Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Unter Proselyten
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 663 - 664 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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663 S. An-ski: Unter Proselyten. 664 Nun hatte B. selbst so eine Art Pogrom mitgemacht. Das brachte ihn ganz aus der Fassung. Er hatte auch, wie er selbst gesteht, ein bisschen zuviel getrunken. Kurz, er rannte auf den Marktplatz und stiess dort die wildesten Flüche und Schmähungen gegen die Regierung und das Christentum aus. Natürlich verhaftete man ihn. Man brachte mich, so erzählt er, zum Gendarmerieoberst zum Verhör: Er sprach mich mit den Worten an: Guten Morgen, Jud'!" „Viel Dank," sag' ich ihm, „ich habe für diesen Namen schon viel gelitten. Sie haben mich damit durchaus nicht beleidigt/4' „Du bist ein Empörer! Du hast die Regierung und die Kirche geschmäht/' „Ich bin kein Empörer," antwortete ich. „Ich war in schrecklicher Erregung. Man hatte mich in meinem Hause überfallen, alles zerschlagen, mich selbst verprügelt. Warum? Mit welchem Recht? Bin ich denn fremd hier? Ein Stiefkind? Mein Stamm hat für Russland vielleicht mehr Blut vergossen, als ihr alle zusammen. Wir sind Russen; echte Kinder des russischen Volkes. Russland ist unser Erbland. Meine Urgrossmutter jagte die Franzosen mit einem Schüreisen aus Russland hinaus. Und da. kommt man und schlägt mich wie, der Teufel weiss, wie, wie einen —" „Was kann Russland für dich sein/' sagt er, „da du dem russischen Glauben untreu geworden bist?" „Warum vertriebt ihr nicht/4 sag5 ich, „Wladimir den Heiligen aus Russland? Er ist ja auch dem russischen Glauben untreu geworden?" Kurz, man verurteilte mich zu drei Monaten Gefängnis. Als ich die Strafe abgebüsst hatte, dachte ich daran, alles stehen und liegen zu lassen und nach Palästina auszuwandern. Doch da erhob man plötzlich die alte Beschuldigung gegen mich, dass ich die Heiligenbilder verbrannt und zwei Frauen geheiratet habe. Das wollten sie durchaus nicht verstehen, dass ich ja schon infolge des Glaubenswechsels von meiner ersten Frau getrennt war. Man schleppte mich wieder von Verhör zu Verhör. Die Dispute mit den Geistlichen nahmen wieder ihren Anfang. Man'drohte mir, mich in ein Kloster zu sperren. Man trieb,mich von einem Ende Russlands zum zweiten. Mehr als zehn Jahre hat man mich so gepeinigt. Inzwischen wurde mir ein Sohn geboren. Ich befand mich damals in Kaluga, unter Polizeiaufsicht. Ich sollte nun meinen Sohn beschneiden lassen. Die Juden hatten Furcht.. Bringe uns einen Zettel von der Polizei, sagten sie, dass sie nichts dagegen hat, dann werden wir deinen Sohn beschneiden lassen. Ich ging zur Polizei. Natürlich gab man mir den Zettel nicht. Ich fuhr mit dem Kinde in ein Städtchen, 50 Werst von Kaluga, in dem Juden wohnen, ging ins Bethaus und traf dort zwei Juden. Wie ich später erfuhr, war der eine ein Chassid, der andere ein Gegner der Chassidim. Ich erzählte ihnen, dass ich ein Proselyt sei und bat sie, mir das Kind beschneiden zu lassen. Der Ghassid hörte mich an, schüttelte den Kopf,, zuckte mit den Achseln, antwortete nichts und entfernte sich. Der andere aber willfahrte mir nach kurzer Ueberlegung. Und die Beschneidung -fand auch bei ihm im Hause statt. Bald darauf verschickte man mich nach Kursk. Ohne eine Kopeke kam ich hin. Meine