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Ost und West · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 657 - 658

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Article
Unter Proselyten
Date
1912-07-01
Page
Seite 657 - 658 (sequence 2)
Language
German
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657 S. An-ski: Unter Prose'yten. G58 Nach dem Morgengebete tritt der Vorbeter vom Pulte weg, wischt sich mit einem grossen, geblümten Taschentuch den Schweiss von der Stirn und blickt um sich. Er sieht mich, betrachtet mich eine Weile, kommt dann auf mich zu, begrüsst mich und fragt mich nach kurzem Schweigen: ,,Darf man Sie zur Thora aufrufen?" ,,Sehr gerne," antworte ich und füge noch hinzu: „Ich bin Priester." „Ein erwünschter Gast für uns," meint er. „Wir Proselyten haben ja keine eigenen Priester." Der Yorbeter war auch Vorleser aus der Thorarolle. Doch stand noch ein anderer Proselyte am Tisch und sprach ihm aus einem Bibelbuche vor. Trotzdem las der Vorleser nicht gar sicher, blieb oft stecken. Jedesmal, wenn er einen Fehler machte, entstand im Bethause eine unruhige, peinliche Stimmung. Und diejenigen, die aus Bibeln mitlasen, kamen ihm hastig zur Hilfe. Mich rief man als Priester und an Stelle des Leviten auf. Als „Dritten" rief man einen alten Proselyten, einen gebückten Mann mit zitternden Händen und schwachen Augen. Er ging mit unsicheren Schlitten zum Almemor, berührte die Thorarolle mit dem Zipfel seines Tallis und küsste den Zipfel. Leise, mit zitternder Stimme begann er: B. . . b. . . bore hu . . ., stockte aber sofort verlegen und erschrocken. Er wusste nicht weiter. Die Leute wurden unruhig und von allen Seiten kam man ihm eiligst zur Hilfe. Aber gerade weil es viele Stimmen gleichzeitig waren, wurde der alte Mann ganz verwirrt, verlor vollends die Fassung und wiederholte mehrere Male mit zitternder, klagender Stimme: „B . . . b . . . borchu . . ." Es war eine sehr rührende Szene. Und wenn Gebete wirklich in den Himmel (hingen, so musste das zitternde, klingende „Borchu" des alten Proselyten in allen Himmeln Aufregung hervorrufen und von Gott als die schönste und beste Gabe eines Menschenherzens angenommen werden. ■ Ich stand noch am Tische. Meine Hand auf die Schulter des Alten legend, flüsterte ich ihm zu: „Sagt mir nach, Väterchen!" Ich sagte ihm langsam den Segensspruch vor und er sagte ihn gehorsam, wie ein stilles Kind, nach. Als letzten rief man den blonden, rotbackigen jungen Mann zur Thora. Da ihm eine Tochter geboren worden war, sprach der Vorbeter das „Mischeberach"- Gebet. Das Kind erhielt den Namen „Chawa". Nach der Vorlesung aus der Thora beglückwünschte der Vorbeter den jungen Vater und fügte mit herzlichem Lächeln hinzu : „Die Neugeborene hat einen schönen Namen bekommen. Chawa heisst: Die Mutter aller Lebenden." Nach dem Gebet sagten die Proselyten einander: „Gut Schabbess!" und, als sie drängten, vor dem Bethause ihre Frauen begrüssten, klang es wieder so herzlich: „Gut Schabbess!" IV. Der Vorbeter interessierte mich. Ich erfuhr, dass er Jakob S. heisse, ein Fuhrmann sei und unter den Proselyten für einen gelehrten und gesetzeskundigen Mann gelte. Man schilderte ihn mir als einen sehr frommen Mann, der streng jüdisch lebe. In den zwanzig Jahren, da er in N. wohne, habe er auch noch nicht einen Tag das Gebet im Bethause versäumt. Als einmal am Sabbat eines seiner Kinder plötzlich erkrankte, habe er