Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Article
- Arzt und Patient in der Medizin des Maimonides
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 747 - 748 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584028-2601501--13421-2601589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
747 Dr. Kroner: Arzt und Patient in der Medizin des Maimonides. 748 handlung des Maimonides zu predigen. Maimonides leitet seine medizinischen Bücher stets mit einem Hinweis auf die göttliche schützende oder helfende Macht ein und aus. Es ist das nicht nur die Geläufigkeit in religiösen Benediktionen oder auch die Treue zur Tradition der arabischen Formeln, es ist auch das wirkliche Erfülltsein von der Wahrheit, dass über aller menschlichen Kraft und Kunst die Weisheit Gottes hoheitsvoll thront und wacht, die gerade bei der Aufgabe, einem Kranken Heilung zu verschaffen, demutsvoll anerkannt werden soll. Damit ist auch schon die hohe Bedeutung der ärzlichen Tätigkeit angedeutet. Mehr als einmal betont Maimonides, dass der Arzt von der Bedeutung seines Berufes ganz erfüllt sei, dass er seiner wissenschaftlichen Ausbildung alle Kräfte widmen möge. Nur der wirklich unterrichtete und praktisch geübte Arzt verdiene das Vertrauen der Patienten, alle Gharlatanerie und alles Kurpfuschertum müsse unbedingt den Stand der Aerzte in Misskredit bringen. Maimonides zeigt eben einen ausgesprochenen Degout gegen alles Wissen, das der wissenschaftlichen Durchbildung und Gründlichkeit entbehrt. Ein vages Raten und Probieren, ein oberflächliches Experimentieren, ein rein handwerksmässiges Handeln in der Medizin, das durchaus nicht in das Wesen der Krankheit dringt, sondern das äussere Krankheitsbild in Behandlung nimmt, ist ihm aus Herzensgrunde verhasst (Asthma 13). So ruft er aus: „Die medizinische Praxis ist nicht eine Flecht- oder Weberarbeit, die in einer manuellen und maschinellen Tätigkeit besteht, die weiter nichts als eine ständige Wiederholung regelmässiger, technischer Handhabungen darstellt, sondern sie muss vom Geist beseelt sein, der durchdringende Verstand und die scharfe Beobachtungsgabe, gepaart mit der richtigen Sachkenntnis, sind die unerlässlichen Voraussetzungen einer erfolgreichen ärztlichen Wirksamkeit/' Zu den besonderen Pflichten des Arztes gehören folgende: Der erste und hauptsächlichste Beruf des Arztes sei es, der Natur des Patienten zur Kraft zu verhelfen, alle Mittel müssen nur die eine Tendenz verfolgen, die natürliche Kraft zu heben, die'dann selbst imstande sei, die krankhaften Stoffe aus dem Körper auszuscheiden. Ein Arzt, der den Gang der Natur nicht zur Regulierung bringt, hat seine Aufgabe nicht erkannt. Wieviele dieser unerfahrenen Aerzte haben den Tod ihrer Patienten auf dem Gewissen, ruft Maimonides aus! (Regimen sanitatis II.) Es ist besser, in Ermangelung eines guten Arztes sich auf die Natur allein zu verlassen (ebenda). Eine weitere Pflicht des Arztes ist die, den Kranken nicht als Schema zu fassen, nicht als Typ zu nehmen, der einer bestimmten Gattung einzureihen ist, sondern ihn in seiner Sonderheit für sich zu beurteilen. Der jeweilige Krankheitszustand muss nach seiner Ursache genau erforscht, im Zusammenhang mit der Gesamtkonstitution gewissenhaft ergründet werden, bei der Verordnung der Medikamente soll das Alter, die Kraft, der gegenwärtige Moment und die Verbindung mit anderen krankhaften Erscheinungen sorgsamste Berücksichtigung erfahren (Haemorrhoiden — am Schluss). Also ein ausgesprochenes individuelles Verstehen und Behandeln, bei dem alle Schablone ängstlich gemieden und verpönt wird, hat Maimonides als einen gewichtigen Grundsatz, ja wir können sagen, als eine Art Gewissenpflicht für den