Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Article
- Die Israeliten von Fez
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 759 - 760 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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759 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten von Fez. 760 Auf der ersten für die Verteilung von Hilfsmitteln festgestellten Liste befanden sich die Namen fast aller Bewohner des Mellah. Die Listen sind wöchentlich revidiert und alle die Personen gestrichen worden, die, dank unserer Geschenke und Darlehen, durch ihre Arbeit Existenzmittel gefunden hatten. Die in jeder Woche zur Verteilung gelangte Geldsumme an Unterstützungen ist von 10 000 Pesetas auf 3500 Pesetas in diesen letzten Tagen zurückgegangen. Wir haben uns zur Regel gemacht, von Woche zu Woche die Verhältnisse jeder Familie genau zu prüfen. Diese zeitraubende Enquete, die sich alle acht Tage wiederholt, bietet uns Gewähr dafür, dass nur die, wirklich bedürftigen Leute Unterstützimg erhalten. Die Arbeit allmähliger Ausschaltung von Namen aus der Unterstützungsliste vollzieht sich nicht ohne Mühe und-vor allem nicht ohne Einsprüche der Israeliten. Ich habe Urnen über diese Einsprüche nicht fortlaufend berichtet. Es ist sogar zu unliebsamen Auftritten, im Mellah gekommen, und an einigen Tagen musste sogar bewaffnete Gewalt angewendet werden, um mein Rüreau vor der anstürmenden Menge zu schützen. In einer der letzten Sitzungen haben wir beschlossen, die -Verteilung täglicher Unterstützungen pro Person und Woche noch mehr einzuschränken, einmal um mit unseren Fonds etwas hauszuhalten, sodann aber auch aus moralischen Gründen, um die Unglücklichen nicht an die Unterstützungen zu gewöhnen, die, damit rechnend, keine persönlichen Anstrengungen machen, um aus ihrem Elend herauszukommen. Diese Einschränkungen werden, wie ich glaube,'für die Beteiligten ein Zeichen sein, dass unser Geld zu Ende geht, und dass es Zeit ist; wieder selbst zu handeln. Diese Massnahme hat einen ausgezeichneten moralischen Erfolg gehabt. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln werden wir die Verteilung der täglichen Unterstützungen noch einige Wochen lang fortsetzen können. Der Betrag dieser Unterstützungen vermindert sich in dem. Mass, als — dank den Geldern, die wir ausleihen — das Wirtschaftsleben im Mellah sich wieder lieht. Glücklicherweise bietet unser Viertel nicht mehr den Anblick der ersten Tage. Die meisten Läden sind wieder eröffnet und fangen an, sich mit Ware zu füllen. Die kleinen Kaufleute, Hausierer und Geldwechsler haben ihre Geschäfte wieder aufgenommen. Wenn nicht in Anbetracht des Kriegszustandes die gegenwärtige Krise wäre, unter der die ganze Stadt zu leiden hat, würden unsere jüdischen Händler ihre Arheit wieder begonnen haben. Eine grosse Anzahl kleiner Handelsleute sind unter dem Zelt auf dem Feld von Dar-Debibag untergebracht, wo sie ihren Unterhalt erwerben. Die Handwerker, denen wir Handwerkszeug verschafft haben, sind jetzt alle beschäftigt. Es sind Tischler, Goldschmiede, Klempner, Schuhmacher und- Schuhflicker, Sticker, Friseure, Schmiede und Schlächter. Die Obst- und Gemüsehändler haben nicht zu klagen, da dieses Jahr Ueberfluss an allem ist. Wir haben jetzt nur noch für die ganz Armen zu sorgen, die vor der Katastrophe sich entweder durchschwindelten oder von der Barmherzigkeit anderer lebten, und deren Schar sich noch durch