Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Der "Propheten" zweiter Teil
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1093 - 1094 (sequence 7)
- Language
- German
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1093 Binjamin Segel: Der'„Propheten44 zweiter Teil. 1094 gemeinde, die seither merklich an Wohlstand erblüht ist.) Krakau liegt bekanntlich nicht in Deutschland, aber im 15. Jahrhundert war die die Stadt beherrschende Klasse ausschliesslich deutsch. Nun besitzen wir aus dem Ende dieses Jahrhunderts ein Dokument in deutscher, lateinischer und hebräischer Sprache, das uns der treffliche Forseher und beste Kenner der jüdischen Geschichte in Krakau, Feiwel Wetstein, mitgeteilt hat. Das aus dem Jahre 1485 stammende Schriftstück ist das älteste jüdische Dokument, das sich in Krakau erhalten hat; darin verpflichten sich die dortigen Juden dem Magistrat gegenüber „nicht zw handeln vnd zw haben mit keyner Kewffmanschacz oder Cremerey, dy solle wir vormeiden — vnd losen vollkomlich. Auch sulle wyr nicht nemen kenerley Koffmanschacz oder Cremerey von Kofflewten zw vorkauffen das durch vnserer hant anderen cristen". Kurz, die deutschen Händler hatten die Juden von Krakau aus der Stadt nach der Vorstadt hinausgedrängt, sie durften dort keinen Handel treiben, nur ihre verfallenen Pfänder durften sie am Dienstag und Freitag und auf den Jahrmärkten feilbieten. Die Spräche dieses Dokuments ist noch unfertig, der Stil ist holperig, aber in der Sache zeigt sich schon dieselbe Meisterschaft wie heute. Ungarn und Nordamerika sind doch gewiss keine deutschen Länder, aber die gefährlichsten Hetzer gegen die dortigen Juden sind Deutsche. Hermann Bahr, dieser prächtige Hermann Bahr, der zehn Hermann Bahrs in sich trägt, drückt das sehr fein aus: viele Deutsche hätten das Gefühl, in ihrer Eigenart bedroht zu sein, an ihrer Seele Schaden zu nehmen. Darum müssten die Juden überall hinaus, damit die Seele jener Deutschen im heutigen Palästina und der von 1485 in Krakau durch die unbequeme Handelskonkurrenz d^r Juden keinen Schaden nehme in ihrer Eigenart. * * * Man sieht, die von Sombart und den anderen vorgetragene Theorie ist zwar jung und frisch, aber weder neu noch originell. Und das gleiche gilt von der aus dieser Theorie fliessenden Praxis, zu der uns hier in allen Tonarten die Anweisung gegeben wird. Sombart: die Juden „sollten möglichst überall das eine Prozent bilden, das sie bei uns im grossen Durchschnitt der Bevölkerung ausmachen. Wäre diese Verteilung gleichmässiger durchgeführt, würden sie sich an einzelnen Orten und in einzelnen Berufen nicht so arg stauen, dann könnten wir wohl auch noch ein zweites oder selbst noch ein drittes Prozent vertragen'4. (Gnädiger kann man nicht sein.) Und die meisten anderen variieren diese klaren Leitsätze mannigfach, aber halten sie nicht minder bestimmt aufrecht. Nun wissen wir endlich, was wir zu tun haben, um Gefallen zu finden in den Augen (des modernen) Gottes und der Menschen, die unsere Wirte sind. Wir müssen trachten, das* unser ja nicht allzu viele werden. Malthusianismus. Sombart erachtet freilich „eine jede Zerstörung einer besonderen Eigenart als einen unwiederbringlichen Verlust". „Wir werden ja so rasch arm in unserer reichen Zeit, arm an Eigenart, individueller wie völkischer, dass wir uns krampfhaft an jeden Rest von Originalität klammern sollten". Aber — „man muss unter Umständen eine Spezies unterdrücken, wenn sie etwa auf Kosten einer andern zu sehr sich auszudehnen droht". — Fragt sich nur, warum man diesen Prozess der Unterdrückung „überwuchernder" Spezies gerade jenen gegenüber anwenden solle, die kaum ein paar armselige Millionen zählen, und von denen" doch eine Uniformierung und Verödung der Welt nicht zu befürchten ist, — nicht aber bei jenen, die beinahe hundert oder mehr Millionen umfassen. Doch was die Juden anbetrifft, ist die Sache klar. Diese sind nämlich nicht nur überall ein Gastvolk, sondern erfreuen sich obendrein noch einer ganz besonderen Eigenschaft. Sie sind nämlich eine Würze, eine Art Salz der Völker. Würze und Salz haben an sich keine Existenzberechtigung und können nur als Beigabe, als Mittel für andere höhere Zwecke dienen. Und auch hier stellt sich's heraus, dass wir Juden seit Jahrtausenden in einem zwiefachen Irrtum gelebt haben. Wir glaubten stets, der Mensch sei der höchste Selbstzweck und dass kein Mensch, auch nicht der dienende Sklave, als Mittel zu einem andern Zweck, als Sache angesehen werden dürfe; dass aber andererseits die ganze Menschheit, all ihre Arbeit und ihr Streben und Irren nur ein Mittel, ein Werkzeug in der Hand Gottes sei, Mittel und Werkzeug zu einem Zweck, der im Bewusstsein Gottes ruht und dessen Verwirklichung wiederum die Menschheit zum Subjekt und Objekt hat. Das mag vielleicht für die andern gelten, für die Juden trifft es nicht zu. Die Juden sind in der Welt gar nicht da, um da zu sein, sondern um andern als „Lebenswürze4' zu dienen (praktisch geredet: um für sie die Steuern zu zahlen, die kapitalistische Wirtschaftsordnung heraufzuführen, ihre Bücher zu kaufeu, ihre Museen zu füllen, für ihre Söhne reichliche Mitgiften anzuhäufen). Und ein Gewürz, versteht ihr mich, darf nur in mässiger Dosis genossen werden, sonst fühlt sich der geniessende Organismus unbehaglich, oder er nimmt Schaden an seiner Seele. Ein Prozent, höchstens drei Prozent, und nicht weiter! . . Ei, du lieber Himmel, wie alt ist das! Das war ja in Deutschland Jahrhunderte lang Sitte, Brauch und Gesetz den Juden gegenüber. Sie waren eine Sache, die man ins Land schaffen, aus dem Lande schaffen, verkaufen, verleihen, verpachten konnte. Ihrer räumlichen Ausbreitung wie ihrer natürlichen Vermehrung waren eiserne Schranken gezogen. In vielen Staaten und Städten (nicht nur in den österreichischen Erblanden allein) durfte nur ein Spross jeder Familie heiraten. Das war noch mehr als Malthus geträumt. Noch im Jahre 1806, als die Juden in Frankfurt a. M. „emanzipiert" wurden, wurde ihre zulässige Zahl auf 500 beschränkt; sie mussten zusehen, sich darüber hinaus nicht zu vermehren. Kehren wir also zu dieser Praxis zurück!