Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1089 - 1090

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Der "Propheten" zweiter Teil
Date
1912-12-01
Page
Seite 1089 - 1090 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584032-2602203--13892-2602293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1089 Biniamin Segel: Der „Propheten44 zweiter Teil. 1090 Schlag in Arier verwandeln konnte. Seither aber hat die Stärke bedenklich nachgelassen. * * * Das Gesagte möge vorläufig genügen, um den Wert der Sombartschen Methode und der durch sie gewonnenen Resultate zu beleuchten, welche vielleicht bald „den Ausgang bei der Lösung des Judenproblems abgeben" werden. Das Judenbuch soll, wie er selber bescheiden sagt, „ein Ratgeber sein allen, die sich mit dem Judenproblem befassen wollen". Wie man das machen soll, hat Sombart in seinen zwei dünnen Judenbüchern, den „Judentaufen" und der „Zukunft der Juden" eingehend dargelegt und seine Ideen auch noch der Welt in einer Reihe von öffentlichen Vorträgen verkündet, dieer in den grössten Städten Deutschlands und Oesterreichs, von Köln bis Czernowitz unter grossem Zulauf gehalten hat. Wollte man aus den „Judentaufen" eine Richtschnur ableiten, so wäre man in grösster Verlegenheit, denn alle 29 Experten widersprechen einander in den Hauptpunkten derart, dass, wenn man die Antworten addiert, eine grosse Null herauskommt; sie heben sich gegenseitig auf. Der eine verlangt von den Juden Erhaltung ihrer Eigenart, der aLdere völlige Selbstvernichtung. Der eine versichert, das Heil der Juden werde erst kommen, wenn sie sämtlich ihre Religion aufgegeben haben, der andere betrachtet das Verschwinden der jüdischen Religion als einen unersetzlichen Verlust für die ganze Menschheit. Beteuert der eine, dass die physiologische Vermischung den Deutschen unerwünscht sei, so beweist der andere, dass sie meist sogar sehr leidenschaftlich begehit. Prophezeit der eine, dass das Ende des Judentums bald bevorstehe, so weissagt sein Nachbar, dass die Juden bis ans Ende der Welt bestehen würden. Schwelgt der eine in blutigen Bildern nahe bevorstehender Pogrome in Deutschland (falls ein Dutzend sogenannter jüdischer Journalisten nicht die Gegnerschaft zu seiner Partei aufgeben würde), so sieht der andere das sehr baldige Ende des Antisemitismus voraus. Verspricht sich der eine vom Zionismus die Erlösung der Juden sowie der Nichtjuden, so hält ihn der andere für vollkommen aussichtslos und irrelevant; einer bezeichnet seine Bestrebungen als heilsam, der andere als verderblich. Es ist ein richtiger Turm von Babel. Zum Glück kennt man die Namen und die Yergangenheit der „Sachverständigen" und weiss die feuilletonisierenden Uebermenschen, lyrischer Staatsmänner, philosophischen Novellisten, weltbezwiagenden Oberlehrer, mystischen Journalisten von den ernsten Forschern, tiefen Denkern und feinen Psychologen genau zu unterscheiden. (Leider sind die letzteren Spielarten in dem Buche nur sehr spärlich vertreten.) Viel bedenklicher ist es, dass sehr viele, und nicht die Geringsten, den Theorien Sombarts stracks widersprechen. Richard Dehmel z, B. versichert, dass Juden und Germanen einander durch verwandte Anlagen anziehen. „In beiden weist der Familientrieb, also die Grundlage derVolksbildung, sehr ähnliche Gemütsart auf. Ueberhaupt sind manche Grundzüge der jüdischen Gemütsverfassung den deutschen auffallend gleich geartet: Eigensinn bis zur Halsstarrigkeit, Selbstgefühl bis zur Prahlerei, Mitgefühl bis zur Rührseligkeit, Naturgefühl bis zur Stimmungsduselei, Innigkeit bis zur Schwärmerei, Anhänglichkeit bis zur Kriecherei. Auch manche Verstandesanlagen decken einander. Besonders der rechnerisch kühle Erwerbssinn, den man immer als eigentlich jüdisch anspricht, findet sich ganz ebenbürtig in dem reinst gebliebenen altdeutschen Stamm, bei den Friesen von Holstein bis Holland hin. Und dem spintisierenden Witz der Juden gibt an pfiffiger Schlauheit der neudeutsche Sachse, an spöttischem Scharfsinn der Märker nicht nach." Genügt's? Das ist so ziemlich das ganz genaue Gegenteil von dem, was Sombart in den wichtigsten Kapiteln seines dicken Judenbuchs lehrt. Dasselbe oder ähnliches sagen andere mit ein bisschen anderen Worten. Aber noch viel bedenklicher ist es, dass Sombart selber seinen früheren Aufstellungen widerspricht. Man glaubt hier förmlich einen ganz andern Sombart zu hören, vielleicht einen zukünftigen, der schon tiefer geschürft hat. Hier fordert er sehr energisch und mit allem Nachdruck, dass wir unsere Eigenart pflegen und erhalten; wir sind eine unzweifelhaft edle Spielart der Spezies homo sapiens; wenn die jüdische Note aus der modernen Kultur verschwände, würde diese unendlich an Reiz verlieren; das Schicksal des jüdischen Volkes ist über dem aller andern Völker an Grösse und Tiefe erhaben. Und noch ähnliches. Nun nehme man dazu, was die andern sagen: „Zu allen Zeiten haben sich die jüdischen Vorkämpfer der allgemein menschlichen Gesittung durch geistigen Mut und Gradsinn ausgezeichnet. Und dass ihnen von alters her auch körperliche Kühnheit im Blute steckt, zeigen die Gestalten der Bibel". „Die einzige Rasse aber, welche ich der meinen (germanischen,) als gleichberechtigt anerkennen muss, ist die jüdische". „Eine im Kern so konservative Nation wie die jüdische". (Es gibt unter den Juden) „die Sippe der positiven jungen Schwärmerseelen, denen über alles die erkannte Wahrheit geht und die selbstlos für sie, wie für die Mitmenschen eintreten". „Der Nichtjude, moralisch unproduktiv, ist seit zwei Jahrtausenden auf die Moral des Juden angewiesen, die er mit Begeisterung angenommen, der er aber innerlich fremd gegenübersteht. . . Der Jude, sein eigner Moralist und Beichtvater, reizt durch diese Fähigkeit aufs höchste den Zorn des Nichtjuden, der über seine vom Juden entlehnte Moral hinaus moralisch nicht weiterrechnen kann, der das einmal verspielte oder verscherzte innere Gleichgewicht aus eigener Kraft heraus nicht wiedergewinnen kann". . . Nimmt man diese und noch viele ähnliche Dikta, die sich hier finden, so kennt man sich wahrlich nicht mehr aus. Man halte dem einiges gegenüber, Avas Sombart von uns in seinem dicken Buch sagt: „Nüchtern, d. h. frei von leidenschaftlichen Affekten, frei von Sentimentalität und unpraktischem Idealismus".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.