Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Unter Proselyten
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 667 - 668 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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667 S. An-ski: Unter Proseryten. 668 was ich weiss. Aber wenn ich etwas nicht weiss, dann ist's eben schlimm. Die hiesigen Jüdinnen wissen selber auch nicht alles. . . . Wenn es also ein solches Buch geben würde, dann wüssten wir, wie wir uns zu verhalten haben. Und die Seele würde beruhigt sein, dass wir nicht sündigen." „In Russisch gibt's so ein Buch nicht/"" antwortete ich. „Nicht, nicht!" seufzte B. „Unsere jüdischen Brüder denken wenig an uns. Sie drucken keine Bücher für uns, sie schicken uns keine Lehrer. Sie vergessen, dass der Proselyten gar nicht so wenige sind. Bloss an der Wolga dürfte ungefähr eine halbe Million wohnen ..." „Mir passierte einmal folgendes," erinnerte er sich. „Ich wohnte in Rostow. Man lud mich als Zeugen in irgend einer Prozeßsache. Als es zum Eide kam, verlangte ich den Rabbiner. Nun, man holte ihn. Er fing an, mir den Schwur auf Hebräisch vorzulesen. Ich sagte ihm: Rabbi, lesen Sie russisch, ich verstehe die heilige Sprache nicht. Da er aber kein Russisch kannte, fing er an, mir etwas vorzubrummen, wovon ich auch nicht ein Wort verstand. Darauf sag ich ihm: „Geehrter „Hirte"! Du hast eine grosse „Herde". Aber deine Schafe zerlaufen sich in alle Richtungen. Jetzt kommen gar Schafe aus einer fremden „Herde" zu dir. Lerne in ihrer Sprache zu ihnen sprechen. Sonst wirst du sowohl die alten Schafe verlieren, als die neuen nicht finden!" Und an mich sich wendend, fügte B. noch lächelnd hinzu: „Als ich in Tiflis war, lasen wir am Sabbat die Thora auf Russisch. Sonst ganz, wie sichs gehört, im vorgeschriebenen Tonfall, — nur russisch 1 Und, wie glauben Sie? Gott hat unser Gebet nicht zurückgewiesen, er verstand es und war zufrieden. Ich versichere Sie!" Damit schloss unsere Unterhaltung. Ich hatte leider keine Möglichkeit, länger in N. zu bleiben und die dortigen Proselyten und ihr Leben näher kennen zu lernen. Doch hat mir das, was ich dort in wenigen Tagen sah und hörte, sehr viel gesagt. Diese frommen, starken, mutigen „Juden gewordenen" Slaven beweisen mir wieder einmal, wie gross beim einfachen russischen Menschen das leidenschaftliche Suchen nach Wahrheit ist. Gleichzeitig erweckte das unerwartete Erlebnis in mir die alte Frage, ob wir auch das Judentum als allweltliche Wahrheit, die nicht nur von Juden, sondern auch von anderen Völkern angenommen werden kann, genug hoch einschätzen? ZU DEM STUDIENKOPF VON MINA ARNDT. Mit einem charaktervollen Studienkopf führen wir eine junge Künstlerin der Oeffentlichkeit ] vor, deren Wiege in fernen Landen gestanden und die, nachdem sie ihre künstlerische Ausbildung in Europa genossen hat, nun bald wieder in ihre Heimat zurückzukehren gedenkt.MinaArndt ist auf einem einsamen Gute in Neu-Seeland (Australien) geboren, in England u. a. von Frank Brangwyn, in Deutschland von Lovis Corinth und Hermann Struck in der Malerei und Graohik ausge- ML\TA ARNDT. Studtenkopf. LONDON. bildet worden und lebt augenblicklich in London. Wir begrüssen in der tüchtigen Künstlerin die erste Glaubensgenossin des fünften Erdteils, die als ein würdiges Glied sich der grossen Reihe unserer europäischen Künstler anschliesst. Ein eifriges Schaffen mit zielbewusstem Blick und sicherer Hand paart sich bei ihr mit feinem künstlerischem Gefühl, was diese erste Probe, ein in Kohle und Kreide ausgeführter Kopf, deutlich erkennen lässt. K. S.