Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- So zwitschern die Jungen!
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 799 - 800 (sequence 4)
- Language
- German
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799 A. Benesra: So zwitschern die Jungen! 800 kann man dasselbe in russischen und polnischen Blättern lesen. Es ist zwecklos, sich gegen solche Beschuldigungen zu wehren. Aber traurig ist es, wenn Juden in dieselbe Pauke schlagen. Indessen, wenn man etwas aufmerksamer hinhorcht, kann man aus dem verworrenen, knirschenden, widerwärtigen Geräusch gar seltsame Untertöne heraushören. Während nämlich die Alliance denunziert wird, dass sie „nur das eine Ziel habe, als französisch-nationaler Faktor zu wirken" und „gallische Kultur" überall hin zu verbreiten, ruft unser Artikelschreiber „das deutsche Volk" auf, „zu erfahren, wie die Politik gemacht wird, wie seine Wirtschaftslage durch französische Machinationen erschüttert wird". Die Denunziation nimmt da einen eigenen Charakter an, und es wird auf einmal verständlich, wie es kam, dass deutsch-nationalistische und ausgesprochen antisemitische Zeitungen so oft die „orientalischen Juden" gegen die Alliance zu verteidigen sich berufen fühlten, und die deutschen Mitglieder der Alliance gegen das Centralcomite aufhetzten. Nicht um die „Rettung" der Juden- und der jüdisch-religiösen Interessen handelt es sich, sondern es wird gegen den universellen, allgemein-jüdischen Charakter der Alliance Sturm gelaufen. Dieser universaljüdische Charakter der Alliance, der sich beharrlich weigert, sich in den Dienst irgend einer der um Macht und Einfluss im Orient ringenden europäischen Potenzen zu stellen und die dortigen Juden zu fremden Zwecken zu missbrauchen, gegen dieses konsequent festgehaltene Prinzip der Alliance wird zum Kampfe aufgerufen. Unser Artikelschreiber und alle, die ihm vorangingen, können des Beifalls des Prof. Hasse und seiner Scharen sicher sein. Es wäre doch hübsch, wenn die Alliance den Tendenzen der Alldeutschen dienen wollte. Dann wären die religiösen Interessen des Judentums wohl am besten gewahrt. Nein, nein! Die europäischen Juden haben, sowohl als Juden, wie als Menschen, die moralische Pflicht, ihren vom Glück minder begünstigten Glaubensgenossen, namentlich im Orient und in Osteuropa, Kultur, materielle und geistige, zu bringen und für die Hebung ihres Menschentums zu sorgen. Aber sie können zu ihnen n u r im Namen des universaljüdischen Gedankens kommen, den die Alliance Israelite Universelle schon in ihrem Titel ausprägt. Kommen sie als besondere Gruppe irgend eines, noch so mächtigen und grossen europäischen Staates, dann bringen sie die, denen sie mit bestem Willen helfen wollen, in Gefahr, von der eingeborenen und bodenständigen Bevölkerung als Agenten und Söldlinge jener auswärtigen Macht zum Schaden der heimischen Interessen angesehen zu werden. Und je mächtiger der betreffende europäische Staat ist, je expansionsdurstiger und gefürchteter, desto grösser ist die Gefahr für die Juden des Orients (in der weitesten Bedeutung), in ihrer Heimat gleichsam als seine Interessenvertreter angesehen zu werden. Adolf H a r - nack hat im Jahre 1902 auf dem evangelischsozialen Kongress in Hamburg öffentlich verlangt, dass die evangelischen Missionare, die den asiatischen und ozeanischen Völkern das Christentum zu predigen hinausgehen, sich entnationalisieren und das Bürgerrecht ihres Heimatlandes ablegen, damit ihrer christlichen Missionstätigkeit nicht der odiose Charakter einer politischen Propaganda im Interesse ihres Vaterlandes anhafte! Solchen Missionaren gleichen die europäischen Juden, welche ihren Glaubensgenossen im Orient Kultur und materiellen Wohlstand zu bringen hinausgehen. Man braucht nicht so weit zu gehen wie Harnack und von ihnen gleich einen Verzicht auf ihre Staatsangehörigkeit zu verlangen, aber es ist unbedingt nötig, dass sie sich in die politischen Verhältnisse der Juden jener diversen Länder gar nicht hineinmengen und jede nationalistische Propaganda im Interesse ihres Vaterlandes aufs strengste unterlassen. Darum war es ein genialer, nicht genug zu bewundernder Gedanke der Alliance, zu Lehrern und Bildnern, zu Kulturträgern unter den Juden der zurückgebliebenen Länder befähigte eingeborene jüdische Jünglinge ausbilden zu lassen. Denn Juden aus europäischen Ländern müssten über kurz oder lang bei den dortigen nichtjüdischen Faktoren in Misskredit geraten. Die Länder des fernem und nähern Orients werden in den nächsten Jahrzehnten immer mehr das Feld der Rivalität verschiedener europäischer Mächte werden, vielleicht in einem noch höheren Masse als bisher. Inzwischen erwacht in jenen Ländern das Streben nach Selbständigkeit, das Nationalgefühl macht sich immer mehr geltend. Und damit wächst die Empfindlichkeit gegen jede europäische Bevormundung immer heftiger. Darum kann der Aufgabe, den Juden jener^ Länder Hilfe und Kultur zu bringen, auf die Dauer nicht eine Alliance Israelite Frangaise, noch eine Alliance Israelite Allemande, oder Anglaise oder Autrichienne, sondern nur eine Alliance Israelite Universelle gerecht werden — eine Verbindung, die nicht die Interessen irgend welcher europäischen. Machthaber, sondern die