Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 839 - 840

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen
Date
1912-09-01
Page
Seite 839 - 840 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584029-2601663--13539-2601751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

839 Dr. Max Steif: Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen. 840 auch auf, sich besonders einen schönen Stil angelegen sein zu lassen: „Deine Gedichte müssen siebenfach geläutert, und namentlich in deinen Briefen muss die Sprache rein und fliesend sein. An dem Stil wird der Mensch erkannt. (Ein heute allgemein zitierter Ausspruch, an dessen Ursprung sicherlich wenig gedacht wird.) In etwas derber Weise kanzelt diesbezüglich der durch seine wechselvolle Schicksale bekannte, aber auch durch die Tüchtigkeit seines Wissens ausgezeichnete Leon da Modena (geb. 1571) seinen Sohn Mordechai ab: „Deineu Brief, halb Mensch, halb Ziege und im ganzen Vieh habe ich erhalten, und benenne ihn so, weil das Schreiben in der ersten Hälfte menschlich d. h. stilistisch gut ist, hingegen ist es in der zweiten ein Ziegenmeckern, und im Ganzen viehisch, weil es voll orthographischer Schnitzer ist, abgesehen von sonstigen Fehlern ..." Neben der Sorge um die geistige Ausbildung sah es der jüdische Vater für seine Pflicht an, dem Sohne auch bei der Wahl der richtigen Lebensgefährtin an die Hand zu gehen, ein Brauch, wie er sich in dem bekannten Segenspruche bei der Geburt und Bar mizwah festgelegt: P tauroh, Fchuppo ulemaassim tauwim. (Den Sohn zu erziehen zur Thora, Heirat und guten Taten.) Wie in biblischer Zeit erst durch Abrahams Vermittlung einem Isaak die Frau zugeführt wurde, so war dies auch in den späteren Zeiten oft der Fall, und der Talmud berichtet uns wiederholt von Hochzeitsveranstaltungen von "Vätern für ihre Söhne. (R. Akiba, Rabbi u. a.). Nicht jeder Vater war auch so geartet wie der in dem satyrischen Roman „Der Weiberfeind14 von Jehuda Sabbatai (im 13. Jhrdt.) geschilderte, welcher seinen Sohn beschwor, das schöne Geschlecht überhaupt zu meiden, weil es voll Tücke und Schlichen sei. Hielt man es auch für unstatthaft, sich in weiblichen Kreisen zu bewegen, so sah man anderseits die möglichst baldige Verheiratung des Sohnes als religiöse Verpflichtung an, und wenn ein R. Juda (geb. 122) im Gegensatze zu dieser Vorschrift seinen Sohn lange vom Heiraten abgehalten, so geschah dies nur aus dem Grunde, weil der Vater nicht die vollständige Gewissheit erlangen konnte, ob die Familie, aus der die zukünftige Frau herrührte, über alle Anfechtung, was nämlich die lautere Herkunft betrifft, erhaben dastehe. — Die oft allzugrosse Jugend des Ehewerbers machten auch begreiflich, dass der Vater zumeist allein der eigentliche Wortführer war, während der Sohn die stumme Rolle des Zuschauers spielte, wofern er überhaupt, wie dies in manchen Gegenden Russlands und Galiziens noch heute der Fall ist, „seine Erwählte" früher als knapp vor der Hochzeit zu Gesichte bekam. Andererseits war es vorn Standpunkte des codifizierten Rechtes aus (Sch. A. § 240 Alinea 25) dem Yater benommen, Einsprache dagegen zu erheben, wenn der Sohn bereits selbst seine Wahl getroffen. Die Fürsorge des jüdischen Vaters war mit der Verheiratung desselben noch lange nicht beendet. So wie sie ihren ganzen Ruhm darein legten, sie zu Gelehrten herangezogen zu haben, (ein R. Jose b. Chalafta rühmte sich wiederholt: ich habe fünf Cedern gepflanzt in Israel, in späterer Zeit äusserte sich voll väterlichen Stolzes ein Maimonides über seinen Sohn Abraham in einem Schreiben an seinen Schüler Josef ibn Aknin, dass er vortrefflichen Charakters und scharfen Verstandes sei und sich bereits einen Namen unter den Grossen erworben, wie ähnliches auch