diejenigen vergrössert hat, die ohne ein Handwerk oder Geschäft zu verstehen, aller Mittel entblösst sind und nicht wissen, wie sie ihren Unterhalt, erwerben sollen. Sie sind in einer bemitleidenswerten Lage. In diese Kategorie der durch die Zerstörung ihrer Häuser und Verlust ihrer gesamten Habe zugrunde gerichteten Eigentümer sind auch die auf den Landmärkten herumziehenden Händler einzubeziehen, denen man ihre Ware entwendet, ihr Vieh fortgeführt hat. Angesichts der Unruhen in der ganzen Umgebung müssen sie in der Stadt bleiben, ohne jede Möglichkeit, ihre Touren auf das Land wieder aufzunehmen. Die einen wie die anderen erwarten eine allgemeine Besserung der . politischen Lage oder die Entschädigungen, die sie brauchen, um wieder in die Höhe zu kommen. Geschenke und D a r 1 e h e n. Wir haben unser Budget für diese Zwecke überschreiten müssen. 'Wir hatten gehofft, dass eine Summe von 50 000 Frs. ausreichend wäre. Wir haben fast das Doppelte verbraucht. Die Abschrift des Kassenbuchs, die ich Ihnen übermittele, enthält noch nicht den ganzen für die Geschenke und Darlehen aufgewendeten Betrag. Er wird sich auf ungefähr 90 000 Pesetas erhöhen. Diese Arbeit ist so gut wie beendet, das Resultat werde ich Ihnen im Laufe dieser Woche mitteilen. Sie werden die Höhe des Betrages der an die Kaufleute und an jede Handwerk er kategorie bewilligten Darlehen ersehen können. Die Rückzahlung der geliehenen Gelder wird mit Anfang des Monats Oktober beginnen. Sie sollen dazu dienen, neue Darlehen zu gewähren, damit der Handel im Mellah wieder zur Blüte gelangt. Terrain. Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, ist diese Angelegenheit auf gutem Wege, und ich zweifele nicht, dass bei der bestimmten Haltung des Generals Lyautey und seine Vorliebe für schnelle Entschlüsse wir bald Nachricht erhalten werden, dass das erbetene Terrain uns bewilligt worden ist. Wir werden sodann an die Hauptarbeit gehen müssen, an die Errichtung gesunder Wohnhäuser für den Teil der jüdischen Bevölkerung, der zurzeit ohne Unterkommen ist. Die Zahl der im Mellah am 17. bis 19. April und an den darauffolgenden Tagen zerstörten Häuser beträgt 25. Sie waren von ca. 100 Familien mit 700—800 Seelen bewohnt. Wir müssen also den Bau von 100 Wohnungen ins Auge fassen, die je zwei Räume und gemeinsame Küchen für mehrere Familien enthalten sollen. Ich berechne die Kosten jeder Wohnung mit ca. 3000 Francs. Es sind also für diese Bauten ungefähr 300 000 bis 350 000 Francs aufzuwenden. Die Terrains, die uns überlassen werden sollen, sind für die geplanten Bauten ausreichend und werden auch den Eigentümern der zerstörten Häuser Ersatz an Grund und Boden liefern, damit sie, nach Empfang der Entschädigungssumme, ihre Häuser auf eigene Kosten wieder aufbauen können. Durch die Verbreiterung .der Strassen wird die Luft verbessert werden, was für das Mellah eine Wohltat ist. Wir werden uns im neuen Terrain Raum für die Errichtung von Schulgebäuden mit Hof und Garten reservieren und dafür dar Gemeinde das Grundstück am israelitischen Friedhof überlassen, das uns gehört, und das uns Muley Hassan geschenkt hatte. Die von den Israeliten von Fez erlittenen Verluste uncj deren Entschädigung. In meinen früheren Briefen habe ich Ihnen von unseren Hoffnungen in bezug auf die Entschädigungen gesprochen. Augenblicklich bin ich damit beschäftigt, die Schadensersatzansprüche aller Israeliten des Mellah zusammenzustellen. In ungefähr