Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- Zur Methodologie der jüdischen Geschichte
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 1013 - 1014 (sequence 5)
- Language
- German
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1013 Dr. A. Coralnik: Zur Methodologie der. jüdischen Geschichte. 1014 ü. h. nachdem Deutschland sein Ziel fest erkannt hat. Die Gegenwart, das Erreichte, der zurückgelegte Weg erklärt die Vergangenheit. Es ist ja möglich, ja wahrscheinlich, dass die Erklärung aus dem Gewordenen, diese neuartige Teleologie ebenfalls nur einen hypothetischen Wert hat. Aber es ist immerhin eine Methode. Schliesslich erkennt man auch den Baum an den Früchten. . . . Wie soll man aber an eine Geschichte herantreten, die — keine Früchte hat? Man hat seinerzeit — in der Aufklärungsepoche — die Parole ausgegeben, die jüdische Geschichte sei abgeschlossen. Die Wirklichkeit hat diese theoretische Todeserklärung gründlich widerlegt. Aber wir könnten mit viel grösserem Rechte sagen, die jüdische Geschichte habe noch gar nicht begonnen. Denn kann man das unstete, ziellose, rein passive, immer bloss auf die Gnade des Augenblicks oder der Kombination angewiesene Fortwursteln — Geschichte nennen? Ist Geschichte Bewegung, Entwicklung, Fortschreiten vom Unentwickeltsein zur Differenzierung, oder wenn die Spencersehe Formel nicht behagen sollte, die Entwicklung zur Freiheit, wie Hegel es wollte, so haben die Juden keine Geschichte, so hatten sie schon längst keine. Sie hatten bloss eine Antike. Und damit war es Schluss. Aber sie lebten dennoch! Aber sie leben noch immer! Und die Individuen leben und leiden und kämpfen als — Mitglieder eines Kollektivs! In jeder Zeitperiode anders, unter verschiedenen Himmelszonen in verschiedener Weise. Aber es war doch eine ganz eigengeartete Lebensform! Kann es eine Geschichte des Ertragens und Duldens geben? Eine Geschichte des Hoffens unter den verschiedensten Gestalten und in allen möglichen Variationen? Denke ich an die jüdische Geschichte, so muss ich mich an die Klöstergeschichten, z. B. an die Geschichte von „Port-Royal" erinnern. Auch dort ist so eine abgeschlossene Gemeinschaft, die ein — äusserlich — passives, aber ein innerlich reiches, vielgestaltiges Leben führt, das seine Evolutionen und Revolutionen kennt. Gewiss, an diese Geschichte kann man weder die marxistische, noch auch die subjektive Methode anwenden. Beide Methoden sind dynamisch, das Prinzip einer klösterlichen Gemeinschaft ist an sich schon statisch.__ Wäre jedoch das Judentum ausschliesslich eine religiöse, geistige Gemeinschaft, wie etwa die der Kalvinisten, der Mennoniten usw., so wäre es am Ende nicht so schwer, ihre Geschichte zu fixieren. Bei religiösen Sekten sind ja bloss die Ausgangspunkte massgebend. Die Endpunkte, die Ziele enthalten, spielen keine Rolle. Das Judentum hat aber auch eine andere Seite, eine soziale Organisation, ein soziales Leben, das eigene Formen und Ziele hat. Es ist kein politischer Körper, aber ein gesellschaftlicher. Es bringt keine Institutionen hervor, schafft für und aus sich heraus nichts oder wenig, transformiert sich aber in einem fort. Statisch dem Prinzip nach ändert es sich zusehends mit der Zeit. Wie ist der innere Widerspruch zu erklären? Dies ist das eigentliche Problem der jüdischen Geschichte. Widersprüche sind im Leben oft nur Scheinbarkeiten. Uebersieht man irgendein Kettenglied, dann verliert man leicht die Uebersieht, das Begreifen des inneren Zusammenhangs. Jeder Widerspruch löst sich schliesslich auf, aber man muss die Zwischenstufen, die Uebergänge finden können. Und das ist, meiner Ansicht nach, auch die Methode, die man beim Studium der Geschichte beachten muss, — die Uebergänge finden, ausjden verschiedenen Biegungen und Krümmungen die Kurve des Weges mit grösserer oder geringerer Genauigkeit berechnen. Nun sind aber diese Krümmungen an sich bereits — Geschichte. Und es handelt sich darum, die Genesis der Einzelvorgänge kennen zu lernen. Also es handelt sich um rein reflektiertes Geschehen, aber auch — und zwar vornehmlich — um Psychogenese. Und darauf kommt es in der jüdischen Geschichte vor allem an. Wie hat sich die jüdische Psyche gewandelt, das ist die Frage. Was taten, dachten, fühlten die einzelnen jüdischen Individuen, Gemeinden, das Judentum als Totalität in dieser oder jener Zeit? Wie reagierten sie auf die Aussenwelt? Und was entstand aus dieser Reaktion? Welche neuen Motive. Werte brachte die eine oder die andere einschneidende Epoche ins Leben der Juden? Die jüdische Geschichte ist — eine Geschichte des Widerstandes. Eben nicht des Kampfes, sondern des Widerstandes. Das Judentum war aus hartein Holz geschnitzt. Um nun die Kraft des Widerstandes berechnen zu können, muss man sowohl das aggressive, als das den Widerstand leistende Material kennen lernen. Also die Korrelation der Kräfte. Anders reagierten die Juden in Spanien als in Polen. Anders im 16. als im 18. Jahrhundert. Und wieder anders vor einem halben Jahrhundert als heutzutage. Die Korrelation hat sich eben verändert. Nicht allein die Aussenwelt, auch die Innenwelt des Juden hat sich geändert, gewandelt. Ist der Kern derselbe geblieben? Das ist die Frage. Und darauf muss die jüdische Geschichte antworten. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet hat die jüdische Geschichte ein bestimmtes, festumgrenztes Problem: Aus der Masse der Erlebnisse, die das mannigfaltige und vielgestaltige, turbulente Schicksal der Juden bietet, eine Psychologie der Juden, oder richtiger, eine Psychogenese aufzubauen. MARGOT LIPMANN. Von Karl Schwarz. In einem Aufsätze dieser Zeitschrift (1911, Seite das Verhältnis des weiblichen Geschlechts zur bildenden 1089 ff.) hat sich Georg Hermann anlässlich der Be- Kunst zu erklären. Indem er alle ihm bekannten sprechung über die Malerin Julie Wolfthorn mit gutem Malerinnen Revue passieren lässt, kommt er zu dem Erfolge bemüht, in einer längeren Auseinandersetzung Schlüsse, dass nur sehr weaige Frauen ein hohes