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Ost und West · 1912-11-01 · Heft 11 (November 1912) · p. Seite 1011 - 1012

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 11 (November 1912)
Article
Zur Methodologie der jüdischen Geschichte
Date
1912-11-01
Page
Seite 1011 - 1012 (sequence 4)
Language
German
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1011 Dr. A. Coralnik: Zur Methodologie der jüdischen Geschichte. 1012 der ökonomische Materialist die Massenerscheiiiungen sichtet, eliminiert, ordnet, also subjektiv deutet und erzählt, so — und dies in noch grösserem Masse — der psychologische Geschichtsforscher. . . . Immerhin, das Problem der Geschichte bleibt ein Problem der Tatdeutung, der Erklärung der Aktivität. Wo etwas getan wird, wo Energie entfaltet, Werte produziert oder auch zerstört werden, da ist Geschichte, wenn nicht „vernünftig", so doch wenigstens deutbar, philosophierbar. Weltgeschichte, sagte Hegel, ist die Entwicklung zur Freiheit, d. h. der Weg von der gebundenen, weil noch unbewussten, Unbestimmtheit zu der freien, bewussten Bestimmtheit, zur Idee. ,,Weltgeschichte ist Weltgericht", sagt die andere berühmte Formel. Ich könnte noch manch' andere Variante herzitieren, aber das Wesentliche an allen ist, dass sie vor allem das Moment der Tätigkeit hervorheben, ob diese nun immanent oder nicht, ob sie zweckmässig, final, zwecklich orientiert, oder bloss unbestimmt sei. Wie, nun aber, wenn wir eine Geschichte ohne Aktivität, ohne Motivationen vor uns hätten? Wie stehts nun mit den sog. „geschichtslosen Völkern"? Es gibt ja auch „geschiehtslose" Menschen, d. h. Menschen, in deren Leben gar nichts vorgeht, was festgehalten werden könnte, die, wie das Gras, wachsen und welken! Es gehört die grosse Intuitionskraft, die höchste Anstrengung eines tiefen Psychologen dazu, um das Leben eines solchen Alltagsmenschen zu schildern, zu verstehen. Nicht umsonst waren die Realisten des 19. Jahrhunderts gerade Armeleute- Dichter. Es waren nicht allein soziale Motive, die sie dazu bewogen, sondern der tiefe künstlerische Drang, in die neuen, verborgenen, vermauerten Gänge und Stollen der Menschenseele zu gelangen. Sie ahnten, dass dort immense Schätze zu heben seien. Den Tag eines Menschen, eines ganz einfachen, „geschichtslosen"' Individuums, ja eines kleinen Kindes, den einzigen Tag eines Seelenlebens zu schildern — wäre das nicht das grösste, höchste Kunstwerk? Aber es ist unerreichbar. Die Seele hat wohl eine Geschichte, aber sie lässt sich nicht erzählen. . . . Einer der bedeutendsten spanischen Schriftsteller der Moderne, der Baske Miguel de Unamuno, sagte einmal: „Ich bin ein Kind meines baskischen Volkes. Wir sind geschichtslos. WTir kennen einzig und allein seelische Evolutionen und Revolutionen.44 Ich weiss nicht, ob ich die Worte genau wiedergebe, aber der Sinn ist derselbe. Wir haben hier eine ungemein zutreffende, zugespitzte Formel für die geschichtslosen Völker, von denen ja schon seinerzeit Friedrich Engels sprach. Ist Geschichte — Aktivität, Streben nach bestimmten Zielen, stufenmässiges, allmähliches Erreichen, so haben nur diejenigen Völker eine Geschichte, die unabhängig, frei handeln können, die sich selbst ihre Ziele setzen. Es ist allerdings auch hier eine gewisse Ungenauigkeit. Denn schliesslich, was sind das — Ziele? Kann man von einer bestimmten Zwecksetzung, von einer Finalität reden, wo es sich um ein Kollektiv, um ein Volk handelt? Von bewussten Zielen kann natürlich keine Rede sein. Die antiken Römer haben es doch nicht darauf abgesehen, das „Römische Reich" zu gründen. Sie hatten immer Einzel-, momentane Ziele. Das