Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Unter Proselyten
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 659 - 660 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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659 S. An-ski: Unter Proselyten. €60 Trotzdem du auch nicht ein einziges; von meinen Geboten erfüllst, bleibst du doch mein Volk Israel und ich bin dein Gott, und die Gnade deiner Väter Abraham, Isaak und Jakob ruht auf dir. .... . Sehen Sie, so steht es mit den Juden. Sie mögen auch nicht fromm sein, auch nicht ein Gebot mehr erfüllen, sie bleiben doch Juden und alle wissen, dass sie Juden sind. Aber mit Proselyten verhält es sich ganz anders. Solange ein Proselyt alle Gebote erfüllt und streng nach dem Gesetze lebt, ist er ein Jude. Sowie er aber nur um Haaresbreite davon abweicht, — heute das Gebet versäumt, morgen in die Schenke geht, übermorgen sich betrinkt und die Lippen mit garstigen Worten besudelt, — ist es mit seinem Judentum aus. Dann wird jeder sagen dürfen: Das soll ein Proselyt sein? Ein besoffener Bauer ist er, nichts weiter." V. Man verwies mich auf den Proselyten B., als einen der interessantesten Typen der Proselytengemeinde in N. Er hatte für seine Treue zum Judentum vieles über sich ergehen lassen müssen. Ein halbes Leben fast hatte er im Gefängnis und in den „fernen Orten" zugebracht. Erst in den letzten paar Jahren Hess man ihm Ruhe. Er beschäftigte sich mit Vermittlungen und kleinen Lieferungen. Ich hatte es nicht nötig, lange auf ein Zusammentreffen mit.B. zu warten. Er hatte erfahren, dass sich ein angereister Jude für die Proselyten interessiere und war selbst zu mir gekommen, um mit mir bekannt zu werden. B. ist ein durchaus anderer Typ als S., dessen strenge Frömmigkeit und ruhige Sicherheit er nicht besitzt. Ein Mann von ungefähr 60 Jahren, klein gewachsen, stark, beweglich, mit nervösem Gesicht und klugen, ein wenig schlauen Augen. Er lacht beim Sprechen. Ich erkannte ihn schon bei seinen ersten Worten als einen geübten religiösen Disputierer. Seine Sprache ist mit Bibelsprüchen durchsetzt. Selbst zu mir hatte er die Bibel und einen Katechismus mitgebracht, offenbar auf einen religiösen Disput mit mir vorbereitet. Später sagte er darüber: „Das Leben ist eine Hölle. Die Bibel ist ein Netz und menschliche Seelen sind lebendige Fischlein. Darum trage ich das Netz mit mir, um es auszuwerfen, wenn ich irgendwo eine lebendige Seele erblicke, um sie zu retten." Ich brauchte B. nicht viel zu fragen. Er erzählte unaufgefordert von den Leiden, die er dreissig Jahre nacheinander ertragen hatte. Und nicht zornig und verbittert erzählte er davon, sondern mit einer gewissen Freude und voll innerer Zufriedenheit. Gewiss, man hatte ihn gehetzt und gepeinigt, aber er hat seine Feinde stets besiegt, hat sie beschämt und sie zum Geständins gezwungen, dass er im Rechte sei. Noch als junger Mann, da er noch im Dorfe wohnte und Landwirtschaft trieb, schloss er sich den „Juden Gewordenen" an. Doch hielt er es lange Zeit geheim und heiratete sogar' eine Christin. Im Jahre 1874 sagte er sich öffentlich vom christlichen Glauben los und verbrannte öffentlich seine Heiligenbilder. Zur selben Zeit trennte er sich von seiner Frau und heiratete seine jetzige Frau, die auch Proselytin war. Man denunzierte ihn, und von da ab begann seine Leidenszeit. Durch sechs, sieben Jahre zog sich sein Prozess. Bald hielt man ihn in Haft, bald liess man ihn frei und stellte ihn unter Polizeiaufsicht« Man machte Haussuchungen bei ihm, [schleppte ihn zu Verhören, schickte ihn zu Geistlichen, damit sie ihn wieder auf den rechten Weg bringen. Von diesen Moralpredigten erzählte B. mit besonderem Vergnügen und mit grosser Zufriedenheit: „Man lud mich zum Geistlichen. Feodor hiess er. Ich nahm die Bibel und den Katechismus und ging. Der Geistliche sieht mich an und fragt: „Welchen Glauben bekennst du?" „Den jüdischen," antworte ich. „Und wenn du mich umbringst, glaube ich dir nicht, dass du ein Jude bist. Du siehst nicht im mindesten einem Juden ähnlich." „Gewiss nicht, und bin doch ein Jude," antworte ich. Nach einem langen Disput sagt er: „Ich sehe, dass ich bei dir nichts ausrichten werde." „Natürlich nicht," sage ich, „das geht über Ihre Kräfte." „ Ich werde schreiben, dass man noch neun Geistliche schicke, damit sie dich auf den rechten Weg bringen." „Oh, sehr gerne. Auch neunundneunzig. Schreiben Sie nur, dass sie kommen." „Und mir, müssen Sie wissen'4,—fügt B.hinzu,— „macht das Disputieren und Herumzanken, mit ihnen soviel Vergnügen, wie „Meth trinken". Denn ich besiege sie alle, — nicht mit dem Schwerte, sondern mit dem Worte Gottes/' Einige Wochen später versammelten sich zehn Geistliche beim Priester Feodor. Man trug einen Tisch auf den Hof ihnaus. Alle setzten sich herum. Ich auch. Und man begann mich auszufragen: „Welcher Nation gehörst du an," fragt mich einer der Geistlichen. „Zur Nation unseres Vaters Abraham," antworte ich. „Ich bin ein Sohn Abrahams. Sie erinnern sich doch, was Gott zu Abraham sagte: Und ich will dich zu einem grossen, starken, zahlreichen Volke machen ... Zu diesem Volke gehöre ich, Secharja B." Einen der Geistlichen, Rudakow, regten meine WTorte so auf, dass er aufsprang, in die Küche lief, ein Messer holte und schrie: „Wenn du mir beweisest, dass du von Abraham stammst, lass' ich mich sofort beschneiden. Du stammst nicht von Abraham, sondern von Amalek!" „Nein," rief ich, „ich stamme von Abraham. Aber Sie stammen von Amalek, weil Sie die Nachkommenschaft Abrahams vertilgen wollen. Aber zu spät. Sie werden Sie nicht vertilgen." Darauf antwortete jener: „Wozu euch vertilgen? Ihr seid ohnehin so wenige und wir sind viel." „Vor der Sintflut war ein zahlreicheres Geschlecht, und Gott hat es vernichtet." Inzwischen brachte die Frau des Geistlichen den Samowar und Tassen, schenkte den Tee ein und reichte allen, auch mir, eine Tasse. „Ich danke," sagte ich, „ich will nicht," und schob die Tasse fort. „Warum denn?"' sagt sie. „Ihr habt doch nicht Furcht, dass wir Euch mit unserm Tee umbringen wollen." „Nein," sag' ich. „Das fürchte ich nicht. Ihr werdet nicht alle umbringen« Da hättet ihr Abraham umbringen müssen ..." „Warum trinkt Ihr dann also den Tee nicht, wenn Ihr keine Furcht habt?"'