Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Über die Notwendigkeit einer Genealogie jüdischer Familien
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 817 - 818 (sequence 1)
- Language
- German
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«17 818 UEBER DIE NOTWENDIGKEIT EINER GENEALOGIE JUEDISCHER FAMILIEN. Von Fei Bei allen Kulturvölkern der Antike, insbesondere bei den Griechen war die vornehme Abkunft sehr geschätzt Nach unserer heutigen Anschauung soll sich die Wertschätzung eines Menschen nach seiner Persönlichkeit, nach seinem eigenen Verdienst richten. Ein guter Name bleibt dennoch eine wertvolle Hinterlassenschaft. Das würdige Leben, die Tüchtigkeit des Vorfahren stellt eine günstige Vermutung für die Nachkommen auf. Welchen hohen Wert auch die biblischen Juden -auf Abstammung legten, lässt sich an zahlreichen Stellen nachweisen, in welchen die Abkunft bedeutender Personen durch viele Glieder hinauf bis zu den Patriarchen belegt wird. Die Vorliebe für den Nachweis der Geschlechterfolgen hat bei den Juden bestanden, solange sie bodenständig waren. Für die damalige Auffassung ist bezeichnend, dass das Neue Testament mit der Genealogie Christi beginnt und seine irdische Abstammung auf das Davidische Königshaus zurückgeführt wird. Mit der Vernichtung des jüdischen Staates und der Zerstreuung seiner Bewohner unter die Völker trat eine umwälzende Aenderung in der Lebensweise der Juden ein. Die alten Geburtsstände — insbesondere der Priesterstand — verloren ihre soziale Bedeutung, die vornehmen Geschlechter sanken herab, und mit den Sorgen um die Selbsterhaltung inmitten zumeist feindlieh gesinnter Nationen schwand die Möglichkeit und die Neigung, Genealogie zu treiben. Wo freilich wie im maurischen Spanien oder zu Ausgang des Mittelalters in Amsterdam, Frankfurt am Main, Venedig und Prag die Juden sich einer gewissen Rechtssicherheit erfreuten und einige Familien zu Besitz und Ansehen gelangten, finden sichStammtafelD jüdischer Patrizier- und Gelehrtenfamilien. Für die Mehrheit der Juden aber bilden die siebzehn Jahrhunderte von der Zerstörung des Tempels bis zur Verkündigung der Menschenrechte eine undurchdringliche Nacht der Trübsal. Erst mit dem neunzehnten Jahrhundert brachen für die Juden glücklichere Zeiten an. Im Laufe dieses einen Jahrhunderts vollzog sich innerhalb vieler tausend jüdischer Familien ein ungeahnter sozialer Aufstieg. Die Beseitigung der persönlichen Beschränkungen, die Aufhebung der Zünfte, die Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, der erlaubte Erwerb städtischen und ländlichen Grundbesitzes gaben den Juden die Möglichkeit, auf gewerblichem Gebiet mit ihren Mitbürgern in freien Wettbewerb zu treten. Die Zulassung zu den höheren Schulen, den Universitäten und Akademieen eröffnete ihren die Mitarbeit in Wissenschaft und Kunst. Wer nun die Ergebnisse des letzten Jahrhunderts objektiv betrachtet, der kann sich der Erkenntnis nicht verschliefen, dass die geistigen Vorkämpfer für die ix Halle. Gleichberechtigung der Juden, wie Lessing, und die Staatsmänner, die wie Hardenberg in Preussen die Emanzipation durchführten, mit ihrer Behauptung, die Juden würden nach ihrer Aufnahme in den Staatsverband nützliche Bürger werden, durchaus recht gehabt haben. Wohl kam den Juden die Kultur, die Rechtssicherheit der Staaten, in denen sie lebten, wie der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung zustatten, dass aber gerade so viele jüdische Familien zu Wohlstand und Ansehen gelangten, verdanken sie eigener Kraft, eigenem Fleiss und nicht zum wenigsten dem Umstände, dass sie nur scheinbar oder doch nur in gewissem Sinne Emporkömmlinge waren, in Wirklichkeit aber eine, innere uralte Kultur in sich trugen, die ihnen im Wettbewerb vielfach die Ueberlegenheit sicherte. Die Tatsache, dass heute ein unverhältnismässig hoher Prozentsatz der emanzipierten Juden in ökonomischer Hinsicht und dem Berufe nach der Oberschicht der Gesamtbevölkerung angehört, kann der Antisemitismus nicht aus der Welt schaffen; er greift dafür zu der Behauptung, dass die Juden diese gehobenen Stellungen nicht wie das begüterte und gebildete Bürgertum „nicht jüdischer" Abkunft durch Arbeit und Fleiss erlangt, sondern durch List erschlichen hätten. Ngcü immer lebt das Märchen von den Juden, die als Parasiten den Stamm der nationalen Volkswirtschaft umranken und ohne eigene Arbeit sich an den Leistungen der übrigen Bevölkerung bereichern. Aber nicht nur die Judenfeinde, die teilweise blind sein wollen, hegen so völlig falsche Vorstellungen von der Betätigung der jüdischen Bevölkerung, nein auch Männer, die mit wissenschaftlichem Eifer nur der Wahr" heit dienen wollen, haben oft unrichtige Begriffe über die Wesensart, Begabung und Leistung der Semiten. Es mögen verschiedene Ursachen sein, aus denen die einseitige Auffassung Professor Sombarts über die Juden resultiert, als mitbegründend für das unbefriedigende Ergebnis seiner Forschungen möchte ich das Fehlen eines Werkes halten, das den Lebensweg und die Leistungen der Juden in rein tatsächlicher Weise wiederspiegelt. Wohl existieren Geschichten der Juden an den verschiedenen Orten, aber in diesen Büchern ist zumeist von dem Schicksal der Gemeinden nicht von der Tätigkeit der einzelnen Glieder die Rede. Wohl haben viele hervorragende Persönlichkeiten jüdischer Abkunft Biographen gefunden, aber die Namen und Taten dieser Männer sind bisher nicht unter dem Gesichtswinkel der gemeinsamen Abstammung aufgeführt und betrachtet worden. Durch kein Werk aber Hesse sich die positive Teilnahme der Juden an der Schaffung von Kulturwerten besser nachweisen als durch eine Genealogie