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Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1091 - 1092

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Der "Propheten" zweiter Teil
Date
1912-12-01
Page
Seite 1091 - 1092 (sequence 6)
Language
German
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1091 Binjamin Segel: Der „Propheten" zweiter Teil. 1092 „Händler, die nur in Zahlen leben". „Dem Juden mangelt der Sinn für alles Organische, Natürliche, Gewachsene". Er „verlegt alle Werte in den Erfolg hinaus". Er „erkennt im Geld das höchste Ziel seines Strebens". Wenn das alles die „Eigenart* des jüdischen Volkes ausmachen sollte, so müssten wir Juden diese Eigenart raschestens auszurotten, aus der Welt zu vertilgen trachten, zu unserem Heil und fcum Heil der Welt. Wie kann man eine Edelrasse und zugleich flach wurzelig, oberflächlich, fremdenfeindlich, geldsüchtig sein, den Erfolg anbeten, mit Gott knausern und rechnen? Wie kann man den irdischen Reichtum am höchsten schätzen und zugleich selbstlos für die Wahrheit und die Mitmenschen eintreten? Wie kann man im Kern konservativ sein und zugleich an nichts hängen, als an dem äusseren Erfolg? Wie können Schwärmerseeleh in dem Gelderwerb aufgehen? Wie kann man der Moralist der Völker und zugleich deren Mephistopheles sein? . . . Indessen, das sollt ihr gleich erfahren: Ein Jude kam einmal in eine fremde Stadt; am Sabbat morgens ging er in die Synagoge; der Sitte gemäss wollte man ihn zur Thora aufrufen und fragte ihn, was er sei. „Ein Kohen." Gut. Man rief ihn als ersten zur Thora auf. Zu Mincha ging er ins Bethammidrasch. „Was seid ihr?" „Ein Lewite." Gut. Man rief ihn als zweiten zur Thora auf. Montags ging er in die Klaus. „Was seid ihr?" „Ein Israelite." Gut, Man rief ihn als dritten zur Thora auf. Schliesslich wurde die Sache ruchbar, man schleppte den Patron zum Rabbiner, der ihm ob seiner Frivolität eine tüchtige Strafrede hielt. „Regt euch nur nicht auf, Rabbi", antwortete der Mann, „ich habe nichts Unrechtes getan, ich bin nämlich Kohen, Lewite und Israelite in einer Person". „Was redest du da, Mensch? Wie kann einer Kohen, Lewite und Israelite in einer Person sein?" „Das seht ihr doch!" war die unerschütterliche Antwort. — Na, das seht ihr doch. * * * in zwei Punkten stimmen jedoch die weitaus meisten Experten untereinander und mit Sombart überein. Zunächst teilen sie die Gesamtmenschheit in zwei Gruppen: eine sehr grosse, das sind die Nichtjuden, und eine ganz kleine, die noch nicht den hundertsten Teil der ersteren ausmacht, das sind die Juden. Erstere sind die Wirtsvölker, letztere bilden das Gastvolk. Den ersteren gehört unser Planet, er ist sozusagen ihr Privateigentum, die anderen sind nur geduldete Gäste hienieden. Diese allerliebste Theorie ist alt, o, sehr alt, aber hier wird sie mit einer bezaubernden Selbstverständlichkeit und Unbefangenheit vorgetragen, dass es herzerquickend ist. Reizend drückt das Nordhausen aus: „Zweierlei bedarf ein Gastvolk, um wohlgelitten zu sein." (Den Rest schenk ich ihm.) Ehemals galt die Erde mitsamt ihren Bewohnern als Privatgut einiger Herrscherfamilien von Gottes Gnaden, und diese durften sogar Teile von ihr herausschneiden, undsie ihren Töchtern als Mitgift schenken, aber nun haben wrir es weit gebracht in der Kultur, Widder Globus ist ausschliesslicher Besitz gewisser Rassen, zu denen die Juden nicht gehören; diese sind auf Gottes Erde nur Gäste und die anderen dürfen ihnen natürlich vorschreiben, wie sie sich zu betragen haben, wo sie sich hinsetzen, wie viele ihrer sich einfinden, was sie tun und was sie lassen sollen. Sie sind ja nur geduldete Gäste und müssen aufpassen, dass sie, behüte, nicht lästig werden. Wir hatten geglaubt, dass wir Menschen alle nur Gäste auf dieser dunklen Erde seien. Aber nein, die-Juden allein sind es. Die anderen aber sind die Wirte. Sie sind die alleinigen Besitzer des Erdballs. Wir Juden glaubten immer, dass „die Erde und alles was sie füllt, Gottes sei, die Kulturwelt und alle ihre Bewohner", und dass Gott diese Erde den Menschen gegeben habe, damit sie sie bevölkern, geistig und physisch bezwingen, sie zum Sitz edler Gesitttung, der Güte und der Gerechtigkeit machen. Aber das war ein dreitäusendjähriger Irrtum. Denn jeder Mensch darf überall hingehen, und wenn er ehrlich arbeitet und sich müht, muss es „ein gleiches Gesetz für ihn wie für den Eingeboreneri geben", und „du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn auch du warst einmal ein Fremdling im Lande Egypten." Jeder Mensch, nur der Jude nicht. Er ist überall nur Gast. Ein Recht auf Dasein hat er nirgends. In dem Gebiete des heutigen Deutschland z. B. ist er nachweislich mindestens 1500 Jahre ansässig, aber er hat sich das Recht, hier zu leben, noch immer nicht ersessen. Der Germane dagegen ist überall, wo er hinkommt, sofort ohne Frage der Wirt und hat sogar das Recht, die dort seit Jahrhunderten ansässigen Juden zu veitreiben, dieweil sie ja nur Gäste sind. In der Bukowina z. B. erinnerten die vor wenigen Jahrzehnten dorthin eingewanderten Deutschen anlässlich der letzten Reichsrats wähl die dortigen Juden, dass sie sich „in fremdem Lande" aufhalten und daher verpflichtet seien, auf den deutsch-antisemitischen Kandidaten zu stimmen, der ja der Wirt sei. Die nach Galizien vor etwas mehr als einem Jahrhundert eingewanderten Deutschen betrachten (gleichwie die Deutschen in Polen und Südrussland) die dortigen Juden für eine Art lästiger Gäste, deren man sich doch ehestens entledigen müsste. In Palästina verbreiten die dort angesiedelten Deutschen Aufrufe an die Bevölkerung: „Kauft nicht bei Juden!" In Westgalizien gibt es eine Reihe kleiner Städtchen, in denen noch heutzutage, trotz der österreichischen Konstitution, ein Jude nicht einmal übernachten darf. Die Einwohner, die ehemals Deutsche gewesen sind, ziehen vergilbte, deutsch geschriebene Pergamente hervor, in denen steht, dass sie von polnischen Königen oder Grossherren das Recht erkauft haben, keine Juden in ihren Mauern zu dulden. (In einem solchen ganz verarmten Städtchen wollte ein Jude vor einigen Jahren eine Fabrik errichten, die der Einwohnerschaft Nahrung gegeben hätte. Auf Grund eines alten deutschen Dokumentes verweigerte ihm die Gemeinde das Aufenthai tsrecht. Er errichtete die Fabrik in der Nachbar-

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