Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Der "Propheten" zweiter Teil
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1085 - 1086 (sequence 3)
- Language
- German
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1085 Binjamin Segel: Der „Propheten" zweiter Teil. 1086 vielleicht noch einige Stück Vieh, die ein glücklicher Raubzug ersetzen konnte. Zog ein Feind heran, so verbrannten sie selbst ohne Zaudern ihre Wohnsitze und bargen sich und ihre fahrende Habe hinter Sümpfen und Wäldern, oder sie Hessen ihr Land auch ganz im Stich und gingen mit Kind und Kegel auf die Wanderschaft. Der Gegenstand des Patriotismus konnte also nicht das Vaterland, sondern nur der Stamm sein, d. h. eine Gemeinschaft von Hunderttausend oder mehr, aus denen der einzelne nur seine Gaugenossen kannte." „Als Cäsar 58 v. Chr. mit ihnen in Berührung kam, hatten sie mit dem Feldbau zwar schon begonnen, doch nahm er in ihrem wirtschaftlichen Leben noch eine sehr untergeordnete Rolle ein. Und 150 Jahre später, zur Zeit des Tacitus, zog man noch immer keine Pflanzen, die einer mehrjährigen Pflege bedürfen, bis sie einen Ertrag geben, also nur Körnerfrucht, aber weder Obst noch Wein." „Die Sueven schickten zu Casars Zeiten jedes Jahr, das Gott werden liess, die Hälfte ihrer waffenfähigen Mannschaft aus, um. bei irgend einer der angrenzenden Völkerschaften das Vieh wegzutreiben und durch Niederbrennen der Dörfer ihre wüsten Jagdgründe zu erweitern. Aber keinem verkümmerte der Staat sein freies Menschenrecht, auch auf eigene Faust nach Belieben Kühe zu stehlen" (Otto Seeck). Man bedenke : in den Zeiten Casars und Tacitus'. Damals waren die Jaden mindestens seit anderthalb Jahrtausenden ansässig, ihr Staatswesen war von den benachbarten Weltreichen wiederholt zerstört und wieder aufgebaut worden, mit kleinen Nachbarn hatten sie sich unzählige Male herumgeschlagen, mit vier grossen Kulturen, der ägyptischen, babylonisch - assyrischen, persischen, griechisch-römischen waren sie in Berührung gekommen; sie hatten mit unerhörter Zähigkeit und ungeheuren Opfern den schmalen Petzen Landes, der ihre Heimat war, gegen die mächtigsten Legionen, gegen die ersten Soldaten der alten Welt verteidigt; oft und oft dezimiert und vertrieben, kehrten sie immer von neuem dorthin zurück und fingen von neuem an, ihren armseligen Kohl zu pflanzen; und als das Land schliesslich doch zu enge ward, um sie ernähren zu können, und sie sich über die Nachbarländer verstreuen mussten, hielten sie die Augen überall nach der alten Heimat gerichtet und hofften, dass sie durch ein Wunder des Himmels wieder heimgeführt werden würden auf die väterliche Scholle, die, auch durch ein Wunder, Fähigkeit und Raum gewinnen wird, sie alle zu fassen und zu ernähren. Und doch waren und blieben sie nur Nomaden! Um die Zeit des Cäsar und Tacitus, und noch lange vorher und nachher waren sie gefürchtete Krieger, die in allen Armeen als gesuchte und begehrte Söldner dienten, so dass die Heeresverwaltungen sogar ihre seltsamen Ritualien und Speisegesetze gern berücksichtigten. Man sollte meinen, dass wir heutigen Juden den Makkabäern und ihren Scharen, den letzten Verteidigern Jerusalems, den Insurgenten des Bar-Kochba, den Soldaten in den ägyptisch-griechischen und römischen Armeen, den Gründern der Militärstaaten in Arabien zeitlich viel näher stehen und seelisch viel verwandter sind, als den Nomaden unserer Urväter Zeiten. Aber nein. Wir waren immer Nomaden und sind es bis aut den heutigen Tag geblieben. Und die Germanen? Seit ihrem Auftreten drängten sie immerfort aus ihrer Heimat weg in fremde Länder. Sie drangen bis Süditalien, Spanien, bis Nordafrika, bis an das Schwarze Meer und Kleinasien vor. Das Wandern und Umherschweifen war fast ein Jahrtausend lang der einzige Inhalt ihrer Geschichte. Bis auf den heutigen Tag sind sie von allen Völkern das allgegenwärtigste auf dem Erdball. In Kiautschau, in Tokio, in Singapore, in Südafrika, auf Feuerland, in Labiador, in Hammerfest, in den Steppen Sibiriens, überall ist der Deutsche zu finden. Als Stromer durchzieht er „fechtend" die entlegensten Gegenden, China, Brasilien, Galizien, Innerafrika und Indien. Aber er ist und bleibt trotzdem ewig der Wurzelfeste, der Bodenständige, der der Scholle Vermählte, mit Feld und Busch Verwachsene. Und wie ich es ehemals vor einem ,,herben" Maimuni oder einer verwickelten „Sugia" getan, sitze ich da und zerbreche mir den Kopf, um diesen Widerspruch im dicken Judenbuch zu lösen. Vergebens! Plötzlich aber wird mir die Erleuchtung. Ein kleines Wörtchen kommt mir in den Sinn: „echt germanischer Wandertrieb". Und das ist etwas ganz, ganz anderes, als der gemeine, niedrige, jüdische Nomadismus. Das war nämlich immer so. Was z. B. beim Germanen Mannesmut, Selbstachtung ist, das ist beim Juden Arroganz, Vordringlichkeit; germanischen Erwerbssinn und Besitzesfreude nennt man beim Juden Habsucht und Geldgier; der Germane ist bescheiden und höflich, der Jude kann nur kriecherisch uni verschlagen sein. Und so ist anch der Germane von einem edlen Wandertrieb beseelt, und der Jude ist Nomade. Schon gut. Jetzt versteh ich's. Und wieder versenke ich mich mit Ehrfurcht in dies dicke Judenbuch. Uns Juden ist seit nahezu dritthalb Jahrtausenden eine religiöse Verehrung für das Buch angezüchtet. Hinter jedem dicken Folianten sehen wir im Geiste einen heiligen Mann, der die Wahrheit sucht, um sie den Menschen zu verkünden, der uns den rechten Weg führen will durch die Wirrnisse des Lebens, der uns das Gute lehrt oder uns in die Geheimnisse der göttlichen Lehre oder des göttlichen Weltenplans einweihen möchte, uns die Tore zu einem höheren Dasein erschliesst, einen Freund und Wohltäter, der sich wohl irren kann, es aber stets gut mit uns meint. Das ist die Frucht der Erziehung, die uns unsere Lehrer und Weisen seit Esra, was sage ich: seit den Propheten, seit Moses haben an gedeihen lassen. Und seit wir in neuester Zeit uns mit der modernen Kultur eingelassen, seit wir uns in Schiller und Kant verliebt und Goethe verstehen gelernt haben, haben wir diese vertrauensvolle Hingabe, diesen religiösen Kultus von den jüdischen Büchern, denen er vormals ausschliesslich