Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- So zwitschern die Jungen!
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 795 - 796 (sequence 2)
- Language
- German
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795 A. Benesra: So zwitschern die Jungen! 796 und als Beschützer der armen Ostjuden geht er um. Er ruft die gesamte deutsche Oeffentlichkeit, insbesondere die deutschen Juden auf, „im Interesse ihres Vaterlandes die orientalischen Juden aus den Machenschaften der französischen Jingoisten zu retten, denn es ist höchste Zeit dazu". Sonst werden noch alle von der Alliance den „französischen Interessen" und dem „französischen Chauvinismus" hingeopfert werden. Neu ist das nicht. Seit einigen Jahren konnte ein aufmerksamer Beobachter mit Staunen wiederholt wahrnehmen, dass gewisse Berliner und ausserberliner Blätter den „orientalischen Juden" ein auffallend warmes Interesse widmeten. Und es wurde einem unbehaglich zumute, wenn man bedachte, dass es dieselben Blätter waren, die sonst, je nach ihrer Stellung, mehr oder minder scharf die „germanische Eigenart" gegen die „fremdbürtigen Elemente" zu verteidigen nicht müde wurden, nie ein Wort des Tadels gegen die russischen Judengiäuel fanden, ja, sie offen oder versteckt rechtfertigten oder guthiessen, und in allen Tönen nach Schutzmassregeln gegen die „Ueberflutung" Deutschlands durch die „minderwertigen Ostjuden" schrien. Nun fühlten sie sich auf einmal zu Schirmern der „orientalischen Juden" berufen. Auch die r e 1 i g i ö s e n Interessen des Judentums waren in den Augen der Redakteure jener Zeitungen bedroht, und sie traten heldenmütig zu deren Verteidigung auf. In dem vorliegenden Artikel finden wir dieselbe Note wieder. „S. Reinach, der langjährige Vizepräsident der Gesellschaft, hat es selbst in seinen, allerdings in Deutschland unbekannten, Abhandlungen niedergelegt, dass die Verbreitung der jüdisch-religiösen Ideen (z. B. der Sabbatheiligung) zugunsten französischer Ideen zu verdrängen sei". Hier stock' ich schon. Was sind „französische Ideen"? Und welche spezifisch französischen Ideen sind mit den jüdisch-religiösen Ideen so unvereinbar, dass man letztere verdrängen müsste, um für die ersteren Raum zu schaffen? Der Artikelschreiber scheint aber wirklich noch sehr jung, wenn auch nicht gerade an Jahren, zu sein, da er zur Illustration die Sabbatheiligung wählt. Just in bezug auf die Sabbatheiligung wäre zu wünschen, dass die Gesetzgebung aller Länder, insbesondere Deutschlands, der „französischen Idee" folgen möchte. In Frankreich darf sich nämlich jeder den vom bürgerlichen Gesetz vorgeschriebenen wöchentlichen Ruhetag nach Gutdünken wählen. Dem Juden wird also kein Gewissenszwang auferlegt und er kann den Sabbat feiern, ohne einen zweiten Arbeitstag in der Woche zu verlieren. In Deutschland dagegen ist der Jude, wenn er den Sabbat auch noch so streng einhält, gezwungen, auch den Sonntag zu feiern. Das Beispiel Deutschlands hat bereits in Oesterreich Nachahmung gefunden, wo es namentlich für die Juden in Galizien verhängnisvoll zu werden beginnt. Wenn auch Russland denselben Weg geht, so wird das für die dortigen Juden eine kulturelle und wirtschaftliche Katastrophe bedeuten. . . . Man sieht, wie trefflich unser allerjüngster Judenretter über die Lage und die Bedürfnisse der Juden, die er retten will, unterrichtet ist. Allein, hier ist ein Punkt, bei dem länger verweilt werden muss. Der Kampf der letzten Jahre gegen die Alliance hatte sich, wie das immer der Fall ist, wenn der Standpunkt strengster Sachlichkeit verlassen wird, zu einem persönlichen Kampf gegen den früheren Vizepräsidenten Salomon Reinach zugespitzt. Man spielte gegen ihn einige heterodoxe Sätze aus, die sich in einem seiner streng wissenschaftlichen Werke über Fragen der religiösen Altertümer finden. Meine persönliche Ueberzeugung streitet gegen diese Anschauungen Reinachs aufs entschiedenste. Auch sonst habe ich nicht das Bedürfnis, Salonion Reinach gegen seine Angreifer in Schutz zu nehmen, und er bedarf dieses Schutzes auch gar nicht. Betont muss jedoch werden, dass es in Deutschland ganz neu ist, wenn hochgebildete und aufgeklärte jüdische Männer einen grossen und weltberühmten Forscher aus einer jüdischen Organisation, mit der er über ein Vierteljahrhundert aufs engste verknüpft war, auszustossen trachten, weil sie in seinen Ansichten über einzelne mit der Religion in Berührung stehende Fragen ein Haar gefunden haben. Gerade die führenden Geister unter den deutschen Juden sind seit 150 Jahren die Verfechter der Toleranz und der Gedankenfreiheit gewesen. Das inquisitionsartige Herumschnüffeln hat man allezeit den Finsterlingen überlassen. Wohin soll es denn mit uns kommen, wenn wir anfangen, uns gegenseitig auf die Rechtgläubigkeit hin zu justifizieren? Wo soll da die Grenze sein? Haben ja die heiligen Dunkelmänner von Jerusalem seinerzeit den Dr. Israel Hildesheimer in Berlin feierlich in den Bann getan. Und was dieser he/vorragende Führer der deutschen Orthodoxie von den Frommen in Ungarn auszustehen hatte, steht in seiner Biographie geschrieben. Einen ganz merkwürdigen Eindruck aber musste es machen, wenn im Kampfe gegen Reinach auch Zionisten — zu denen unser Artikelschreiber