Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 841 - 842

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen
Date
1912-09-01
Page
Seite 841 - 842 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584029-2601663--13540-2601752
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

841 Dr. Max Steif: Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen. 842 Gemeinsame mit der in nichtjtidisehen, höheren und höchsten Kreisen zuweilen geübten hat, wo man gleichfalls in Testamenten und letztwilligen Verfügungen gerne Instruktionen für die LebeDsführung der Söhne niederlegte. (Man vergleiche z. B. die unlängst erschienenen: „Politischen Testamente der Hohenzollern", in welchen es ein Friedrich Wilhelm I. (1713—40) von seinem Sohne verlangt: vor allem selbst einen guten Wandel zu führen, „nicht Sauften und Fressen, davon ein unzüchtisres Leben herrkommt" oder aus neuerer Zeit „Lord Chesterfields Briefe an seinen Sohn")- Und einzigartig wie das Verhältnis des jüdischen Vaters zum Sohne, war auch umgekehrt das des Sohnes zum Vater. Es zeugt von einem tiefen psychologischen Feingefühl, dass in der Thora von den Kindern nicht Liebe, sondern Ehrfurcht den Eltern gegenüber gefordert wird. Liebe lässt sich nicht dekretieren, hingegen ist der höhere Respekt vor demjenigen, dem man nach einem Ausspruche unserer Alten fünferlei zu verdanken hat: äussere Gestalt. Körper kraft, geistige Fähigkeiten, Lebensdauer und materielle Wohlfahrt, nur ein selbstverständliches Herzensgebot, gegen das in jüdischen Kreisen selten gesündigt worden. Hieraus ist es zu erklären, wieso sich bezüglich dieses Gebotes so viele, bis in minutiöse Details gehenden Einzelbestimmungen herausgebildet, und ein R. Jochanan (gest. 279) es aussprechen konnte, er müsste für das Unglück, in zarter Jugend bereits eine Waise geworden zu sein, eigentlich dem Schicksale dankbar sein, da er nicht imstande gewesen wäre, die strengen Pflichten der Kindesliebe, wie es das Gesetz vorschreibt, zu erfüllen. Da wird es nämlich nicht nur als unstatthaft hingestellt, sich des Platzes, auf dem der Vater zu sitzen, den er beim Beten oder in Versammlungen einzunehmen pflegt, zu bedienen, es wird nicht bloss für verboten erklärt, ihn bei seinem Namen zu nennen, seinen Worten zu widersprechen oder sie auch selbst zu begutachten, sondern die Ehrfurcht gegen ihn soll soweit gehen, dass, wenn der Vater den Sohn, mag dieser auch ein Ehrenamt bekleiden, in der Oeffentlichkeit beschämt, vor ihm ausspuckt oder die Kleider vom Leibe reisst, dieser dies stillschweigend hinzunehmen habe. Andererseits muss es seltsam erscheinen, auf welche Weise der Widerspruch dort, wo die vorgeschriebene Ehrfurcht vor dem Vater mit der der Gelehrsamkeit zu bezeugenden in Kollision gerät, seine Lösung findet. Wenn, so heisst es da beispielsweise, der Vater in bezug auf talmudische Gelehrsamkeit ein Schüler des Sohnes ist, so bezeuge man sich gegenseitig Achtung, indem ein jeder sich vor dem andern erhebe. (Sch. A. § 240, 7.) Und wohl ein wenig auf die Spitze getrieben mag das Vorgehen eines Maharam (R. Meir Rotenburg 1233*) gewesen sein, von dem berichtet wird, dass er zur Leitung eines Lehrhauses berufen, um solchem Konflikte überhaupt aus dem Wege zu gehen, ein Zusammentreffen mit seinem Vater von dieser Zeit ab vermieden. Der Satyriker Charisi im 13. Jahrhundert spricht nur ein allzugelindes Urteil aus, wenn er dem freilich durch umfassende Gelehrsamkeit ausgezeichneten Meir Halevi Abulafia (1240), der, zu Rang und Ansehen gekommen, seinen Vater nicht mehr besuchte, eine kleine Abfertigung zuteil werden lässt mit den Worten: „An Gelehrsamkeit wüsst1 ich ihn keinem zu vergleichen, doch muss sein Stolz ihm zur Schmach gereichen'1. (Schluss folgt) *) Schulmann in seinem ,,Toldoth Chachme Issroel": II. B. liest hier R. Meir Abulafia. ELUL Von Sch. Grorelik. Oft, oft will es mir scheinen, dass die Seeleu der Menschen schon an den Geburtstagen auseinandergehen, auseinanderfliegen: die einen dahin, wo der Frühling herrscht in seiner ganzen Pracht, um im Reiche der Blumen zu singen und zu jubilieren.; die anderen dem Herbste entgegen, mit seiner Schwermut, seinen gelben Biätterhaufen, mit seiner tiefen, ach so tiefen Poesie des Wolkenhimmels, der kalten, traurigen Winde, der goldblättrigen Bäume dort im grossen dichten Walde, nicht weit von der Landstrasse. Und sie werden niemals zusammenkommen können, die beiden fremden Seelen: die den Frühling ersehnt und, die nach dem Herbste bangt. Das ist schon so ihr Schicksal. Es gibt Menschen, die nur in den frohen Frühlings- und Sommermonaten sich wohl fühlen. Nur um diese Zeit können sie denken und empfinden, liegt etwas in ihnen, ofenbaren sie das Beste und Edelste ihres Wesens. Und dann gibt's wieder Leute und wird's immer geben, die gerade an den düstern Wolken* tagen aufblühen. Sie lieben den trockenen Herbst, wenn die Bäume flüstern und ihre wunderbaren Geheimnisse erzählen, wenn die ganze Natur wie von einem Gefühle der Verantwortung durchdrungen, alles so tief ernst und voll verhaltener Traurigkeit ist. Ach, es ist wirklich nicht so leicht, das Leben zu erfassen . < .! Jeder folgt seinem Gefühle. Mein Freund z. B. liebt den Heine der goldenen Tage, da er einem jungen Hellenen ähnlich war, einen Lorbeerkranz auf dem schönen Kopfe trug, mit Göttern spielte und sie verlachte, da sein Witz wie heller Rheinwein mundete. Aber ich habe auch einen andern Freund. Der liebt den andern Heine, den Heine der letzten Jahre, als sein Witz nicht nur anmutig, sondern auch tief war wie der späte Herbst; den Heine, der da bat, in den Louvre getragen zu werden, um noch einmal die göttliche Statue zu sehen, der vor ihr niederfiel, sie noch einmal mit den schwachen, mageren Armen umfasste, Tränen eines schwer Leidenden, eines tief sich Sehnenden vergoss und zu hören glaubte, wie sie, die Heilige von Milo, zu ihm sprach: Mein lieber, lieber Henri. Ich möchte dir ja so gerne helfen, aber du siehst ja selber, dass ich keine Arme habe . . . Wenn ich im Herbst des Abends vor die Stadt hinausgehe und langsam in den Wald schreite, begleiten mich die Bäume mit ihrem Raunen und Flüstern: Ja> ja, wir wissen Vieles, wir wissen Alles, wir sind klüger geworden. Und schütteln die alten Zweige, da-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.