aus einem Schreiben des spanisch jüdischen Staatsmannes Don Isak Abarbanel herauszuhören ist, wenn er unter allen seinen wohlgeratenen Söhnen besonders Juda Leon als denjenigen bezeichnet, der ohne Zweifel die Blüte und Auslese unter den Philosophen Italiens bilde)—so fühlten jüdische Väter früherer Zeit es auch als Herzensbedürfnis, ihren Söhnen für ihren ganzen Lebensweg Ratschläge und Ermahnungen in Form, von kurzen Schriften, sog. Zawoauth,*) zu hinterlassen, um sie vor geistigen Schäden zu bewahren, vor allem, was ihren Sinn in; falsche Richtung lenken hönnte. Man folgte hier im gewissen Sinne biblischen Vorbildern, wie eines Jacob seinen Söhnen, eines David Salomon gegenüber, u. a. die am Ende ihrer Tage, freilich mündlich, den Ihrigen etwas von ihren Lebenserfahrungen, guten und bösen zukommen lassen, ihnen die Richtlinien für ihre Zukunft ziehen wollten. Solche „Zawoauihu sind uns von Maimonides, vom Ramban (R.Moses b. Nachman) erhalten und sie finden ihre Fortsetzung bei zahlreichen Gelehrten des Mittelalters. Josef Kaspi aus Argentieres (st. 1340) erliess von Valencia ans an seinen 12 jährigen Sohn, den er in Tarascon zurückgelassen, Ermahnungen ähnlicher Art „für den Fall, dass ein Wind ihn in weite Fernen entführen oder d*r Tod sie trennen sollte*. Sie enthalten übeidies eine Art Lehiplan, um „ihn für die Wahrheit zu erziehen, die weder furchtsam noch verschämt sei"* Einen wahren Schatz von höheren ethischen Lehren hat ein R. Ascher b. Jechiel (Rosch, st. 1328) seinen acht Söhnen, die übrigens alle ihres gro*sen Vaters würdig waren, hinterlassen, in denen es unter anderem heisst: Nicht wie der Faule sollst du schlafen, stehe mit der Sonne auf und dem Gesang der Vögel. Erhebe dich nicht stolz über die Menschen, bleibe lieber der Staub, auf den alle treten. Bleibe dankbar jedem, der dir zu deinem Brote verholten; sei aufrichtig und wahr gegen Jedermann auch gegen Nichtjuden; grüsse jeden zuerst ohne Unterschied des Glanbens . , . Fast klingt es wie eine Nachahmung dieser von edlem Schwung getragenen Worte, wenn in einem unlängst erschienenen Buche („Akabjahs Ruf" yon Paul Lehmann), das seiner aparten Form und seines Inhaltes wegen nicht unberechtigtes Aufseheu in literarischen Kreisen erregte, ein Vater seinem Sohne ähnliche Lehren fürs Leben gibt: „Wahrheit ist die Eifüllung des Lebens. Und alles, was der Erfüllung des Lebens entgegensteht, wTas da hemmt den Drang zum Leben in seinem Sprossen und Blühen, das alles ist Lüge . . . Achte das Streben und den Kampf deiner Menschenbrüder . . . Belüge dich nicht mit dem Gedanken, dass es ihr Kampf sei und nicht der deinige; denn wisse, dass einer für den anderen lebt . . . Achte in deinem Menschenbruder dich selbst Auch manch sonstiges Werk ethischen Inhaltes hat seine Entstehung zuweilen nur dem Umstände zu verdanken, dass ein Vater dasselbe als eine Art wissenschaftlichen Testameites für seine Söhne und Hausleute niederzuschreiben im Sinne gehabt, wie z. B. das Werk Orchoth Chajim von R. Elieser b. Isak aus Worms, einem Zeitgenossen Raschis, oder das von R. Jesaia Horowitz (geb. 1588), einem Manne von äusserster Sittenstrenge, herrührende „Sch'ne luchoth habrith" (Schloh), das in gleicherweise Frömmigkeit, Sittlichkeit und den rechten Umgang mit Menschen ans Herz legen will. Ernst wie die Zeiten im ganzen und grossen waren, in denen man lebte, waren auch die Väter zumeist ernste Naturen, denen darum oft die Gabe versagt war, aus sich herauszugehen, und die Zärtlichkeit, die sie für ihre Kinder empfanden, anders als in einer erhöhten Fürsorge für deren geistiges und seelisches Wohl zu äussern, eine Art, wie sie entfernt manches *) Der Ausdruck hergeholt aus I. B. M, 18. 19.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.