Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Die Juden Italiens
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 851 - 852 (sequence 4)
- Language
- German
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851 Prof. Dr. Ermano Loevinson, Eom: Die Juden Italiens. 852 wie in Prato, nicht weit von Florenz; in Lucca gibt's heutzutage wie in früheren Zeiten etwa zwei Dutzend Israeliten; dagegen steht in nicht allzu ferner Zeit der südlich von Siena gelegenen Gemeinde Pitigliano, welche viele Generationen hindurch einen Zufluchtsort für die aus dem nahe gelegenen Kirchenstaate geflüchteten Juden gebildet hat, der Untergang bevor, obwohl sie noch an 200 Seelen zählt. Was nun den ehemaligen Kirchenstaat selbst anlängt, so hat der gröbste Teil seiner Bewohner durch die Annexionen von 1859 und 1860 Gleichberechtigung erlangt, abgesehen von der Hauptstadt Rom, in welcher die Juden erst am 20. September 1870, und zwar ohne irgend eine vorbereitende Uebergangsperiode, von geduldeten Parias zu vollberechtigten Bürgern eines zivilisierten Staates geworden sind. Auch im ehemaligen Kirchenstaate sind die kleinen Gemeinden in der Auflösung begriffen, so z. B. in der Nähe von Ferrara Gento und Lugo; ferner Pesaro, Urbino und Sinigaglia, einst der Treffpunkt Tausender von Levantinern zur Zeit seiner berühmten Messe, welche für jene Länder dieselbe Bedeutung hatte, wie die Leipziger für Mittel- und Nordeuropa. Kaum in Betracht kommen die kleinen Zentren, welche sich in Ascoli Piceno, Perugia und Terni, dem wichtigsten Ort für die italienische Stahlindustrie, zu bilden beginnen. Dagegen haben ihre Bedeutung als Judenzentren bewahrt: Ferrara (1400), Ancona (1300), Rom. Hinzugekommen ist noch Bologna, wo unter der päpstlichen Regierung nur sehr wenige Juden wohnten. Jedoch gibt auch Bologna wieder einen Beweis für die Abnahme des religiösen Interesses hei den Juden Italiens: Trotz des starken Zuzugs in dieses Handels-, Industrie- und Bildungszentrum bekennt sich ein grosser Teil derselben, die man auf 1600 schätzt, öffentlich nicht mehr zum Judentum; an den höchsten Feiertagen wird der Betsaal von wenig mehr als 200 Personen besucht. In Rom, gegenwärtig bei weitem die stärkste Gemeinde des Königreichs, beziffert man die Zahl der Juden auf 10 000, aber nur ein ganz kleiner Teil von ihnen zahlt G-emeindeabgaben. Was das ehemalige Königreich beider Sizilien, d. h. das süditalienische Festland mit Sizilien betrifft, so durften bekanntlich dem noch aus spanischer . Zeit stammenden Gesetze nach Juden dort überhaupt nicht wohnen; immerhin kam es vereinzelt vor; und die Mitglieder des seit 1820 in Neapel ansässigen Zweiges des Hauses Rothschild, welche mit den letzten Königen aus dem Hause Bourbon persönlich befreundet waren, durften sogar als Ausländer in ihrem Palaste jüdischen Gottesdienst abhalten lassen! Als dann 1860 durch die Annexion des Königreiches dieses dem jüdischen Unternehmungsgeist ohne jede Schranken zugänglich gemacht war, ja der Zuzug jüdischer Kapitalisten vom Grafen Cavour, dem leitenden Staatsmann, sogar lebhaft befürwortet wurde, Hessen sich viele Israeliten aus anderen Teilen Italiens in Neapel nieder. Es kam zur Konstituierung einer Gemeinde, an deren gottesdienstlichen Handlangen aber nur ein kleiner Teil der heutzutage auf etwa 500 veranschlagten Israeliten teilnimmt« Die in anderen grossen Zentren des Südens, wie Bari, Brindisi, Palermo, Catania, . wohnenden haben es, soweit bekannt, nicht zur Bildung irgend eines. Zusammenbanges unter einander, geschweige denn von G emeinden gebracht, und ebensowenig die der Insel Sardinien, auf welcher sie bereits seit 1848 vollkommene Gleichberechtigung geniessen. Ueberhaupt sind Juden auf den genannten Inseln eine solche Seltenheit, dass Schreiber dieser Zeilen aus eigener Erfahrung berichten kann,- wie eine junge Sizilianerin, die zum ersten Male auf den Kontinent gekommen war, ihren Gatten erstaunt fragte, ob es denn heutzutage überhaupt noch Juden gäbe. Nach antisemitischer Theorie müssten also Süditalien und die Inseln zu den glücklichsten Ländern der Welt zählen: Sind sie doch fast judenrein! Wie steht es aber in Wirklichkeit damit? Nicht nur wirtschaftlich,:sondern auch in vielen anderen Beziehungen rückständig, geben sie uns eine Vorstellung davon, wie es in Russland aussehen würde, wenn die dortige Staatskunst des 20. Jahrhunderts ihr Ideal erreichen könnte: die Vertreibung und Ausrottung der Juden l Uebrigens wird die Zahl der im ganzen Königreich Italien verstreut, ohne jeden Zusammenhang lebenden Israeliten auf etwa 1000 geschätzt. Wir mögen diese Uebersicht über die Judengemeinden nicht schliessen, ohne derjenigen zu gedenken, welche politisch zwar nicht zum Königreich gehören, aber doch mit der italienischen Kultur seit altersher im regsten Austausch stehen. Man könnte diese, was das geistige Gebiet anlangt, wohl in gebende und empfangende einteilen. Unter den erster en steht obenan Triest. Seit langer Zeit spielt dieses wichtige, intellektuell so bedeutende Judenzentrum mit seinen annähernd 6000 Seelen die Vermittlerrolle zwischen dem deutschen und dem italienischen Judentum. Während man die beiden ebenfalls in Oesterreich gelegenen Gemeinden Görz und Spalato noch zu den;gebenden rechnen kann, sind das* seit 1860 französische Nizza, Corfu, Alexandrien (in Aegypten), und manche Orte des Türkischen Reichs als empfangende zu bezeichnen. Besassen doch vor Ausbruch des Türkisch-Italienischen Krieges beinahe 30% der in diesem Reiche ansässigen Juden das italienische. Bürgerrecht, besonders viele der in Saloniki wohnenden, aus Spanien stammenden. Wenn eine Anzahl von ihnen unter dem Druck der Massenaustreibungen, welche im vergangenen April ihren Anfang nahmen, das türkische Bürgerrecht angenommen hat, so lässt sich darin kaum ein Mangel an Patriotismus erblicken, da die meisten von ihnen weder in Italien geboren noch je dort gewesen sind. Hingegen hat das Königreich durch die Einverleibung von Tripolitanien und der Kyienaika an 19 000 neue jüdische Bewohner erworben. Und zwar waren nach einer noch unter ottomanischer Herrschaft im Jahre 1911 angestellten Zählung die jüdischen Hauptzentren in Tripolitanien Tripolis (8600), Navahi Arba (1050), Zavia (500), Garian (450), Eoms (520), Msellata (550), Zliten (650), Misrata (700), Gebel (800). Dazu kommt dann in der