den Arzt, einen Juden, vor dem Abend nicht holen lassen wollen,, um ihn nicht in seiner Sabbatruhe zu stören. Man erzählte mir auch einige Beispiele seiner ungewöhnlichen Gutherzigkeit. Einige Tage später kam ich zufällig mit ihm zusammen. „Wir sind schon alte Proselyten," sagte er mit Stolz. „Mein Grossvater hat noch vor Nikolaus I. den Sabbat gehalten. Meine Eltern waren schon Proselyten. Sie hielten sich für Juden, kannten aber noch gar . keine jüdischen Bräuche. Eines Tages kam ein Jude in unser Dorf — wir wohnten an der Wolga. Sein Name war David. Er beobachtete unsere Lebensweise und sagte uns: Was nützt es, dass ihr euch Proselyten nennt und wie echte Nichtjuden lebt . . .? Darauf sagten wir ihm: So lehre du uns, Juden zu sein. . . . Da begann er, auch wirklich Juden aus uns zu machen. Zuerst fuhr er irgendwohin und kam mit Talessim,1) Tfiiiin,2) Arbakanfess,3) Mcsusess4) und Gebetbüchern zurück. Dann meinte er: Man muss eine Mikwe5) bauen. Wir sagten: Gut — und bauten uns nach seinen Weisungen eine Mikwe. Und er selbst unterwies die Frauen, wie sie sich zu benehmen hätten, wie sie sich baden müssten, wie die Nägel schneiden. Alles laut Vorschrift. Als das Passahl'est kam, zeigte er uns, wie die Mühle zu reinigen sei. Kurz, er leitete uns in allen Hinsichten. Zugleich unterrichtete er aber auch unsere Kinder im Hebräischlesen und in der Bibel und war Schächter, Besclmeider und Vorbeter bei uns. So lebte er vier Jahre zwischen uns, ass von dem, was wir hatten. Wir zahlten ihm eine Kleinigkeit. Er forderte nichts, wir gaben aus freien Stücken, ein jeder nach seinen Kräften. Und als er uns so auf den rechten Weg gebracht hatte, sagte er: Nun seid ihr wahre Juden. Ihr kennt alle Gesetze und Bräuche und könnt euch nun ohne mich beheben. . . . Damit fuhr er fort." S. erzählte mir noch manches aus den Leben der Proselyten in N. Er beklagte sich dabei, dass einige von ihnen nicht genug fromm seien und sich nicht so aufführen, wie es sich für Proselyten gezieme, in der Schenke herumsitzen, Branntwein trinken, den Sabbat entweihen und dergleichen mehr. Als ich einwendete, dass die Juden noch weniger fromm, und noch zügelloser leben, sagte er ernst: „Sie dürfen uns nicht den Juden gleichstellen. Wir Proselyten müssen unsern Platz kennen. Sie erinnern sich doch der Worte der Schrift, dass die Proselyten für die Juden, als sie aus Aegypten auszogen, wie Krätze am Leibe waren. Und warum? Weil jene Proselyten ihren Platz nicht kannten/' „Welchen Platz?" „Wie heisst es in der Schrift?'' — erklärte er ernst. „Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Volke Israel, das heisst: Gott hat seinen Bund mit den Juden für ewige Zeiten geschlossen, gab ihnen seine Thora, gab ihnen seine 613 Gebote. Erfüllet sie! Nun gehen die Zeiten dahin, — und Gott sieht, dass sein Volk Israel die 613 Gebote nicht erfüllt. Er ist betrübt darüber, aber er kann nichts machen. Er kann den Bund mit seinem Volke nicht lösen. Und er sagt zu seinem Volke Israel: Es ist für dich schwer, alle 613 Gebote zu erfüllen. So erfülle wenigstens zwei: Pessach und den Versöhnungstag! Doch Israel will auch das nicht. Und Gott ist noch mehr gekränkt. Aber den Bund kann er doch nicht lösen, und sagt: x) Gebetmäntel. 2) Gebetriemen. 3) Ein Leibchen, an dessen vier Enden die Ziziss (S3ha:fäden) angebracht sind. ^^Türpfosten-Kappeln. 5) Rituelbs Bad.

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