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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 853 - 854

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Die Juden Italiens
Date
1912-09-01
Page
Seite 853 - 854 (sequence 5)
Language
German
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853 Prof. Dr. Ermano Loevinson, Rom: Die Juden Italiens 854 Altes Ghetto in Venedig. Kyrenaika Bengasi. Der Kuriosität halber mag noch angeführt werden, dass in Asmara, dem Hauptsitze der italienischen Behörden für die Kolonie Erythräa, eine kleine jüdische Gemeinde, die einen eigenen Tempel besitzt", existiert. Zum grössten Teil besteht sie aus palästinensischen Juden, die über Arabien dort eingewandert sind. Die Hauptstadt Rom ist, wie vorstehende gedrängte Neues Ghetto in Venedig. Uebersicht zeigt, bei weitem der bedeutendste Judenmittelpunkt des Königreichs Italien, was die Kopfzahl anlangt. Dass dies aber nicht in jeder anderen Hinsicht der Fall.ist, werden unsere folgenden Artikel zeigen: Die bunte Mannigfaltigkeit des italienischen Wesens, das keineswegs wie in anderen Ländern Europas seinen Nationalcharakter in der Hauptstadt konzentriert, tut sich auch in ihren Juden gemein den kund. ,AM TOR DES ABENDS* Von Arno Nadel. Wie schön ist eine Dichterseele! Sie geht träumend und wachend wie nichts ähnliches Lebendiges auf Erden einher, ist der Natur so nahe, wie Natur sieh selber nur, ist gottvoll und süss wie eine frühe Knospe oder wie eine reife Fracht, ist wankelmütig wie ein Greis und lebensdurstig und frohgemut wie eine Eintagsfliege. Was kümmert den Dichter Verstand und Wissenschaft! Er mag von niemand Lehre annehmen und ist doch so gläubig und so demütig, dass man ihm wie einem Engel vertrauen muss. Was sollte er auch mit der Menschen Klugheit, mit der Menschen Aberwitz! Er schaut unpraktisch sich um und lacht alle aus, er betet jederzeit: Herr, gib mir einen dumpfen, fühlenden Sinn, durch den alle Dinge unberührt zum Licht sich drängen, behüte mich vor trüber Erdenlust, und lasse mich auf weichen Fittichen durch einsame Himmel fahren, zu deinem wundertätigen Qaell, zu deinen unsichtbaren Genossen allüberall, zu dir ganz und gar!- — Dämm kommen die traurigen Menschen zu den zarten Dichtern, um Labung zu schöpfen aus ihren gefüllten Schalen. Und auch die. ernsten Menschen kommen, die gewichtig schreiten und die Geschäfte der Welt verrichten. Wer aber nichts vom Dichter wissen will, ist nicht zu beneiden; man störe ihn nicht auf seinen finsteren Strassen. Denn schöne Gedichte sind wohlschmeckende Himmelsspeisen, wen ein Gedicht erquickt, der ist in Musik und Vergessen eingegangen. — Der Dichter der Lieder, die wir vor uns haben, ist ein wahrer Poet. Man wird leicht bei ihm von einer echt jüdischen Dichterseele sprechen, und doch ist er ein weltliches Kind unserer Zeit. Er kennt die allgemeinen Stimmungen zu gut, er hat zuviel von allseitiger Kunst in sich aufgenommen, als dass er nur im reinen, verzehrenden Lebenselement des Juden sich bewegen könnte, und er weiss auch schon viel zu viel von den mehr schlimmen als redlichen Bestrebungen der Modernen, denen er hie und da zum Opfer fällt, als dass er naiv seine innigste Sehnsucht ausströmen lassen könnte. Der typisch jüdische Dichter, der Deutsch schreibt, ist heute eine Unmöglichkeit. Der Gründe hierfür sind mancherlei: sie haben mit der Wesenheit des Judentums überhaupt zu tun. Wohl ist es möglich, dass der engeren Kultur ein jüdischer Dichter erstehe, der die Nöte uüd Entzückungen seiner Stammesgenossen zu kleinen Kunstwerken verdichtete. Diese aber könnten nie und nimmer der objektiven Weltseele endgültig Wertvolles darbieten: weil das Bedeutende bei allen Nationen über das Einzelne hinweggeht, weil der

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