Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die Ereignisse in Fez
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 1× ep/1048155
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589 Mitteilungen der Alliauce Israelite Universelle: Die Ereignisse in Fez. 590 Wir .haben, um uns genau über die Sachlage zu informieren, die Häuser einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Das halbe Viertel ist zerstört, niedergebrannt und infolgedessen unbewohnbar. Einzelne Mauern stehen noch aufrecht da, aufgerissene Häuser bewahren wie durch ein Wunder das Gleichgewicht, andere stehen nach dem teilweisen oder vollständigen Bombardement ihrer Nachbarhäuser ohne jede Stütze Und sind wegen der drohenden Einsturzgefahr unbewohnbar. Wir haben beschlossen, sofort mit den Abbrucharbeiten zu beginnen, für die wir die Hilfe der Geniesoldaten und Offiziere erbeten haben. Diese Abbrucharbeiten haben heute begonnen. Wir benutzen diese Gelegenheit, um das Mellah zu erweitern und freier anzulegen, indem wir die Hausbesitzer verpflichten, nach dem abgesteckten Plan ihre Häuser wieder aufzubauen. Wir haben heute noch eine dringende Arbeit vorgenommen: die Reinigung der Strassen des Mellah, die mit aller Art Trümmer und bereits in Fäulnis übergegangene Stoffe bedeckt sind. Sechs Abteilungen von uns bezahlter israelitischer Arbeiter, von dem Mitglied unserer Kommission Herrn Dr. Weissgerber angeführt, haben die Reinigungsarbeiten besorgt, die heute jedoch noch nicht ganz beendet werden konnten. Nach der Säuberung der Strassen werden wir die der Häuser überwachen müssen, denn wir fürchten den Ausbruch einer Epidemie, die eine natürliche Folge des tagelangen gedrängten Zusammenlebens zahlreicher durch Entbehrungen physisch geschwächter Menschen wäre. Zwei andere Aerzte, die Herren Dr. Clunet aus Paris und Dr. Farhat aus Tunis, Mitglieder unserer Kommission, haben die Brunnen de;; Mellah untersucht, um festzustellen, ob sich dort etwa Leichen befänden oder das Wasser beschmutzt sei. Bei diesem Abstieg in die Brunnen hat man Schmuck, Geld und andere kostbare Gegenstände gefunden, die unsere Glaubensgenossen in der Mittwochnacht während der Plünderung ihrer Häuser hineingeworfen hatten. Diese Gegenstände habe ich in meine Obhut genommen und im Depot der Lebensmittel im Mellah untergebracht. Ich habe in einem unserer Schulgebäude einen Vorrat von Lebensmitteln und Kleidungsstücken gesammelt, die wir gekauft haben, um sie unter unsere Glaubensgenossen zu verteilen. Mir fällt die ungemein schwere Aufgabe der Leitung der Organisation zu, die den Israeliten wirksame Hilfe bringen soll. Die Israeliten sind noch immer in den Höfen des Palaster.. Sie werden elender und verzagter in dem Masse als die Tage hingehen, als ihre Kleidung sich abnutzt und schmutzig wird. Unglücklicherweise ist das Mellah in einem solchen Zustand, dass es eine unverzeihliche Unklugheit und zudem eine Gefahr bedeuten würde, wollte man seine Bewohner in die Häuser zurückkehren lassen. Das werden sie erst in einigen 'Tagen können. Inzwischen werden sie in den Höfen dei Palastes verbleiben, wohin wir ihnen jeden Tag LeLwtsmittel in genügender Menge bringen. Auch versuche ich mit Hilfe des Herrn Dr. Raulet Lapointe ans Paris, der sich hier auf der Durchreise befindet, für Disziplin und Hygiene zu sorgen, — Unsere Verwundeten befinden sich wohlgepflegt im Hospital; ich besuche sie alle Tage. — Die öffentliche Wohltätigkeit zugunsten unserer Glaubensgenossen äussert sich in der Form der Zuschickung von