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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 801 - 802

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
So zwitschern die Jungen!
Date
1912-09-01
Page
Seite 801 - 802 (sequence 5)
Language
German
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801 A. Benesra: So zwitschern die Jungen! 802 des Judentums auf ihre Fahne geschrieben hat. Ganz wie es Harnack für die christlichen Missionare verlangt. Nur so sind gefährliche Konflikte auf die Dauer zu vermeiden. Man denke sich eine unter österreichisch-ungarischer Firma in der Türkei wirkende jüdische Kulturgesellschaft während des Konfliktes und des Boykotts nach der Annexion von Bosnien. Was für Verheerungen hätte das unter den orientalischen Juden angerichtet! Und jede europäische Macht kann alle Augenblicke in die damalige Lage von Oesterreich- Ungarn kommen. Wenn unser Artikelschreiber von BaUylonien als der Interessensphäre Deutschlands spricht, oder sich beklagt, dass „der Einfluss, den die sogenannten deutschen Juden den deutschen Fabrikanten auf dem Gebiete der Maschinenindustrie und chemischen Erzeugnisse einräumten, zurückgestellt wird", so mag ja das alles die Alldeutschen oder die Vertreter gewisser deutscher Industriezweige interessieren, aber was geht das uns als Juden, was geht das die Alliance an? Hat irgend eine jüdische Organisation ein Verfügungsrecht über die babylonischen Juden und darf sich herausnehmen, sie der Interessensphäre Deutschlands oder irgend einer anderen europäischen Grossmacht anzugliedern? Oder ist es Aufgabe einer jüdischen Kulturorganisation für die deutsche, französische oder österreichische Maschinen- und chemische Industrie zu sorgen? Kann sich denn der Patriotismus nicht anders betätigen und ausleben, als indem er die Haut der Juden ferner Länder zu Markte trägt, sie in die politischen Welthändel und Intrigen hineinzieht und unabsehbare Gefahren über sie heraufbeschwört? Soll das die vielgerühmte jüdische Solidarität sein? Unter dem Vorwand, „die orientalischen Juden aus den Machenschaften des französischen Jingoisnius zu retten", macht sich das Bestreben breit, die „Geretteten" in den Dienst ganz anderer, viel gefährlicherer Jingoisten zu stellen. Während man sie dem angeblichen französischen Chauvinismus entziehen möchte, sollen sie dem pangermanischen Chauvinismus ausgeliefert werden, diesem Chauvinismus, der auf dem Balkan, in der Türkei und in ganz Osteuropa glühend gehasst und teuflisch gefürchtet wird. Nicht Judentum, sondern Pangermanismus wird hier gefördert. So zwitschern die Jungen! Ganz wie die antisemitischen Alldeutschen sungen. Bedauerlich ist es, dass auch Männer, die es ehrlich und gut mit dem Judentum meinen, dieselbe Melodie mit angestimmt haben. Damit auch der Humor bei der Sache nicht fehle, versichert der Artikelschreiber, dass „in den ärmsten Dörfern der niedrigsten Bevölkerung", „auch das, was die jüdischen Massen des Orients moralisch in Stammeseigenheit erhielt und über ihre Umgebung emporhob" von der Alliance „mit Füssen getreten wurde". Ferner: „Von den 100 000 Juden Palästinas pflegt der grösste Teil das Jüdisch-Deutsch" (richtig: der kleinste Teil, und auch dieser verlässt es bald), „aber sie müssen ihre alte Sprache abschwören". Wehe! Wehe! „Die Jungtürken sind von der Pariser Leitung irregeführt worden." Wann und wie, erfahren wir leider nicht. „Die palästinensischen Bauern, die in Ruhe ihren Kohl züchten wollen", und gleichzeitig, so beiläufig und im Nebenamt „eine junge, lebensfrohe hebräische Literatur sich schufen" (von der aber nur unser Artikelschreiber etwas weiss), „werden geknechtet und niedergerungen, die arabischen Gelehrten, die aus dem Judentum hervorgingen und bei der Umwelt sich grosser Beliebtheit erfreuten, werden ausgerottet". Buchstäblich ausgerottet. Welch ein Blutbad! Ich will euch bei dieser Gelegenheit auch verraten, dass der russisch-japanische Krieg, das Erdbeben in Süditalien und jenes in der Türkei, ferner der Untergang der Titanic ebenfalls ein Werk der teuflischen Machination der Alliance sind. So, so! Damit ihrs endlich wisst. Es ist zum Weinen, wenn es nicht zum Lachen wäre. Aber ist all das wirklich bloss zum Lachen? Eins ist jedenfalls tröstlich. Da nämlich unser Artikelschreiber kein anderer ist, als jener Dr. Theilhaber, der vor nicht langer Zeit den deutschen Juden den baldigen Untergang vorausgesagt hat, so ist es eine wahre Erleichterung, sich zu sagen, dass er jetzt wohl anderer Ansicht geworden ist und seine düstere Prophezeiung gemildert hat. Wer den deutschen Juden noch die Kraft zutraut, den Kampf für Millionen ihrer orientalischen Glaubensgenossen aufzunehmen, und im Interesse ihres deutschen Vaterlandes diese Aermsten aus den Klauen der Alliance zu retten, der kann doch die deutschen Juden nicht für so todeskrank halten, dass ihr naher Untergang bevorstünde. Gott sei Dank! Es fällt einem ein Stein von Herzen.

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