Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Die Juden Italiens
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 845 - 846 (sequence 1)
- Language
- German
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Synagoge in Rom. Vor 10 Jahren erbaut. DIE JUDEF Von Prof. Dr. Erma Wer mit offenem Auge und selbständig in Italien reist, ohne sich auf die Sehenswürdigkeiten zu beschränken, auf die ihn Baedeker, Gseli Fels, und wie die Reisehandbücher alle heissen mögen, aufmerksam machen, dem muss es auffallen, dass der äussere Typus, welchen die Israeliten der Apenninenhalbinsei aufweisen, durchaus kein einheitlicher ist. Das hängt mit der Verschiedenheit ihres Ursprungs zusammen. Im Altertum bildeten den Grundstock natürlich die aus Palästina. und anderen Teilen Asiens sowie aus Afrika Zugewanderten. Ganz aufgehört hat dieser Zuzug weder im Mittelalter noch in der Neuzeit. Aber viel stärker war seit dem Mittelalter die Zuwanderung aus Deutschland, wie u. a. die häufigen Familiennamen Tedeschi (Deutsch) und Ottolenghi (Ettlinger), sowie die zahlreichen Tempel, in denen Gottesdienst nach deutschem Eitus abgehalten wird, beweisen. Auch gegenwärtig ist eine gewisse Einwanderung aus Ländern deutscher Zunge zu konstatieren. Doch in kultureller und jeder anderen Beziehung von viel grösserem Einfluss auf das Judentum Italiens ist die Völkerwelle gewesen, welche sich seit dem Ende des 15. und weit hinein ins 16. Jahrhundert durch die spanisch• portugiesische Einwanderung über Italien ergoss. Während der Zufluss französischer Israeliten sich nicht sehr bemerkbar gemacht hat, war der aus Polen, besonders im 17. Jahrhundert, nicht ohne Bedeutung: Häufiggenug trifft man den Familien- ITALIENS. o Loevinson, Rom. namen Polacco, und mancher, der ihn trägt, hat es zu hoher Stellung gebracht. Vom ästhetischen Standpunkt aus ist wohl der spanisch-portugiesische Typus, welcher sich in manchen Individuen ganz rein erhalten hat, am ansprechendsten. Uebrigens sind bei Personen niederen Standes die Folgen der jahrhundertelangen Absperrung ihrer Vorfahren hinter den Ghettomauern noch häufig bemerkbar, auch ist der Ghettojargon noch nicht ganz vergessen; dagegen unterscheidet sich der besser gestellte Israelit von seinen katholischen Mitbürgern äusserlich in keiner Weise; und dies um so weniger, als bei der starken Beimischung arabischen und anderen orientalischen Blutes unter der Bevölkerung Süditaliens und der Inseln der ethnographische Unterschied zwischen einem Katholiken Oberitaliens und einem solchen Siziliens bedeutender erscheint als der zwischen einem Katholiken und einem Israeliten OberitalieDS. Dies ist wohl einer der Gründe dafür, dass sich seit altersher die Lage der Juden in Italien ganz wesentlich von der ihrer Glaubensgenossen in den meisten anderen Ländern Europas unterscheidet. Die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, sind weniger hart und grausam gewesen als anderswo. Uebrigens ist auch ihre Zahl im Verhältnis zur anderen Bevölkerung stets eine verhältnismässig geringe gewesen. Gegenwärtig veranschlagt man sie im ganzen Königreich auf etwa 45 000, also weniger als ein Drittel der allein in