Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- Margot Lipmann
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 1017 - 1018 (sequence 3)
- Language
- German
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1017 Karl Schwarz: Margot Lipmann. 1018 günstig, da die Künstlerin gerade in dem Atelier meines Freundes Hermann Struck die ersten Versuche in der Radierung machte. So lernte ich Margot Lipmann kennen. Eine der Zeichnungen, die mir zu dieser Bekanntschaft verhalfen, war der Kopf eines russischen Jünglings, dieses wehmüti g - träumerische G esicht, dessen fahle Züge von seelischen und körperlichen Leiden erzählen. Zeichnenkönnen ist eine Gabe — aber nicht mühelos fällt sie dem Menschen in den Schoss, nicht der Musenkuss allein schafft den Künstler, sondern er weckt ihn nur. Um zum wirklichen Besitze zu gelangen, um mit dem Geschenk des Himmels schalten zu können, dazu gehört unermütliches Ringen. Es ist erstaunlich, mit welcher Zähigkeit Margot Lipmann ihrem Ziele zustrebt. Wochenlang zeichiet sie an den Konturen MARGOT LIPMANN. Aus Dachau. (Nach einem Oelgernälde.) BERLIN. MARGOT LIPMANN. Bildnis einer Dame. (Xach einem Oelgemilde.) BERLIN. eines Kopfes, um in der reinen Linie sich Rechenschaft abzulegen von dem Wesen des Striches in seiner absoluten Gestalt. Eine felsenfeste Ehrlichkeit gehört zu solchem Beginnen, aber der Lohn der Mühe ist die Beherrschung des Grundbegriffes aller Kunst — der Zeichnung. Und wenn der Boden des Gebäudes gefestigt pist, lässt sich mit um so sichererem und schneilererem f Fortschreiten der Bau vollenden.! Diese Vorstudien geben nun den Gemälden Margot Lipmanns die gefestigte Grundlage. Auch in der Malerei hat die Künstlerin einen sicheren Weg eingeschlagen, um der Technik die geheimen nnd schwierigen Seiten abzugewinnen. NTach gründlichen Studien vor der Natur hat sie sich auf kurze Zeit zu den alten Meistern gewandt und vorzügliche Kopien mancher Meisterwerke geschaffen. Vermeers versonnene Farbenpracht mit den leuchtenden gelben und blauen Halbtönen, wie Rembrandts düstere Tiefen Lat sie wiedergegeben. Ich entsinne mich einer Kopie von Rembrandts „Mann mit dem Helm" von iLrer Hand, ein Werk, dass die höchsten Anforderungen an die technische Behandlung stellt. Und so gewappnet mit dem Rüstzeug der Zeichnug und der Malerei tritt die Malerin mit ihren eigenen Schöpfungen vor uns. Eine Mae psychologische Beobachtungsgabe, die besondeis auf weibliche und jugendliche Typen eingestellt ist, lässt die Porträts besonders interessant erscheinen. Schon in der Bleistiftzeichnung des russischen Jünglings ist die Psyche mit überzeugender Kraft ge-