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Ost und West · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 633 - 634

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Article
Hermann Cohen
Date
1912-07-01
Page
Seite 633 - 634 (sequence 5)
Language
German
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633 Dr. Max Esclielbacher: Hermann Cohen. 634 Uebersetzung und der deutschen Urgebete und verlangt von den hebräischen Gebeten, „sie gehören in den Grundstock unseres Religionsunterrichts/' Mit einem Paradoxon schliesst er seine Betrachtungen über das hebräische Gebet „Würde man selbst aufhören können, zu beten, so müsste dennoch unser hebräisches Gebetbuch erhalten bleiben als dieFundgrube religiöser Grundgedanken und mit ihnen verwachsener Grundgefühle." Die Auseinandersetzung mit dem Judentum, die Stellungnahme zu seinen Problemen hat Cohen nicht nur in der Stille der Studierstube und nicht nur in gelehrten Werken vollzogen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit. Mit einem „Bekenntnis in der Judenfrage" begann er seine Tätigkeit und mit einem Gutachten, das er in einem Prozess zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus dem Landgericht Marburg über „Die Nächstenliebe im Talmud" erstattete. In gelehrten Arbeiten, die wohl vor allem von dem engeren Kreis von Kennern der Philosophie gewürdigt werden, wie in Darstellungen, die an den grösseren Kreis der Gebildeten sich wenden, so namentlich in den grossen religionsphilosophischen Essays, die er in den Jahrbüchern der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur veröffentlicht hat, aber auch noch an vielen anderen Stellen hat er seine Anschauungen niedergelegt, vor zwei Jahren hat er noch in grösster Oeffentlichkeit, vor dem fünften Weltkongress für freies Christentum und religiösen Fortschritt „die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt der Menschheit" klargestellt. Auf dem doppelten Gebiete der allgemeinen Kultur und des Judentums hat Hermann Cohen's Lebensarbeit sich abgespielt. Als Philosoph hat er reichen Ruhm sich erworben und sein Name wird in der Geschichte seiner Wissenschaft immer genannt werden. Wir aber freuen uns, dass wir in dem hervorragenden Gelehrten gleichzeitig den treuen Juden feiern dürfen. Cohen ist selber grösser geworden durch die Treue, mit der er dem Judentum gedient hat und er hat sich dadurch tiefen und dauernden Dank erworben, mindestens so sehr, wie durch seine grossen Werke. Und dem Wirken für's Judentum verdankt er es, wenn wir auf ihn selber die prachtvollen Worte anwenden dürfen, mit denen er einst Friedrich Albert Lange gefeiert hat: „Seine universelle Persönlichkeit vereinigt die Gegensätze, die in den Kulturrichtungen einander bekämpfen und einschränken. Mit dem Freimut des Ethikers verbindet er die Sympathie für die Religion, in der er geboren, und mit dem Seherblick des Weltbürgers den Familiensinn des Patrioten," REVUE DER EREIGNISSE. Die Tagung von Kattowitz. Jeder genauere Kenner der jüdischen Verhältnisse, — gleichgültig, welcher Anschauung er auch huldigt, — wird in der soeben stattgehabten Konferenz zur Schaffung einer orthodox-jüdischen Weltorganisation gewisse ernste und positive Elemente anerkennen. Ohne dass sich die Einberufer dessen bewusst wurden, handelte es sich da weniger um irgend welche Parteiprogramme, als um dasselbe, was eben auch in den seltsamen Organisationsbestrebungen der chassidischen Rabbiner in Galizien zu Tage trat, nämlich darum, dass die grosse jüdische Masse des Ostens, die bisher in der jüdischen Oeffentlichkeit nur wenig oder fast gar nicht zu Worte kam, nunmehr Spuren des Willens zur Müudigkeit an den Tag legi Es gärt offenbar, alte schöpferische Kräfte scheinen sich für den Weg in ein verjüngtes Leben vorzubereiten. Nun ist es aber auch nicht zweifelhaft, dass sich diese Schöpfer von gestern und von morgen in ihrer Ungeübtheit und Schüchternheit in den Mitteln, ganz besonders aber in den Wortführern vergriffen haben. Was hat dieses grosse, vergangenheitsstarke und zukunftbergende, schweigsam fruchtbare, entwicklungsfähige Volk mit seinen lebendigen Fehlern und Tugenden mit den paar Herren zu tun, die in jüngster Vergangenheit zu ihm gestossen sind und schon sich anmassen, mit ihrer ausspekuliexten Orthodoxie sein frommes Leben zu leiten? Was hat z. B. der mehr als neunzigjährige naiv-fromme Rabbi von Brisk in Kussland mit dem Dr. Breuer zu schaffen, der ihn partout an Frömmigkeit überbieten will und dessen positive Leistungen einzig und allein darin bestanden, da*s er die bedeutendsten jüdischen Organisationen nicht etwa kritisierte, sondern sinnlos beschimpfte. Die Orthodoxie sollte sich hüten, sich so unfruchtbaren Fanatikern anzuvertrauen, die ihre Interessen nur schädigen können. Es ist übrigens anzuerkennen, dass der grösste Teil der Konferenzbesucher — auch der deutschen, die sich eines bescheidenen Auftretens beflissen und mit den vorstehenden Worten durchaus nicht mitgemeint sind — für die Auslassungen des Dr. Breuer und einiger Miteiferer wenig Verständnis zeigten.

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