Ergebnis kam dann von selbst. Das Ziel ist sozusagen die Summe der Ziele, die sich jede Generation stellt. Aber eine gewisse Richtung, eine bestimmte Linie lässt sich — natürlich bei rückschauend er Betrachtung — immer feststellen. In der Umdeutung und psychologischen Wertung wird es — der Volksgeist, von dem die älteren Geschichtsphilosophen so gern sprachen, der aber auch bei den neueren Erforschern dieses dunklen Gebiets hie und da noch spukt. Wie ist aber der „Volksgeist", die Linie, die Tendenz der Geschichte eines „geschichtslosen" Volkes zu definieren? Wo sich die Wege nie in einem Punkte schneiden, wo aus den Kreuzungen und Wirrungen kein einheitliches Geschehen, keine Tat gefördert wird, wie ist dann der Sinn dieses Seins und Vergehens zu finden? Wro das Leben nicht von Eigenmotiven, von inneren Wollungen und Hemmungen, sondern von fremden, äusserlichen Ursachen, von Zufällen bestimmt wird, wie ist dann der Faden und die Erklärung zu suchen? Zu dieser Schwierigkeit gelangen wir, sobald wir an die Frage der Geschichte des jüdischen Volkes herantreten. Wir müssen da alle Massstäbe, alle Methoden beiseite lassen, da sie ganz unbrauchbar sind. Die ökonomische Methode? Die Klassenkamp ftheorie? Ich will hier gar nicht darauf eingehen, ob sie an sich richtig, zutreffend und erschöpfend sei. Bei allen Schwächen, die auf der Hand liegen, hat gerade diese etwas simplifizierende Methode sehr grosse heuristische Vorzüge. Aber sie versagt ganz und gar, wo es sich um die Geschichte der Juden handelt. Ich muss hier eine Parenthese einschieben. Man versteht gewöhnlich unter „jüdischer Geschichte" einzig und allein die Geschichte des antiken, palästinensischen, oder höchstens noch des babylonischen Judentums. Es wird somit präsumiert, dass die jüdische Geschichte mit der Diaspora ein Ende genommen hat. Gewiss, die Historiker machen es sich bequem. Denn die antike Geschichte der Juden lässt sich genau nach derselben Methode studieren, wie die griechische und römische. Je nach dem Gesichtspunkte. Aber ist denn die jüdische Antike die Geschichte des Judentums? Ist sie nicht vielmehr erst die Einleitung, die Folie, die Präludie zur eigentlichen Polyphonie des jüdischen Seins? Das Exiljudentum hat deshalb auch keine eigentliche Geschichtsschreibung. Bei allen unbestreitbaren Vorzügen der alten Schule, wie sie von Graetz usw. repräsentiert wird, hat diese Art der Geschiehtsdarstellung den grossen Fehler, dass sie alles, was man will, — Rhapsodie, Apologetik, Roman, ' Biographie ist, nur keine Historik. Was bietet uns Graetz anderes als eine mehr oder weniger schön geschriebene, mit rhetorischen Floskeln versehene Wiedergabe der Quellen, und auch dies in recht mangelhafter Weise? Graetz besass weder das nötige universelle Wissen, noch die Methode. Denn der Geschichtsschreiber des Judentums braucht beides im hervorragendem Masse. Eine Geschichte des Judentums schreiben, heisst Weltgeschichte treiben, ja ein Weltgericht abhalten. Aber noch wesentlicher als das Wissen ist die Methode. Wie sollen wir die Geschichte des Judentums behandeln? Lamprecht trat an die deutsche Geschichte mit einem bestimmten Plan heran. Er wollte Deutschlands Leben in allen Beziehungen erfassen, das tausendfarbige Bild, die entschlüpfenden Schatten der Vergangenheit bannen. Er stützte sich auf die psychologische Methode. Das will sagen, er verfolgte die Entwicklung der Menschen und nicht allein der Dinge, — der Motive, der seelischen Grundlage, der Gesinnungen der Menschen. Nun ist diese Art, deutsche Geschichte zu schreiben, erst jetzt möglich geworden,

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