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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 939 - 940

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Der erloschene Stern
Date
1912-10-01
Page
Seite 939 - 940 (sequence 3)
Language
German
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939 Seh. Gorelik: Der erloschene Stern. 940 den letzten Platz einnimmt. Nicht eine sensationelle Gestalt etwa, sondern ein einfacher, bedauernswerter Mensch, dem es schlecht und immer schlechter erging. IL Des Abends, als ich in meinem Zimmer sass, brachte mir der Hoteldiener eine Visitenkarte, auf der folgendes geschrieben stand: Opernsänger im kaiserlichen Theater, Grigori Sa wel je witsch Burakowski ersucht, ihm eine Zeit zu bestimmen, zu der er Sie treffen könnte. Ein Opernsänger vom kaiserlichen Theater und hier in dieser toten Provinzstndt? Vielleicht so ein ,.Künstler", Propbtet, Leibaizt des Schah oder sonst so ein Schwindler, wie sie die kleinen Städte zu betrügen pflegen, und denen man's doch eigentlich nicht verübelt . . . Uebiigens bei der Langeweile in jedem Falle eine willkommene Abwechslung. Ich Hess also dem Manne sagen, dass ich Zeit habe und ihn sofort erwarte. Nach einer Weile klopfte es an der Tür. Sachte, still und vornehm, einige Male. Ich gestehe, ich fühlte gleich so etwas wie Sympathie zu dem Unbekannten, der noch auf der anderen Seite der Tür stand. Und da ist ja auch weiter nichts Verwunderliches dabei. Warum sollte man den Charakter eines Menschen wie an vielen anderen Merkmalen, nicht auch an der Art erkennen, wie er an die Tür klopft? Der Eintretende war ein beleibter, bejahrter, mittelgrosser Mann, mit einem glattrasierten Gesicht. Auf dem Kopfe trug er eine ganz kunstvoll gemachte Perücke. Der Rock hatte den verräterischen Glanz jener Röcke, die von Advokaten i ^'fm*m ohne Praxis und Theaterunternehmern nach ihrem letzten Bankrott getragen werden. Ich möchte sie übiigens Entschuldigungsröcke nennen, weil ihre Träger sich gleichsam zu entschuldigen scheinen: Gewiss bin ich heruntergekommen, bin arm, sogar sehr arm. Aber ihr dürft mich nicht gleich richten. Ich sah einst bessere Tage, und die Leute beneideten mich um mein Glück. Was mich aber gleich im ersten Augenblick für meinen neuen Bekannten einnahm, war sein breites, offenes Gesicht. Der kann nicht nein sagen, dachte ich; ein guter Kamerad, der beim Begrüssen beide Hände fas^t und so stürmisch lacht, dass man mitlachen muss, ob man nun will oder nicht. Nur die tiefen Furchen in seiner Stirn erzählten von schwerem Erleben. Die tiefen Furchen und die müden Augen. „Ich bitte, nehmen Sie PJatz. Wollen Sie vielleicht Tee?u ,,Ich danke sehr. Ich trinke heute schon den vieriL': V «H^'jA SA! /snvi ' -'in T- JX ' >>t\- -jKK'A * .■!<►« 1 ■ V' I ' **' A ' Thora-Vorhang in der Synagoge Fasanenstrasse. (Zum Artikel „Die neue Synagoge" Seite 929/930.) ten Tee. Was soll man denn auch anders machen in dieser verfluchten Stadt? Was bleibt einem übrig? Es ist so langweilig hier. Ich wollte mit Ihnen bekannt werden. Sie sind ja Schriftsteller,; haben also eine gewisse Beziehung zur Kunst. Auch ein Wanderer. Ein Bruder von uns Schauspielern. Frei wie ein Yogel. Frei und glücklich. Ja, glücklich. Denn Sie sind noch jung und gehen noch bergan. Ich aber gehe schon zurück, gehe bergab, bergab. Früher einmal — doch Ihre Erinnerung reicht nicht soweit — früher einmal war Grigori Saweliewitsch Burakowaki ein berühmter Mann! Der beste Eugen Onegin, der beste Almanasor. Und wenn ich den Prolog aus „Bajazzo" sang, bebten die Mauern des Theaters von dem Beifall. Ja, ja, das war einmal. Er entnahm der alten Tasche, die er mitgebracht hatte, ein Album, in das Rezensionen verschiedener Zeitungen in verschiedenen Ländern eingeklebt waren. Auch andere Papiere nahm er heraus: Jubiläumsidressen. ,,Lesen Sie bitte", sagte er. Und weil es ein alter Mann war, mit tiefen Furchen in der Stirn und in einem alten Rock, lag nichts Komisches in seinem Gehaben. Im Gegenteil, es war rührend. Dass er so viel sprach, machte ihn nicht unangenehm. Er liebte es wohl seit jeher, viel zu reden und hatte nur die Gewohnheit nicht aufgegeben, als es ihm anfing, schlecht zu gehen. Nur eins war wolil früher nicht dabei, was jetzt auffiel, wenn er sprach: Dass au* dem lächelnden oder gar lachenden Gesicht traurige und oft sogar tränenfeuchte Augen heraussahen . . . Ich Hess ihn also ruhig aussprechen undfragte dann noch, um nicht unhöflich zu sein: „Sind Sie schonlange vom kaiserlichen Theater weg?" ,,0 ja, schon lange. Fünfzehn Jahre lang war ich da, bekam zwölf tausend Rubel Gage. Dann war ich Direktor einer Opernbühne. Aber, Sie müssen wissen, das Publikum verhält sich zum Schauspieler wie ein Pascha zu irgendeiner seiner Haremsdamen. Eist . liebt er sie, und sie schenkt ihm ihre Jugend und Schönheit. Dann sieht er sie eines Tages mit gleichgültigem Blick an, lässt ihr die kostbaren Steine nehmen, mit denen er sie schmückte, und einer anderen geben, die jünger ist als sie. Das verstehen Sie doch? Und wer Gründe sucht, findtt sie. Man erinnert sich dann plötzlich, dass Grigori Saweliewitsch, der erste Bariton des kaisei - liehen Theaters, Jude ist. Noch lange sass Grigori Saweliewitsch in dein armseligen Hotelzimmer utd erzählte dem Wander-Yortragenden manches aus seinem Leben.

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