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Ost und West · 1912-11-01 · Heft 11 (November 1912) · p. Seite 1009 - 1010

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 11 (November 1912)
Article
Zur Methodologie der jüdischen Geschichte
Date
1912-11-01
Page
Seite 1009 - 1010 (sequence 1)
Language
German
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1001) 1010 ZUR METHODOLOGIE DER JUEDISCHEN GESCHICHTE. Von Dr. A. Coralnik (Rom). Geschichtsphilosophie ist wieder in Mode gekommen. Richtiger gesagt — das Philosophieren über Geschichte. Es ist der allgemeine Zug unserer Zeit, klare und präzise Formeln zu bilden, die Welt b e - greifen zu wollen: das Verlangen nach Konstruktionen. Das allgemeine Misstrauen, das man jahrelang gegen jede Art von Geschichtsphilosophie hegte, war gerade durch das Werk des konstruktivsten Systematikers des 19. Jahrhunderts — Hegels verursacht worden. Schon der Grundgedanke Hegels, dass ,,die Vernunft die Welt beherrsche, dass es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei" erschien so unhistorisch, so ganz und gar der Wirklichkeit, dem reellen Geschehen zuwiderlaufend, dass man ihn von vornherein ablehnen, rausste. Und mit dem Fundamente stürzte auch das ganze Hegeische Gebäude in sich zusammen. Bewies doch das Leben, das konkrete, das wirkliche, dass nicht die abstrakte Vernunft, nicht ausserhalb liegende, transzendente Ziele, sondern die Instinkte, der Zufall, das Unvorhergesehene und gar nicht Vorherzusehende die Welt regieren, dass die Weltgeschichte nicht mit Ideen, sondern mit Blut geknetet worden sei, dass nicht die Vernunft, sondern die Laune, die Macht, der Wille der einzelnen das Schicksal der Menschen schmiede. Wäre die Nase der Kleopatra um ein Deut kürzer gewesen, die Geschichte Roms und des Abendlandes hätte sich anders gestaltet. Oder um ein anderes Pascalsches Gleichnis zu erwähnen: „Cromwell wollte die ganze Christenheit verwüsten; die königliche Familie war verloren, die seinige auf immer mächtig, wenn sich nicht ein kleines Sandkorn in seine Harnröhre gesetzt hätte. Selbst Rom begann vor ihm zu zittern, aber dieses kleine Stäubchen, sonst nichts, an diese Stelle versetzt: er ist tot, seine Familie erniedrigt, der König wieder hergestellt." (Pascal: ,,Gedanken".) . . . Die Beispiele lassen sich häufen. Ein glücklicher Einfall, ein gelungenes Manöver, oder aber irgend ein ungeschickter Zug durchkreuzen oft alle Vernünftigkeit und Zielmässigkeit. Geringe Zufälligkeiten werden Ursachen der Entgleisung und Aberration. Im Grossen, wie im Kleinen, im Leben des einzelnen, wie in der Kollektivgeschichte. Gewiss, man kann auch da noch deuten und erklären. Vielleicht wäre Gromwells Werk auch ohne das Sandkörnchen zerstört, vielleicht wäre das römische Reich auch ohne die Nase der Kleopatra gegründet worden. Die historische Notwendigkeit, die Produktivkräfte, die dialektische Entwicklung, nicht wahr? Vielleicht. Es ist ja leicht zu beweisen, dass das Geschehene eben geschehen musste. Denn es heisst einfach, die Tatsache des Geschehenseins mit mehr oder weniger Urnschweifen zu konstatieren, dem Gewordenen gegenüber: „es ist gut" zu sagen. Aber das Soseinmüssen, das Nichtandersseinkönnen lässt «ich nicht beweisen. Und da hilft keine Philosophie, weder die idealistische der Hegeischen, noch die materialistische der Marxschen Richtung. Die Geschichtsphilosophen von heute (Simmel, E. Meyer, Kurt Breysig, Rickert, Lamprecht usw.) haben auch den Versuch, die Geschichte zu rationalisieren, eine allgemeine