noch in Languedoc (Nord- und Südfrankreich) wohnen und weilen dürfen12). Die aus Frankreich ausgewanderten Juden gingen zum Teil nach Spanien, zum Teil nach Deutschland, zum Teil unmittelbar nach der Türkei. Der grösste Teil der nach Spanien und Deutschland ausgewanderten Franzosen resp. deren Nachkommen fanden sich spater aber auch wieder in der Türkei ein, als die Judenverfolgungen in ihrer neuen Heimat für sie unerträglich wurden. Zur Auswanderung aus Deutschland trug in erster Linie bei das Sendschreiben R. Isak Zarfati's, welches er an seine Glaubensgenossen in Deutschland richtete (cirka 1175 bis 1485). „Meine Brüder und Lehrer, Freunde und Bekannte! Ich, Isak Zarfati, der ich aus Frankreich stamme, in Deutschland geboren bin und dort zu den Füssen von Lehrern gesessen, rufe euch zu, dass die Türkei ein Land ist, in dem nichts fehlt..... Hier kann jeder unter seinem Weinstoeke und unter seinem Feigenstocke ruhig leben."13) Das Sendschreiben Zarfatis, der 'damals in Adrianopel lebte, lockte viele Franzosen und Deutsche nach den Balkanländern. Sie fühlten sich dort auch wohl. 11) Franco p. 23: „Salonique air*si possede une synagogue dite „El Kahal de los Javanim Graes". 12) Grätz. Geschichte der Juden VIII. S. 73 f. 13) Grätz 1. c. S. 283 und Note 6. 7. Rosanes S. 145. Jüdischer Kultus* gegenständ: Deuter für das Vorlesen aus der Bibel.