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Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1083 - 1084

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Der "Propheten" zweiter Teil
Date
1912-12-01
Page
Seite 1083 - 1084 (sequence 2)
Language
German
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1083 Binjamin Segel: Der „Propheten." zweiter Teil. 1084 dischen Natur, der hauptsächlich in Betracht kommt: der im Blut der Juden liegende Nomadismus oder Saharismus. Saharismus ist eigentlich ziemlich übertrieben, denn in der Sahara sind unsere Väter nie gewesen. Aber einerlei, wir sind ein Wüstenvolk, wir sind also Nomaden. Und die Wüste hat, nach Sombart, eine frappante Aehnlichkeit mit der Grossstadt, dieser Schöpfung, diesem Hauptsitz der kapitalistischen Produktionsweise. Nomaden G-rossstädter Juden. Die Sache ist klar. Dieser Vergleich der Grossstadt mit der Wüste ist sehr poetisch und erfreut sich bei neuern Novellisten mit Becht einer grossen Beliebtheit. Jeder Grossstädter bekommt die Aehnlichkeit am eigenen Leibe zu spüren. Besonders im Hochsommer. Man verdurstet, man schwitzt, man bekommt Sand zu schlucken, man kann sich verirren. Auch an Kamelen ist gottlob kein Mangel. Und Karawanen ziehen in die Oasen (Tiergarten genannt). Fehlt nur das tiefe, heilige, ewige Schweigen und der weite Horizont. (Letzt ern ersetzen die Zeitungen und Extrablätter, aber mehr bildlich, ideell.) Sonst stimmt alles. Trotzdem ergeht es mir, wie so oft vor dicken, tiefgelehrten Büchern, dass mir der Verstand still steht und nicht weiter kann. Ich sage mir nämlich folgendes: Gewiss haben die Juden ebenso wie alle andern Völker auch, bevor sie ansässig geworden sind, eine Epoche des. Nomadismus durchgemacht. Allein in der spätem Erinnerung des Volkes ist diese Epoche auf 40 Jahre Wüstenwanderung zusammengeschrumpft. Und diese malte man sich nicht als ein Umhernomadisieren aus, sondern als einen Zug aus der Fremde zur Wiedereroberung des väterlichen Landes, anders konnte man das offenbar nicht mehr verstehen. „Erobert das Land und setzt euch fest darin", „nehmt das Land in Besitz und bebaut es", „esset die Früchte des Landes". Will man diese wilden, unbändigen Stämme ködern, dass sie ihren stolzen Nacken unter das Joch des Gesetzes beugen, so verspricht man ihnen: „Ich werde euch Regen zur rechten Zeit geben, die Erde wird ihre Frucht und der Baum des Feldes sein Obst spenden, bei euch wird der Drusch bis zur Ernte langen und die Ernte bis zur Saat, ihr werdet euer Brot zur Satte essen und ihr werdet ruhig in eurem Lande sitzen, ich werde Frieden im Lande walten lassen, ihr werdet lagern, ohne dass jemand wagt, euch aufzuscheuchen". „Ich werde eurem Lande den Regen zur rechten Zeit geben, Frühlingsregen und Herbstregen und du wirst dein Korn und deinen Wein und dein Oel einheimsen". Die ärgste Drohung, um sie kirre zu machen, war: „Ich mache euch heimatlos, das Land wird euch ausspeien". ,,Ich schicke den Feind über euch und er reisst euch aus der heimatlichen Scholle und verstreut euch in die Fremde." „Ich verbiete dem Himmel, dass er Regen spende, und die Erde gibt ihre Frucht nicht, und ihr verschwindet bald von dem guten Lande, welches Gott euch schenkt". Und wenn ihr trotz alledem noch immer nicht gehorchen werdet, werde ich euch siebenfach züchtigen ob eurer Sünden. Ich zerbreche dann eure stolze Macht, |lass' euren Himmel hart werden wie Eisen und euren Boden trocken wie Kupfer, umsonst vergeudet ihr eure Kraft, eure Erde gibt ihre Frucht nicht und der Baum des Landes versagt sein Obst." Nomaden! Was? — Die ganze Gesetzgebung des Pentateuchs ist eine eminente Agrargesetzgebung, angepasst den Bedürfnissen eines Ackerbau und Viehzucht treibenden Bauernstammes, der einen grossen Eroberungskrieg geführt hat, um sich in den Besitz des Landes zu setzen, dann aber nur zum Schwerte greift um seine Scholle zu verteidigen. Und als 1000 oder 1500 Jahre später die Naturalwirtschaft weichen musste, um den Handel und der Geldleihe Platz zu machen, war man gezwungen, die alten, heiligen Gesetze umzudeuten, zu erweitern, den neuen Verhältnissen anzupassen, um wenigstens einigermassen auskommen zu können. Nomaden, nicht wahr? — Die ganze Urgeschichte, die Wanderungen der Väter, erscheinen den späteren bäuerlichen Nachkommen als ein unablässiges Hinstreben nach dem „Lande, welches ich verheissen habe zu schenken deinen Nachkommen", als eine Art Provisorium, dessen Ende nicht sehnsüchtig genug erwartet werden kann. Beim Opfer der Feldfrucht gedenkt man stolz und wehmütig der Urzeit: „Ein nomadisierender Aramäer war mein Urahn, dann musste er nach Aegypten hinunter. Die Aegyter taten uns Böses und peinigten uns . .da schrien wir zum ewigen Gott unsrer Väter . . ., er zog uns mit starker Hand aus Aegypten . . . und brachte uns hierher und gab uns dieses Land, welches trieft von Milch und Honig. Nun hab' ich die Erstlinge der Feldfrüchte gebracht, die du Gott mir gegeben hast." „Und freuen sollst du dich all' des Guten, welches Gott dir u#d deinem Haus gegeben hat, du und der Levite und der Fremde, der unter euch wohnt". Land, Land, Heimat! Saat, Ernte, Drusch! Das ist der Angelpunkt, um d^n alles in dieser kleinen Welt sich dreht. Das höchste Ideal ist, dass jeder ruhig unter seinem Weinbaum und seinem Feigenbaum sitze, Bäume die nur bei sehr langjähriger sorgfältiger Pflege gedeihen. Der seligste Traum der fernen Zukunft ist, dass die Völker kein Schwert mehr gegen einander erheben und keinen Krieg lernen, sondern ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Sicheln umschmieden. Die Kleinviehhirten waren bei dieser Bauernbevölkerung, weil sie die Feldfrüchte häufig schädigten, so verachtet, dass sie gewissermassen ausserhalb der Gesellschaft standen. Noch in später, talmudischer Zeit begannen die Diskussionen häufig mit dem Schulbeispiel: „Es kommt der Mann abends vom Felde heim . . Und dennoch Nomaden, Nomaden bis auf den heutigan Tag. Und die Germanen? „Die Deutschen zogen jahraus, jahrein mit ihren Dörfern an einen andern Ort; wurden diese eingenommen und verheert, so verloren sie nichts weiter als ein paar Hütten, welche doch zum Abbruch bestimmt waren und

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