Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1115 - 1116 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584032-2602211--13921-2602306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1115 Rabbiner Dr. M. L. Bamberger: Zur Geschichte der Juden in den Balkanländern. 1116 nahmen an allen jüdischen -Angelegenheiten Anteil, vor allem an dem dort blühenden Thorastudhim. Sie gewannen auch bald Einfluss und Rabbi Eliah Misrachi musste sicli14) mit ihnen in einer Frage ,,über die Stämme der hebräischen Verben" auseinander setzen (zwei- oder dreibuchstabige W urzeln!)15). Nur wenige Zeichen sind heute noch vorhanden, welche auf die ursprüngliche Heimat hinweisen. Da ist zunächst die im Orient noch heute allgemein bekannte Bezeichnung ..Franken oder Frenken" für alle Juden, welche aus den romanisc hen Ländern stammen. Ferner ist auf die unbedingt auf französischen Ursprung deutenden Eigen- und Familiennamen hinzuweisen. Der Name Francesa, Gali, Franca ist für Frauen im Balkan nicht selten. Auch die Familiennamen Bajonne, Beziers, Gascogne, Troyes, Narbonne, Franco, Salernes, Comtino gehören nicht zu den Seltenheiten.16) 3. Ungarn. Wiederum war es eine Judenaustreibung, welche einen neuen Zustrom von Juden nach dem Balkan führte und zwar die Vertreibung der ungarischen Juden im Jahre 1376 durch Ludwig I. Der rumänische Woiwode Dan IL nahm die der Donau entlang ausgewanderten Juden freundlich auf und freute sich, dass sie sich in Turn niederliessen, weil dadurch der Handel und der Verkehr auf der Donau ausserordentlich gehoben wurde.17) Ein Teil der ungarischen Juden 14) Eliah Misrachi II. 0. 3. 22. 15) Rosanes i« ... H«aan »:a nan.-n win w; lSSunn rvn cy en*rv.sn D'tfnn1? v-q* pnpm nasna »a mspan wn h t 2^7 . . minn nrivBa »mta mx n h:i nSto D'swn »Sya om T&r, jd p»K n.iDnni rr.run m'nwncr c -oi»t? rEP* »asna .m»niK trScro mns entr tr» rv.v^x »ns? 16) Rosanes 1. c. S. 146, Franco p. 285 „liest certain «lue Frances signifie Francais: Sarfate ruot hebreu veut dire egalement: Francais". 17) Sulzer, Geschichte des Transalpischen Daciens Wien 1781, zitiert bei Rosanes S. 147. wandte sich jedoch nach Bulgarien. Damals regierte dort der letzte bulgarische Kaiser Johann Schischmann, dessen Mutter Theodora18, eine Jüdin war. Theodora hatte auf die Regierung grossen Einfluss, den sie zugunsten der unglücklichen Juden geltend machte. So siedeln sich viele der vertriebenen Ungarn in Bulgarien an, namentlich in Sofia, Widdin und Nicopolis. Die aus Ungarn angekommenen Juden wurden von den Einheimischen ,,Bne Budun"' (Budapest hiess damals Budun). Auch nachdem Sultan Soliman 1530 Budapest eingenommen hatte, siedelten sich viele ungarische Juden in Belgrad, Sofia, Plewna, Niccopolis, Adrianopel19) und in Konstantinopelf0) an21). In den Responsen von Rabbi Josef Caro, Rabbi Samuel di Modena und R. Ahron Chaim Koben finden sich verschiedene Abhandlungen über religiöse Differenzen zwischen den ungarischen Juden und den Einheimischen. Ausserdem erinnert noch heute der bei den Balkanjuden uns begegnende Familienname Maghiar und die Boudonsynagoge in Adrianopel an die ungarische Einwanderung. Unter den eingewanderten Ungarn fand das Thorastudhim eifrige Pflege und werden auch hervorragende Gelehrte genannt, so Rabbi Dosa ben Moses in Widdin, ein Schüler Rabbi Schaloms aus Neustadt (bei Wien) als Verfasser von Talmuderklärungen und Tosaphat.22) (Fortsetzung folgt). 18) Als Jüdin hiess sie Sarah. w) Gründeten dort die Synagogen der Bouclon und der Aschkenasim. 20) Die Aschkenasimsynagoge von ihnen gegründet. 21) Franco S. 31. Rosanes S. 149: auch in Sarajevo in Bosnien siedelten sich um diese Zeit 30 jüdische Familien an, denen der Gouverneur Mayos Facha ein besonderes Stadtviertel anwies. Der dortige Friedhof ist 1545 angelegt. 22) Rosanes S. 147. STIMMUNGEN AUS SALONIKI. Yon Max Hochdorf. Es wird Passali. Noch ist es sonniger Apriltag, \md doch wird es verspürbar in dieser reichen Stadt der Juden, dass sehr bald Abend und Fest kommen werden. Sie rüsten überall das Passah, besonders in dem Basar des Fleisches und Gemüses. Und ist hier sonst schon der Lärm von märchenhafter Stärke, so schwillt er an ins Mächtige, wenn die Schatten vor dem Feste länger werden. Lastträger mit eisernem Rücken sind die Juden dieser Stadt, Bootsleute, deren Muskeln hart und wellig unter den festen Trikotjacken hervorquellen. Die Lastträger und die Ruderer, sie haben schon um die Mittagstunde Feierabend gemacht. Und nun ziehen sie aus, um das süsse Kraut und auch den bitte/en Lattich, um die schmackhaften Früchte und das Fleisch des Lämmleins einzukaufen. Derweilen hetzen sich ihre Frauen in den Häusern ab, damit aller Wochentag aus den W ohnungen verschwindet und alles, was nach dem Worte des Gesetzes unsauber und ungeniesshar ist am Passah. Die Männer kaufen ein. Sie haben schon das Ruhegewand angelegt. Sie lassen schon durch die Hände den Zeitvertreib des Orients gleiten, die Perlenkette, deren einzelne Glieder durch die Finger rollen. Die Schleusen ihrer Geschwätzigkeit öffnen sich. Ehe sie eine Zitrone erwerben, betasten sie die Frucht von allen Seiten. Sie halten jedes Ei gegen das verräterische Licht. Sie prüfen das Gemüse mit kundiger Gründlichkeit, ihrer Sorgfalt darf kein schlechtes Aederchen auf den Fleischmassen entgehen. Und sie handeln, sie prüfen das Gewicht auf der Wage, sie heben wohl die Schalen der Wage in die Höhe, um nachzusehen, ob auch durch keine Scheibe verborgenen, schwerwiegenden Wachses das Mass ihrer Ware geschmälert wird. So sind sie misstrauisch und vorsichtig bei dem Nächsten. Sie tragen im Schnupf-