Brot und Nahrungsmitteln. Ausser den Lebensmitteln, die wir täglich in die Höfe des Palastes bringen, erhalten sie solche auch von Muselmanen und Europäern. — Um die Mildtätigkeit des englischen KonsulsJ des Herrn Macleed, zu kennzeichnen, möchte ich erwähnen, dass dieser Herr mit einer grenzenlosen Hingabe Lebensmittel für die Israeliten beschaffte, die er ihnen selbst hinbrachte und in seinem eigenen Hause einige Verwundete pflegt. Die französische Gesandschaft hört gleichfalls nicht auf, für die geflüchteten Israeliten zu sorgen. Ein rührendes Beispiel von Opferwilligkeit gibt die kleine Gemeinde Sefrou, die in wenigen Tagen 9550 Pesetas gesammelt und uns geschickt hat. Wir hoffen, dass alle marokkanischen Gemeinden sich gleich freigebig erweisen werden. Elmaleh. Dritter Brief. Fez, den 28. April 1912. Hiermit bestätige ich ganz ergebenst meine Briefe vom 22. und 24. April und den Empfang Ihres Telegramms mit folgendem Wortlaut: „Bilden Sie ein Komitee zur sicheren Verteilung der Unterstützungen und zur Organisation der Wiederherstellungsarbeiten. Wir erwarten Vorsehläge. Alliance." Wie ich Ihnen bereits gemeldet habe, ist das Komitee, dessen Bildung Sie für erforderlich halten, vor einigen Tagen auf Befehl des Sultans zusammengetreten. Der Präsident des Komitees ist Si Mohammed Tazi, der marokkanische Minister der öffentlichen Arbeiten, der Schatzmeister bin ich. Unter den 14 Komiteemitgliedern befinden sich 5 Aerzte, der französische Konsul und ein Baumeister. Das Komitee hat den Namen „Hilfs- und Hygiene-Kcmmission des Mellah von Eez". Bei der marokkanischen Staatsbank ist ein Konto zur Zentralisierung der Gelder eröffnet worden, die aus Marokko und aus dem Ausland für das Komitee einlaufen. Bisher hat unsere Kommission sich sehr eifrig mit der Hygiene des Judenviertels und mit der täglichen Verteilung der Unterstützungen beschäftigt. Die hygienischen Massregeln haben zunächst in der Fortschaffung der Lei( lien von Israeliten und Marokkanern aus den Häusern und den Strassen bestanden. 60 jüdische Leichen sind auf unsere Veranlassung beerdigt worden. Heute haben wir noch unter den verbrannten Trümmern eines Hauses den halbverkohlten Leichnam eines greisen Juden aufgefunden, der durch eine Kugel getötet worden war. Unsere Verwundeten, ungefähr Personen, sind im Krankenhaus von Fez aufgenommen worden, wo sie gut verpflegt werden. Alle Brunnen im Mellah sind untersucht worden, ob sie nicht durch das Hineinwerfen von Leichen unbrauchbar geworden sind; die Strassen sind gereinigt und die Trümmer von vierzig verbrannten Gebäuden, die den grössten Teil des Mellah angefüllt hatten, sind allmählich fortgeschafft worden. In den von den Israeliten bewohnten Höfen des Palastes wurde ein Sanitäts- und Reinigungsdienst eingerichtet. Alle diese Massregeln sind getroffen worden, um den Ausbruch einer Epidemie zu verhüten, die bei der durch Entbehrungen aller Art, durch Hunger, den Mangel an Obdach und Kleidung geschwächten Bevölkerung Tausende von Opfern gefordert hätte. L'nsere unglücklichen Glaubensgenossen werden morgen in ihre Häuser zurückkehren können. Das Leben, das sie in den ihnen zur Verfügung gestellten Palasthöfen führen, macht einen traurigen Eindruck; die Hälfte der Leute ist ohne Obdach, und da es unglücklicherweise seit drei Tagen ununterbrochen regnet, zittern unsere armen Brüder vor Kälte. Es wird ihnen sehr viel wohler werden, nun sie wieder in ihre Häuser kommen. So arg verwüstet sie sie auch wiederfinden, so viele traurige Erinnerungen auch der An-