Formel für das gesamte Weltgeschehen zu prägen, alle geschichtlichen Erscheinungen auf einem Nenner zu bringen, als undurchführbar und der Idee nach falsch aufgegeben. Es hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, dass es überhaupt keine G e - s c h i o h t e gibt, sondern bloss ein Geschehen, ein fortwährendes Um- und Neu bilden, ein ewiges Winden und Flechten und Sichdurchkreuzen der Lebens- und Schicksalsfäden. Der französische Soziologe G. T a r d e hat seinerzeit die hübsche Analogie der Interferenz der Wellen auf die Geschichte angewendet. Wie die Wellen, —Luft-und Lichtschwingungen, — aufeinander einwirken, aneinanderprallen, sich gegenseitig schwächen oder stärken, verschiedene Verbindungen eingehen, so ist auch die Geschichte ein Produkt der Interferenz der Wellen, — der individuellen Lebenswellen. Wie gesagt, es war bloss eine Analogie, aber keineswegs eine Erklärung. Und auch die Geschichtstheoretiker von heute sind eigentlich die Erklärung schuldig geblieben. Kurt Breysig entwirft vor unseren Augen ein grossartiges Bild des Steigens und Sichaufschichtens der Kultur. Aber wo ist der immanente Grund dieser Kulturstufenbildung? Warum so- und nicht anders? Warum blieb Germanien deutsch, während Gallien und Iberien römisch wurden? Etwa weil die Germanen stärker, zäher, innerlich gefestigter waren? Oder vielleicht bloss darum, weil, wie die Geschichte erzählt, August nicht die nötige Energie besass, nach der Niederlage des Varus neue eiserne Legionen in die deutschen Wälder zu werfen? Ist nicht Englands Schicksal ein Gewirr von Zufälligkeiten? Wäre Spaniens Geschichte nicht eine ganz andere geworden, wenn nicht der Verrat den Arabern die Tore des Landes geöffnet hätte? Wer weiss? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht.. Erklären lässt sich die Geschichte nicht. Oder sie wird bloss eine „histoire raisonnee", wie man in Frankreich des 18. Jahrhunderts zu sagen pflegte. . . .. Gibt es also gar keine Möglichkeit, Geschichte zu verstehen? Doch, es gibt sogar mehrere, vor allem aber zwei: die materialistische oder ökonomische und die introspektiv-psychologische. Beicl e ergänzen sich. Die ökonomische Methode geht auf die Deutung der Massenerscheinungen aus, richtiger, auf die Schilderung des Milieus, des Hintergrundes, allerdings bloss in grossen Zügen. Die psychologische, oder, wie ich sieanders nennen möchte, die introspektive, bezieht sich auf das Individuum. Auch hier ist das Forschungsgebiet streng umrissen. Die Persönlichkeit ist eine dermassen inkommensurable, abgeschlossene, undurchdringliche, einmalige Erscheinung, dass man in sie von aussen heraus gar nicht sehen kann. Sie ist, wie die Leibnitzsche Monade, eine Wesenheit für sich, allen anderen unähnlich. Oder, um das Wort des französischen Denkers Maine de Birans zu gebrauchen, die Persönlichkeit ist verriegelt und verschlossen..... Man kann deshalb immer bloss introspektive Psychologie treiben, d. h. die Taten und Handlungen der geschichtlich bekannten, agierenden Individuen nach den eigenen Motivationsvorgängen deuten, aus sich heraus die anderen erklären. Die Methode hat bei alP ihren grossen Vorzügen — tiefe Analyse, Schärfe der Beobachtung, Feinheit des Sehens, Belauschen der innersten Regungen, Beachten der geringsten Kleinigkeiten usw. — doch auch grosse Mängel. Die Motivation des Forschers kann doch nicht, der des Ausgeforschten gleichen. Es ist also wiederum blosseine Annäherung', eine Analogie,, ein Gleichnis. Wie

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