praktizierenden Arzt hingestellt. Fast in jeder seiner medizinischen Arbeiten weiss Maimonides gerade daran streng zu gemahnen, das Individuum des Patienten ja nicht ausser acht zu lassen und nicht in Bausch und Bogen den Kranken zu behandeln, sogenannte Generalrezepte zu schreiben. Aber noch mehr verlangt Maimonides von dem Gewissen des Arztes. „Lass mich in dem Kranken stets den Menschen sehen", sagt das schöne Gebet. Gehört es nicht etwa auch zu dem Geiste dieser Forderung, wenn Maimonides es zur' Norm erhebt, bei jedem Kranken neben der Untersuchung des körperlichen auch das psychische Befinden genau in Erwägung zu ziehen! Eine körperliche Störung ohne psychische Depression ist dem Maimonides kaum denkbar. „Jeder Kranke hat ein enges Gemüt, jeder Gesunde eine weite Seele", sagt Maimonides (Regimen sanitatis III). Wie grunawahr ist dieser Satz, und wie oft kann dagegen noch von modernen Aerzten gefehlt werden. Daher sehe der Arzt ganz besonders, meint Maimonides, auf Hebung des Gemütszustandes, sie ist eine unentbehrliche Bedingung der Heilung. Mut, Lebenslust, Hoffnungsfreude, Trost dem Patienten zuzuführen, ist dem Maimonides eine der vornehmsten Aufgaben des Heilkünstlers. Hier ersteht in dem. Arzte der Mensch, der die menschliche Seele als ein Heiligtum zu achten und in dessen Dienst seine besten Kräfte zu stellen hat. Ja soweit soll nach Maimonides der Arzt den zarten Organismus der Seele berücksichtigen, dass er dem Kranken die Freude an seinen Lebensgewohnheiten nicht raubt. Zur Gesundung eines Leidenden gehört die Beibehaltung seiner Lebensfreuden. So lange diese ohne Schädigung des Heilungsprozesses wie ein unentbehrliches Lebenselement bewahrt bleiben können, solange sollen sie dem Patienten belassen bleiben. Sollte jedoch die ärztliche Verordnung ein Aufgeben der liebgewordenen Gewohnheiten gebieterisch verlangen, so soll auch da wieder der Arzt den Psychologen zeigen, nicht ein plötzlicher, abrupter Schnitt soll in die Seelengewöhnung gemacht werden, sondern allmählich, ohne zu chokieren, soll zu der veränderten Lebensform fortgeschritten werden (Regimen sanitatis IV, 14). Die zarteste Rücksicht auf die Psyche des Kranken ist dem Maimonides heiligste Pflicht des Arztes! Diesen wesentlichsten Postulaten für die Praxis des Arztes entsprechend gestalten sich auch die grundlegenden Anweisungen für den Patienten. Ohne Arzt zu bleiben, sich selbst kurieren zu wollen, ist Zeichen der Torheit und der mangelnden Intelligenz. Man rufe jedoch nicht gleich den Arzt bei geringfügigen Störungen, bei denen die Natur sich selbst Hilfe schaffen kann. Braucht man aber einen Arzt, so suche man sich einen solchen aus, der durch Wissen und Erfahrung in gleicher Weise sich auszeichnet. Jeden Kurpfuscher meide man auf das ängstlichste. Maimonides kann nicht genug abraten und davor warnen, einen sogenannten Menasse („Probierer") zu befragen,, der oft dem erfahrenen Arzte Konkurrenz macht (Asthma 13). „Frage den Probierer und frage nicht den Arzt", lautet leider das Sprichwort der unverständigen Menge. „So geht man zu alten Frauen, um sich kurieren zu lassen! Die törichte Menge sollte lieber die erprobten Aerzte, die alt und grau geworden sind, die Erfahrung mit Weisheit verbinden, die vorsichtige und genaue Prüfung anstellen, die die Wurzel und Zweige der Wissenschaft kennen, zu Rate ziehen. Statt dessen geht sie zu denen, die im Rufe guter Kuren stehen, die aber bloss die Leute übervorteilen und ihre Augen blenden. Wer sich solchen „Versuchern" anvertraut, gleicht dem Befahrer des Meeres, der es dem Zufall überlässt, ob er leben bleibt, oder zugrunde geht. So ist es ein grosser Vorzug für die Sultane, Fürsten und Vornehmen, sich aus den vielen