Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 631 - 632 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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63| Dr. Max Eschelbacher Hermann .Cohen. 6ä2 zu wissen uns nichts anderes not und darum auch zugänglich sei, als was für unser treues sittliches Verhalten in seiner Welt nütze und notwendig ist.'6 Das Judentum verkündet vor allem die Einheit Gottes. In dieser Einheit Gottes sieht Cohen verkörpert die grosse Idee von der Einheit des Menschengeschlechtes, von der einen Menschheit, die sich über der Vielspältigkeit der Nationen und Stämme erhebt. Darum wird für ihn zur zweiten Hauptidee des Judentums die Verkündigung der Propheten von der messianischen Zeit. Nicht von dem persönlichen Messias spricht er, dem Sohne Davids, wohl aber von der messianischen Zeit, die die Einheit des Menschengeschlechts bringen wird, „den Zustand des Friedens in der einen Menschheit." Mit derselben Kraft vertritt er, während er das Ritualgesetz ablehnt, die Bedeutung des Sabbat als religiöser und sozialer Institution. Sabbat und Recht gehören für ihn, der hier einer alten Ueberlieferung folgt, zusammen. „In Sabbat und Recht offenbart sich der Gott der Gerechtigkeit." So erscheint hier Gott als Gott der Gerechtigkeit, ganz besonders als der Gott der sozialen Gerechtigkeit, der sich annimmt des Fremdlings, der Witwe und der Waise. Und dadurch, durch dieses starke und tiefe Verlangen nach Gerechtigkeit erscheint das Judentum als ein starkes, mächtig wirkendes Element unserer Kultur. Cohen lebt ganz in den Gedanken der Propheten. Sie ruft er immer wieder an. Aber sein geschichtliches Bewusstsein lässt ihn prophetischen Geist suchen nicht nur in den Schriften der Nebiim, sondern im gesamten Schrifttum des Judentums und in allen seinen Schöpfungen. Ist es doch eine seiner Grundanschauungen, dass eine ungebrochene Linie des geschichtlichen Verlaufes durch die gesamte Geschichte des Judentums hindurchgehe,*) dass sich das nachbiblische Judentum in einem innersten Kontakt mit dem biblischen entwickelt habe, und darum findet er überall, in allen Denkmälern des Judentums, auch im Talmud, auch „in unseren erhabenen, unseren schönen, unseren lieblichen Gebeten" diesen grossen Geist des Judentums lebendig. Mit welcher Energie er dabei, bei aller Ablehnung der Ideen und Institutionen, die er sich nicht zu eigen machen kann, die Gedanken hervorhebt, die ihm von ewiger Bedeutung zu sein scheinen für die Höherentwicklung der Menschheit, das *) Vgl, die Gedächtnisrede auf Salomon Neumann, Ost und West 1909 S. 51 ff. mag ein zufällig herausgegriffener Satz zeigen, der eine Würdigung des Talmud ausspricht. ,,Wenn der Talmud die Befestigung des Judentums nicht ohne den zeremoniellen Abschluss desselben bewirken konnte, so hat er sich durch die originale Entdeckung und juristische Sicherung der Begriffe des Noachiden und des interkonfessionellen Frommen die kräftigsten, fruchtbarsten Verdienste in der Geschichte der Religion, des Staatsrechts und der Sittenlehre erworben." Das ist, in seiner zögernden, zweifelnden Stellung zum „Zeremonialgesetz", wie in der begeisterten Hervorhebung der Bedeutung, die der talmudische Begriff des Noachiden und des frommen Heiden für die Kultur hat, ganz Cohen. Dadurch wird er ein Lehrer des Judentums, dem Alle Dank wissen müssen, in allen Lagern. Man mag oft mit ihm streiten und für wertvoll ansehen, was er ablehnt, immer aber muss man ihm danken für die grosse Energie, mit der er Kräfte, die vom Judentum ausstrahlen, aufzeigt und glänzend vor der Kulturwelt vertritt. Vieles, was er da bietet, ist ganz neu und völlig originell, aber auch wo er Bekanntes und schon Anerkanntes ausspricht, gewinnt es unter seinen Händen eine besondere, ursprüngliche Färbung. Cohen ist mit seinen Anschauungen auch zum Politiker des Judentums geworden, er hat Richtlinien für dessen Entwicklung aufgestellt, für die Gesamtheit und für die einzelnen. Auf dem Verbandstag der deutschen Juden in Frankfurt, im Jahre 1907, hat er in seinem Vortrag ,,Religiöse Postulate"*) diese Forderungen entwickelt, die Verkündigung der Einheit Gottes, die Gewinnung des rechten Verhältnisses zum Staate und ganz besonders auch die erhöhte Sorge für die Wissenschaft des Judentums. Darum verlangt er auch, dass der Jude niemals den Zusammenhang verlieren dürfe mit den hebräischen Quellen seiner Religion, verlangt namentlich, „das Gebet in der hebräischen Ursprache unseres Glaubens". Von ihm rühmt er „in seinem Grundstock ist unser i Gebet, das klassische Werk der Männer der grossen Synode, aus Kernsätzen der Propheten und aus Perlen der Psalmen zusammengedichtet, ein nicht genug zu bewunderndes Zeugnis von der fortwirkenden Urkraft unserer grossen talmudischen Religionsschöpfer, die sich in unseren Hauptgebeten als die Miturheber unserer lebendigen Religion bewährt haben." Nachdrücklich wendet er sich dort gegen „das Ue-b erwuchern der deutschen *) Ost und West 1909 S. 63 ff.