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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 797 - 798

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
So zwitschern die Jungen!
Date
1912-09-01
Page
Seite 797 - 798 (sequence 3)
Language
German
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797 A. Benesra: So zwitschern die Jungen! 798 gehört — laut ins Kampfhorn stossen, und den argen Sünder für unwürdig erklären, Vizepräsident der Alliance zu sein, während sie vergassen, oder nicht wussten, was Max Nordau in seinen Konventionellen Lügen" und seinen „Paradoxen" über die Bibel, die jüdischen Feste und die jüdische Morallehre geschrieben hat. Es ist tief bedauerlich, dass auch die ernsten und wohlmeinenden Männer unter den Zionisten sich von solchen unbefugten und unverantwortlichen Schreiern ins Schlepptau nehmen Hessen und Hader und Zwietracht säen halfen. . . . Hübsch ist es, wenn unser Artikelschreiber versichert, Reinach habe seine ketzerischen Ideen in seinen „allerdings in Deutschland unbekannten Abhandlungen" niedergelegt, ohne zu ahnen, dass das Buch Reinachs, in dein die paar verfänglichen, zu Missdeutungen Anlass gebenden Sätze sich finden, längst ins Deutsche übersetzt wurde, und zwar von einem hervorragenden Z i o n i s t e n f ü h r e r , der sogar zionistischer Abgeordneter zum österreichischen Reichsrat und Mitglied des zionistischen Klubs war. Der Zufall und die Ignoranz im Vereine machen doch bisweilen gute Witze!...... Noch viel hübscher aber ist es, dass der Artikel- Schreiber seine Lamentationen über die den jüdischreligiösen Ideen von Seiten Reinachs drohenden Gefahren in den Schoss eines Berliner nationalsozial-radikalen Blättchens ergiesst. Dieses Lied haben wir, wie gesagt, von Berliner Zeitungen der gleichen und verwandten Richtung schon oftmals mit Staunen gehört. Es steht zu erwarten, iss die alldeutsche und antisemitische Presse och weiter gehen und die bedrohten Interessen der jüdischen Religion nicht nur gegenüber Reinach, sondern auch gegenüber den jüdischen Führern in Deutschland selbst, besonders in Berlin, energisch in Schutz nehmen wird. Wie wäre es, wenn z. B. die ,,National-Zeitung", die „Kreuzzeitung", die „Deutsche Tageszeitung", die „Post" und, sagen wir, die „Welt am Montag", einen gemeinsamen Ausschluss niedersetzen würden, der zu untersuchen hätte, ob die Mitglieder des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, des Deutschisraelitischen Gemeindebundes, des Hilfsvereins der deutschen Juden, des zionistischen Aktionskomitees, auch nach Vorschrift den Sabbat hüten und Zizith undThephillin legen? Und nun erst, was die Glaubenstreue und vorschriftsmässige Gesinnung anbetrifft — wie schade, dass unser alter Freund Stöcker nicht mehr lebt. Der wäre wohl der geeignetste Mann gewesen, unsern führenden Männern auf die Rechtgläubigkeit Herz und Nieren zu prüfen! Vielleicht wäre es indessen ratsam, dass wir einstweilen für alle Männer, denen wir in der jüdischen Gemeinschaft verantwortliche Stellungen anvertrauen, das Prinzip der obligaten Gedankenlosigkeit festsetzen, und sie verpflichten, zeitlebens nie über Probleme zu sinnen, die irgend welche Berührung mit dem Judentum haben. Denn wenn ihre Gesinnung auch zurzeit schneeweiss und lammfromm ist, so kann man ja nicht wissen, ob sie nicht mit den Jahren einmal auf Gedanken kommen, die dem Zaddik von Beiz oder der — „Welt am Montag" als unjüdisch und verwerflich erscheinen. Vielleicht aber würde es sich empfehlen, eine Art Antimodernisteneid bei uns einzuführen, um jedem möglichen Unglück in voraus vorzubeugen. Sicher ist sicher. Es dürfte sich vielleicht lohnen, noch auf eine Kleinigkeit hinzuweisen. Ahlward, gleich wie vor ihm und nach ihm viele andere Antisemiten, hat die Alliance beschuldigt, im Dienste Frankreichs den Untergang des Deutschen Reichs vorzubereiten. Die französischen Antisemiten hinwiederum beschuldigen die Alliance, im Dienste Deutschlands den Untergang Frankreichs vorzubereiten. Besonders während der Affäre Dreyfus wurden alle nationalistischen und antisemitischen Blätter und Blättchen Frankreichs nicht müde, ihren Lesern vorzuschwören, dass die Alliance einige hundert Millionen aufgebracht habe, um vermittels Bestechung den traitre zu befreien, der das französische Vaterland an die Prussiens auszuliefern beschlossen hatte. Denn die Alliance und alle Juden ständen insgesamt im Dienste des deutschen Generalstabs. Selbst die Wiener Allianz, die doch wahrlich durch keine übermässige Regsamkeit Anlass zum Verdacht gibt, ist von ähnlichen Beschuldigungen nicht verschont geblieben. Als vor drei Jahren ein österreichischer Stabsoffizier des, teils vollführten, teils versuchten, Giftmordes an mehreren Kollegen überführt wurde, stand in Wiener antisemitischen Blättern zu lesen, der Giftmischer sei von der Allianz gedungen worden, um durch Beseitigung der fähigsten Offiziere die österreichische Armee zu schwächen und sie auszuliefern,—an Russland? An Serbien? Man hat es leider nie erfahren. Keine jüdische Organisation mit höheren und allgemeinen Zielen ist vor derartigen Verdächtigungen und Verleumdungen sicher. Der Hilsfverein der deutschen Juden wurde in der Türkei beschuldigt, unter der Maske der Fürsorge für die jüdischen Glaubensgenossen die politischen und wirtschaftlichen Geschäfte Deutschlands zu besorgen. Und jetzt

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