Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 937 - 938

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Der erloschene Stern
Date
1912-10-01
Page
Seite 937 - 938 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584030-2601823--13648-2601893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

937 Seh. Grorelik: Der erloschene Stern. 938 die gute, breite, altmodische Diligence mit ihren sympathischen, alten, launenhaften Rädern zu Hause ist. Unbezahlbare Dinge diese Räder: Brechen mitten im Weg und schaffen uns viel Kurzweil damit.- Wir fallen aus dem Wagen, schlagen noch einige Male über, lachen. Denn es ist gar keine Gefahr dabei und dann. — vor uns breiten sich Kornfelder aus mit so sclönen blauen Blümlein darinnen. Wir laufen hinein, der eine dahin, der andere dorthin, und später, wenn der Schaden gerichtet ist, hat der Kutscher lange zu blasen, bis wir wieder alle zusammen sind. „Schon alle da?-' fragt er und knallt mit der langen Peitsche. „Hott! Hott!" Wir fahren wieder. Durch die offenen Fenster kommt der Duft der Felder herein. Die Vögel sinken. Man atmet frei. Und der verbissenste Pessimist anerkennt, dass der liebe Gott jedenfalls sein Möglichstes tut, um unsere Welt schön zu machen. Die Stadt P., wohin mich eines Abends die Diligence brachte, war die letzte, die ich auf meiner Reise besuchte. Eine ziemlich grosse STadt: zwanzigtausend Einwohner, zwei Regimenter Militär nnd eine lange Strasse zum Bahnhof, Auch viele Tuchgeschäfte, ein jüdischer Militärarzt, ein liberaler Lehrer, ganz nach der Tradition, Gymnasiasten, Gymnasiastinnen und viele Hotels mit wunderbaren Namen, wie „Dresden", ».Venedig„Europa4', „Paris", „San Remo", selbstverständlich auch ein „Strand-Hotel4 Es gibt Städte, zu denen wir sofort Zutrauen fassen, die uns sofort anziehen. Gassen, Häuser, alles winkt uns so freundlich zu, als wollten sie uns sagen: Bewegt euch da ganz ungezwungen, wie zu Hause bei euch selbst. Hier könnt ihr ausruhen. Seid ihr müde und traurig, so findet ihr bei uns intime Winkel, in die ihr euch zurückziehen könnt. Wir werden euch zuhören, wenn ihr schwatzen wollen werdet, und wir werden euch nicht stören, wenn ihr Lu&t haben werdet, zu schweigen. Aber es gibt auch kalte, ungemütliche, egoistische, trübselige, unangenehme Städte. Da sehen uns die Gassen mit Yerräterblicken lach, lachen uns aus. Und die Postbeamten sind unfreundlich, reissen einem zornig die Briefe aus der Hand. Fragt man nach einem postlagernden Brief, so wollen sie die Wichtigkeit der Frage nicht verstehen. Sie scheinen nicht ordentlich nachzusehen, sagen ,,neinu, offenbar nur um uns zu ärgern. Mit gebrochenem Herzen verlässt man den Schalter, hat aber Angst, noch einmal zu fragen. Wehe dem, der in solche Stadt gerät. Es bleibt ihm nichts übrig, als sich in sein Hotelzimmer einzuschliessen, die Jalousien herabzulassen, nervös zu klingeln. „Tee, aber schnell Während alle übrigen Städte, die ich auf meiner Reise besucht hatte, zum ersten Typ gehörten — ich erinnere mich auch so gerne an sie, wie an liebe, vertraute Bekannte — war P. ausnahmsweise vom zweiten Typ! Schrecklich langweilig, kalt, öde, mit wenig Bäumen, einem Militärlager ähnlich, offenbar in Eile und ohne Liebe aufgebaut. Hierher kam wohl niemand, um zu bleiben, und wenn iemand foitging, so war er Thoraschild für die Synagoge Fasanenstrasse, angefertigt von der Firma H. Meyen & Co., Berlin. (Zum Artikel „Die neue Synagoge". Seite 929/9CO.) sicherlich so froh, wie wenn man von einem Menschen fortkommt, der keine Kultur, keine Tradition hat, und mit dem man nicht intim werden kann, auch wenn man sich's etwa vornimmt. Mein Erstes, wenn ich wieder heimkam, — dachte ich — ist zur Landkarte zu gehen und einen dicken Bieistiftstrich durch diese langweilige Stadt zu ziehen. Ha, und wenn mich dann jemand fragen sollte, ob ich das Nest kenne, ob ich weiss, in welchem Gouvernement es liegt, werde ich ein verwundertes Gesicht machen und antwoiten, dass ich den Namen zum erstenmal in meinem Leben höre. Das soll meine Rache sein . . . So schlechter Laune war ich. Und doch sollte es anders kommen. Dank dem, dass ich hier mit einer Persönlichkeit bekannt wurde, die in der Reihe meiner unglückseligen Helden nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.