Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Die Juden Italiens
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 847 - 848 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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847 Prof. Dr. Erniano Loevinson, Rom: Die Juden Italiens. 848 Grossberlin wohnhaften, welche Ende 1910 auf 144 000 angegeben wurden! Um über diesen Punkt sofort Klarheit zu schaffen, sei bemerkt, dass die statistische Unterlage für die verschiedenen Religionsbekenntnisse in Italien eine sehr schwache ist, da bei den letzten Volkszählungen die Beantwortung der Frage nach dem Bekenntnis nicht obligatorisch war und notorisch viele Juden von dieser Freiheit Gebrauch machten, indem sie die betreffende Rubrik der Zählkarte unausgefüllt Hessen. Will man diese Klasse von Personen noch als zum Judentum gehörig betrachten, — und bei den angegebenen 45 000 sind sie mit einbegriffen — so hat seit dem Jahre 1870, seit welchem alle Israeliten Ghetto in Rom. (Heute abgerissen.) Italiens, auch diejenigen Roms, volle bürgerliche Gleichberechtigung gemessen, eine Vermehrung um 10 000 stattgefunden; die Rasse hat also noch nicht an Lebenskraft eingebüsst. L*gt man aber den in Mitteleuropa üblichen Massstab für die Zagehörigkeit zum Judentum an, so würde man die Anzahl wohl auf kaum 30 000 berechnen kännen. Was die Auswanderung betrifft, so ist diese bekanntlich im allgemeinen eine sehr starke aus Italien; doch lässt sich dies von den Juden im besonderen durchaus nicht behaupten, auch ein Beweis dafür, dass sie sich im Lande wohl fühlen. Hingegen ist während des letzten Halbjahrhunderts eine gewaltige Verschiebung in der Siedlung des jüdischen Elements innerhalb der Grenzen des Königreichs vor sich gegangen. Einerseits die Aufhebung jeglicher Beschränkung in der Wahl ihres Wohnorts, während sie früher nur in ganz bestimmten Orten wohnen durften, anderseits der Ausbau des Eisenbahnnetzes mit den zunehmenden Erwerbsgelegenheiten haben das Absterben vieler Gemeinden, und keineswegs immer kleiner, bewirkt. An deren Stelle ist nun aber nicht etwa, wie man in anderen Ländern beobachten kann, eine mächtige Blüte des jüdischen Gemeindelebens in den neuen Verkehrszentren getreten. Die Ursachen dieser merkwürdigen Erscheinung sind mannigfache und werden im Laufe unserer Abhandlung zutage treten. Beginnen wir bei unserer Uebersicht mit derjenigen Landschaft, in welcher der eben geschilderte Absterbeprozess am ausgeprägtesten hervortritt, Piemont, der Wiege des heutigen Königreichs Italien. Seit dem Jahre 1848 sind hier die Juden gleichberechtigt trotz der junkerlichen Adelspartei, deren Proteste, wenigstens auf gesellschaftlichem Gebiet, auch heute noch nicht gänzlich verhallt sind. Die Orte, in denen ihnen ehemals der Wohnsitz gestattet war, lassen sich heute in 3 Klassen teilen: 1. Solche, in denen wohl noch einige Dutzend Juden ansässig sind, wo aber das Gemeindeleben nunmehr gänzlich erloschen ist (Biella, obwohl industriell sehr entwickelt, Carmagnola, Cherasco, Fossano, Ivrea, Mondovi, Nizza Monferrato); 2. Solche, in denen noch an einigen wenigen Tagen im Jahre Kultushandlongen vorgenommen werden (Acqui, Ghieri, Moncalvo, Saluzzo, Trino); 3. Solche, in denen regelmässig das ganze Jahr über Gottesdienst stattfindet. Es sind dies: Alessandria. (370)*), Asti (210), Casale Monferrato (460), Cuneo (150), Vercelli (500) und vor allem die Hauptstadt Piemonts und des ehemaligen Königreichs Sardinien, Tarin. In diesem Verkehrs-, Industrie- und Handelszentrum beläuft sich die Zahl der Juden auf etwa 4500. In der benachbarten Lombardei hatte es seit den Zeiten der spanischen Yorherrschaft in Italien, also seit dem 16. Jahrhundert, in welchem sie gewaltsam vertrieben wurden, wenig Juden gegeben, aber seit der napoleonischen Zeit, und auch später unter österreichischer *) Die liier uad im folgenden angegebenen Zahlen -beruhen auf Schätzungen der letzten Jahre.