Leute waren am Verhungern. Da ging ich zum Kronrabbiner und bat ihn, mir behilflich zu sein. Er hörte mich an und sagte dann in aufgebrachtem Tone: „Ihr seid zum Judentum übergetreten, um euch von Juden helfen zu lassen." Das tat mir sehr weh. „Nein, hochwürdiger Herr Rabbiner. Sie sind im Irrtum. Bei Ihnengibts solche Juden, die sich taufen, um die ,Rechte' zu erlangen und ihren Weg zu machen. Worauf aber können wir Proselyten hoffen? Was kann das Judentum mehr bringen als Leid und Schmähungen?'' Ich schleppte mich nun kaum mit meiner Familie nach Jekaterinodar. Dort hauste ich drei Tage im Asyl. Dann erfuhren Juden von mir und kamen mir zu Hilfe. Ich ging nämlich in der Stadt herum, Arbeit suchen. Da sah ich einen jüdischen Leichenzug und schlöss mich an. Neben mir ging eine Frau. Sie sah mich an, wunderte sich, dass ein Russe in einem jüdischen Leichenzug mitgehe und liess sich in ein Gespräch mit mir ein. Ich erzählte ihr, dass ich ein Proselyt sei. Zu Hause erzählte sie dann ihrem Manne von mir. Der ärgerte sich über sie: Warum hast du ihn nicht gleich zu uns gebeten? Vielleicht weiss er nicht, wo den Pessach zu verbringen? Es war gerade vor dem Pessachfeste. Da lief sie sofort in die Stadt, um mich zu suchen, fand mich und führte mich zu sich ins Haus. Der Hausherr lud mich sofort für die Feiertage ein. Ich sagte ihm: Ich würde gerne am Pessach bei Ihnen bleiben, aber ich habe Weib und Kind; was soll ich mit ihnen anfangen? Darauf erwiderte er: Die bringt nur auch. DieMazzes werden schon für alle reichen. So kam ich denn mit der Familie, und wir waren während des ganzen Festes bei ihm. Er behandelte uns mit der grössten Zuvorkommenheit, konnte sich an Gastfreundlichkeit und Ehrerbietung gar nicht genug tun. Als das Fest vorüber war, sagte er: Weisst du, Sacharja, fahre du dir Arbeit suchen und dein Weib und dein Kind können einstweilen bei mir bleiben. Du kannst ganz ruhig sein. Ich. fuhr nach Eriwan, fand dort Arbeit, und liess meine Leute kommen. Bald darauf fand dort die Verhandlung wegen der verbrannten Heiligenbilder statt. Einen ganzen Tag zog sie sich hin. Auf dem Korridor begegnete mir der Staatsanwalt, der mich schon von früher her kannte. Er hielt micli an und sagte lächelnd: „Na? Jetzt werden wir dich verurteilen. Aber ins Gefängnis werden wir dich nicht setzen, sondern ins Kloster sperren, damit du Busse tust." „Oh, sperren Sie mich nur ins Kloster," sage ich, „ich werde dort alle Mönche zum Judentum bekehren." Er lachte, schwieg eine WTeile und sagte dann: „Ja, ja, ein russischer Mensch weiss selbst nicht, woran er glaubt. . . . Darum darf man euch nicht streicheln. Würde man euch gewähren lassen, ihr würdet ganz Russland in Sekten zerstückeln." Das Ende war, dass man mich als unschuldig erkannte und freisprach. Der Richter fragte mich dann: „B., in welcher Glaubensgemeinde willst du eingetragen sein, in der karaitischen oder rabbinischen?" „In der rabbinischen," antwortete ich. „Ich habe Gott geschworen, ein Jude zu sein und mit den Juden alle Verfolgungen zu tragen. Die Karaiten aber haben sich von den Juden losgesagt." Zur Feier meiner Freisprechung bestellte ich ein Festessen und lud auch die Geistlichen ein, die mir Moral gepredigt hatten. Sie kamen auch, der eine war ein Armenier, der andere ein Russe. Der Armenier trank Glas auf Glas, schmalzte mit der Zunge und meinte: