Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Unter Proselyten
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 665 - 666 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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665 S. An-ski: Unter Proselyten. 666- „Oh, der jüdische Glaube — ein schöner Glaube!" Und der Russe klopfte mir auf die Schultern: „Ich muss deine Hingebung loben, B." Damit aber waren die Leiden B.'s noch nicht abgeschlossen. Man erhob wieder Beschuldigungen gegen ihn, steckte ihn wieder ins Gefängnis, deportierte und eskortierte ihn, verhörte ihn usw. Bis 1905 ging es so. Ich bin nicht sicher, ob ich die Lebensbeschreibung B.'s richtig wiedergab. Ich vergass und überging wohl viele Einzelheiten; vielleicht vermengte ich auch manche Daten und Tatsachen. Aber das ist nicht von Belang. Ich glaube, dass das, was ich erzählte, genügt, um eine richtige Vorstellung von B. und seinem heldenmütigen Kampfe für seine religiösen Ueberzeugungen zu gewinnen. VII. B. lud mich zu sich zu Gast. „Kommen Sie zu mir. Dann werden Sie sehen, wie ich lebe. Gott sei Dank, nicht schlechter als andere. Sie werden mit meinem Weibe Sarah bekannt werden. Sie ist eine gottesfürchtige Frau, die mit mir zusammen den Namen Gottes geheiligt und alle Versuchungen überwunden hat, „im Kalkofen und in der Löwengrube" gewesen ist. Sie werden mein Töchterchen sehen, ein wohlgeratenes Kind, das wir gut jüdisch erziehen.. Ich habe auch noch zwei Söhne. Beide wohnen im Kaukasus, führen dort ihre Geschäfte und sind dem Judentum ergeben." Natürlich besuchte ich ihn. Eine kleine Wohnung, aus zwei Zimmern bestehend, rein, nett, mit Blumen und Vorhängen an den Fenstern. Die Hausfrau — eine bejahrte Frau mit einem „Scheitel" (Perücke) und einer Schürze, mehr klein, stark, mit einem runden Gesichte, und offenbar eine gute Wirtin und zärtliche Mutter. Das Gesicht slavisch, aber aus den Augen leuchten die Güte, Bescheidenheit und Züchtigkeit der frommen Jüdin. Das vierzehnjährige Töchterchen an ihrer Seite hat ein zartes, nervöses Gesicht und kluge Augen. B. machte mich mit seiner Frau und seiner Tochter bekannt, worauf er sofort einen grossen Kasten, der an der Wand stand, öffnete, und einen Packen alte, vergilbte Papiere herausnahm. „Dokumente der christlichen Liebe," erklärte er mir. „Sie werden daraus ersehen, was für J^iebe das war, die in ihren Herzen für mich brannte . . ." Es waren wirklich sehr interessante Papiere: Beschuldigungsakte, Verschickungsdekrete, Berichte von Geistlichen darüber, dass B. nicht Busse tun wolle, usw. Das alles wies B. mit Liebe vor, indem er zu jedem Stück seine Erläuterungen gab. Die Hausfrau reichte Tee und Konfekt und unterbrach ihren Mann unzufrieden: „Ach, höre doch mit deinen Papieren auf. Lass mich doch ein paar Worte mit dem Gast sprechen/' „Nein, Teure,"' erwiderte er fest, „die Papiere muss ich zeigen. Ich hab' einem fremden Menschen allerlei Geschichten erzählt. Er kann ja glauben, dass ich ihn angelogen habe. Da kann er sehen, dass ich die Wahrheit sagte." Nachdem die Papiere erledigt waren, kamen wir ins Gespräch. Ich fragte so nebenbei, wie sich die rechtgläubigen Russen zu den Proselyten verhalten. „Gott sei Dank, nicht schlecht," antwortete die Frau, „man