Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Über die Notwendigkeit einer Genealogie jüdischer Familien
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 819 - 820 (sequence 2)
- Language
- German
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819 Felix Halle: Lieber die Notwendigkeit einer Genealogie jüdischer Familien. 820 LEO BAKST. ST. PETERSBURG. Jüdische Tänzerin („Cleopatra"). angesehener jüdischer Familien, insbesondere einer Genealogie der deutschen Juden.*) *) Man kann einwenden: eine Genealogie jüdischer Familien widerspräche dem Geiste der Emanzipation; sie bilde eine selbstgewollte Absonderung, die zu verwerfen sei. Die jüdischen Familien gehörten je nach ihrem Stand in die allgemeinen Genealogien ihrer Länder. Dieser Standpunkt ist an sich richtig, aber mit Rücksicht auf die tatsächlichen Verhältnisse lässt er sich nicht aufrecht erhalten. Ist doch nur denjenigen jüdischen Familien bei der Aufnahme in bekannte Genealogien Gerechtigkeit widerfahren, die sich im Besitze eines Adeldiplomes befanden. So weit jüdische Familien von deutschen Fürsten geadelt, baronsiert oder gegraft worden sind, ist ihre Genealogie in den vortrefflich redigierten gothaischen genealogischen Taschenbüchern nach ihrem Grundsatz facta loquuntur abgedruckt worden. Nach demselben Grundsatze sind die vornehmsten , ausländischen Genealogien Withakers Peerage, die Annuaire de la noblesse de France verfahren; auch sind im grossen Siebmacher die Wappen adliger jüdischer Familien veröffentlicht worden. Nun erscheint aber in Deutschland seit 1889 ein ..Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien" (bei C. A. Starke, Hofbuchhandlung in Görlitz) Herausgeber der Bände VI—XVIII ist Dr. jnr. Bernhard Körner, Regierungsrat und Mitglied des preussischen Heroldsamtes. In diesem Werke ist nicht eine bürgerliche Familie jüdischer Abkunft aufgenommen worden. Statt dessen finden sich von dem VII. Bande ab fast in jedem Vorwort Versuche, das Judentum als Rasse herabzusetzen. Wenn dieses Handbuch auch ein Privatunternehmeii ist, so hat Wenn, in geschichtlichen Notizen über jede aufgenommene Familie die Ursache des sozialen Aufstieges angegeben wird, wenn kurze biographische Notizen über die hervorragenden Familienmitglieder das Bild erweitern, so muss sich ergeben, wieviel gute kaufmännische, wissenschaftliche, erfinderische und künstlerische Arbeit von Juden geleistet worden ist. Angaben über errichtete Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten, deren Nutzen nicht ausschliesslich auf Angehörige der jüdischen Konfession beschränkt ist, werden beweisen, dass die Nächstenliebe von Juden in reichem Masse geübt wird. Die nicht selten anzuführenden Ehrenämter — insbesondere Kommunalämter — der aufgenommenen Persönlichkeiten werden erkennen lassen, dass sich die betreffenden Männer des vollen Vertrauens und der Achtung ihrer „nicht jüdischen" Mitbürger erfreuten; womit die Haltlosigkeit der Beschuldigung, dass die es doch einen grösseren Interessentenkreis, und die Gefahr, dass diese Angriffe an solcher Stelle unwidersprochen verbreitet werden, darf nicht unterschätzt werden. Die Stellen, in denen dem Adel seine Neigung zur Verschwägerung „mit schwarzgelockten Orientalen minderwertigsten Volkstums" vorgeworfen und die Nobilitierung „nicht europäischer Fremdlinge" aufs schmerzlichste bedauert wird, waren es, die mich erkennen Hessen, dass in diesem Werk weder deutsche bürgerliche Familien jüdischer Abkunft aufgeführt wrrden würden, noch dass diese Geschlechter eine Aufnahme an solcher Stelle für wünschenswert halten könnten. Sie überzeugten mich von der Notwendigkeit einer gesonderten Genealogie jüdischer Familien. Bei einer späteren Durchsicht aller Vorworte des Handbuches fand ich, dass Dr. Körner den gleichen Gedanken von seinem Standpunkte aus schon öffentlich erörtert hat. Ich führe die betreffende Stelle ihrer Merkwürdigkeit wegen wörtlich an: „Ausgeschlossen von der Behandlung sind die als adlig geltenden Uradelgeschlechter und die jüdischen Familien. Die letzteren gehören unserer Ansicht nach entweder in ein Werk über den deutschen Adel noch über deutsche Bürgerfamilien. Für sie müsste ein besonderes Buch geschaffen werden; gerade vom genealogischen Standpunkte aus wäre es freudig zu begrössen, wenn ein „Genealogisches Taschenbuch jüdischer Familien" einmal erscheinen würde. Da würden die v. Uckro neben ihren Verwandten Schlesinger erscheinen, die Batscheba Schmieles mit den Herren von Treuenburg, die Seligmanns mit den Grafen von Leublfing u. s. w." Die Tatsache, dass es nicht geadelte jüdische Geschlechter gibt, die wie die andern Bürgerfamilien aus sich heraus eine Bedeutung erlangt haben, hat der Herausgeber des Handbuches der bürgerlichen Familien überhaupt nicht berücksichtigt oder nicht berücksichtigen wollen. Dr. Körners antisemitische Ausfälle verdienten weniger Beachtung, wenn sie sich nicht im Zusammenhange mit durchaus sachlichen Erörterungen finden würden, ein Umstand, der geeignet ist, das Urteil des mit der Materie nicht genau vertrauten Lesers leicht zu trüben. Im Vorworte zum 17. Bande des Handbuches zitiert Dr. Körner: „Ich kann an einem Tage" sagt Kaiser Sigismund „tausend adeln und zu Rittern machen, aber so mächtig bin ich nicht, class ich in tausend Jahren einen Gelehrten machen könnte." Die Genealogie der jüdischen Geschlechter soll zeigen, wieviel Gelehrte, die in deutscher Sprache geschrieben und an deutschen Universitäten gewirkt haben, während eines Jahrhunderts aus den so geschmähten jüdischen Familien hervorgegangen sind.