kränkt uns nicht. Wir leben wie Nachbarn." „Wie Nachbarn, wie Nachbarn," warf B. ein, „aber dann und wann reibt man uns doch das Wörtchen ,Jud*' unter die Nase. Dann antworte ich immer: Ich danke für das Kompliment. Gestern erst war ich mit einem christlichen Kaufmann zusammen. Der sagte mir: „Was hast du so Gutes bei diesen Juden gefunden, dass du so an ihnen klebst?" „Wodurch missfallen sie dir?" frage ich ihn. „Sie sind so unruhig und beweglich," antwortet er. Ich darauf: „Ein Zigeunerpferd ist auch beweglich und unruhig, dreht fortwährend den Kopf nach allen Seiten. Weisst du, warum? Weil es der Zigeuner mit der Peitsche eingeschüchtert hat. Deshalb blickt es um sich, ob die Peitsche nicht nahe ist. So ist's mit dem Juden. Habt ihr ihm wenig Hiebe gegeben? Darum sieht er sich unruhig um . . ." „Was aber Beleidigungen und Schläge betrifft," fuhr B. fort, „so stellen unsere Proselyten ihren Mann. Als im Jahre 1905 die Pogrome waren, sprach man auch in unserer Gegend davon, das man die Juden umbringen werde. Daraufhin versammelten sich die Proselyten, an die dreissig Mann, bereiteten ihre Messer vor und beschlossen, es um keinen Preis zu einem Pogrom kommen zu lassen. Dann schickten sie zwei ihrer Leute zu den Führern der Huligans mit folgender Botschaft: „Wir raten euch, gar nicht anzufangen. Sonst wirds euch nicht gut gehen. Wisset, class wir unseren Brüdern nichts Böses werden zufügen lassen." Und sie haben auch nicht angefangen, es kam nicht zum Pogrom. Nach einer Weile fügte B. noch hinzu: „Man darf auch nicht vergessen, dass unsere Christen nicht so sind wie anderswo. Unser Christ ist verwirrt. Seine Seele ist in Unordnung, ohne Stärke, ohne Sicherheit. Er sagt wohl seine Meinung, aber seine Gedanken sind zerschlagen. Immer zweifelt er und schwankt er. Bald stösst er auf einen jüdischen Proselyten, bald auf einen Molokan, einen Subotnik, einen Stundisten oder einen von der Sekte der Duchoborzen. Jeder vertritt seine Wahrheit, jeder erklärt den Glauben an Gott auf seine Weise. Davon ist unser Christ verwirrt." Ich wandte mich an das Mädchen, fragte es, was es lese. „Ich lese, was man mir aus der Gymnasialbibliothek gibt*' — antwortete sie, indem sie ein wenig verschämt an ihrer Gymnasiastinnenschürze herumnestelte. „Unsere Riwke liebt die jüdischen Erzählungen," bemerkte die Mutter, „aber sie hat nichts zu lesen." „Ja, es ist nichts da," fügte B. hinzu, „die-paar Bücher, die ich hatte, hat sie durchgelesen, und neue sind nicht da." Er nahm vom Kasten etwa zehn Bücher heraus und zeigte sie mir. Es waren ein Katechismus von Segall, ein Jahrgang „Russkij Jewrej" („Oer russische Jude"), ein Band Frugscher Lieder, ein paar Hefte „Sion" und dergleichen. „Ich wollte Sie fragen," sagte die Hausfrau leise und etwas verschämt, „ob es nicht — ein Buch . . . für Frauen gibt ... in Jüdisch mit russischer Uebersetzung? Jch such' so ein Buch schon lange, kann aber nichts finden." „Was für ein Buch für Frauen meinen Sie?" fragte ich, nicht verstehend. „Eines, in dem die Bestimmungen enthalten sind, die sich auf Frauen beziehen. . . . Nun, was eine Frau wissen muss. . . . Wenn unsere Proselytinnen heiraten, dann kommen sie zu mir gelaufen, verlangen von mir Auskunft: LWie das? Wie jenes? Ich sage ihnen,