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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 587 - 588

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Die Ereignisse in Fez
Date
1912-06-01
Page
Seite 587 - 588 (sequence 4)
Language
German
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587 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Ereignisse in Fez. 588 samkeiten und um neues Unglück zu vermindern, die Insassen der benachbarten Häuser auf, zu entfliehen. Ich selbst verliess mit den Meinigen und unseren sämtlichen Flüchtlingen das Haus, und wir eilten, in einen an den Palast des Sultans grenzenden Garten zu gelangen. Hier verbrachten wir den Rest des Tages gehetzt und verfolgt von Bocket zu Bocket, von einer Hütte zur anderen. Es war eine Flucht unter Sehrecken und Bestürzung, die ich Ihnen nicht schildern kann. Frauen und Kinder hängten sich weinend an mich im Glauben, ich besässe die Mittel, sie zu retten. Am Abend kam die Rettung. Von Mitleid bewegt, liess der Sultan alle Israeliten holen und ihnen die Tore des Palastes öffnen, an die wir im Lauf des Tages vergeblich geklopft haben. Fast 2000 Israeliten flüchteten an diesem Abend in einen der Höfe des Palastes. Was war aus den anderen geworden? Wir zitterten, wenn wir an ihr Schicksal dachten. Die Nacht verbrachten wir in diesem Hof des Palastes im Regen, krank und hungrig. Wir hatten seit Mittwoch früh nichts gegessen und konnten vor Freitag früh kein Stück Brot haben. Am Morgen liess uns der Sultan mit unseren Familien zu sich kommen. Wir bestanden darauf, auch unser Personal einzuführen, was auch gestattet wurde. Man empfing uns in einem Hause, wohin der Sultan kam, der sich zwanglos und freundlich mit uns .unterhielt. Bis heute Morgen genossen wir im Palast völlige Gastfreiheit. Ich verliess den Palast, um zur Gesandschaft zu gehen und mich für die Israeliten zu verwenden. Der Rest der Israeliten war am Freitag früh im Palast aufgenommen worden. Der Sultan liess freigebig Lebensmittel an sie verteilen. Die Militärbehörde, die Gesandschaft, der englische Konsul haben Brot geschickt. Vom Palast aus habe ich Ihnen auch die erste Depesche folgenden Inhalts geschickt: „Mellah drei Tage lang geplündert. Zahlreiche Tote, Verwundete. Jüdische Bevölkerung im Palast des Sultans aufgenommen. Sendet schnellstens Hilfe. Elmaleh." Nachdem ich den Palast verlassen und in das europäische Viertel fliehen konnte, wo ich gegenwärtig wohne, habe ich mich bemüht, im Bürgerhospital von Fez alle verwundeten Israeliten zu vereinigen. Zwei französische Aerzte waren uns von Herrn Regnault zur Verfügung gestellt worden. Wir haben ungefähr 25 Verwundete, von denen mehrere sterben werden. Die Israeliten sind im Palast geblieben und leben von den Nahrungsmitteln, die wir unter sie verteilen. Sie befinden sich in den Höfen des Palastes ohne Dach, ohne Kleidung, auf der blossen Erde kauernd, von Krankheit und Fieber befallen, oder eingeschlossen in den Löwenkäfigen, die ihnen als Obdach dienen. Der Anblick, der sich mir jedesmal beim Betreten der Höfe bietet, zerreisst mir das Herz.*) Ich habe Ihnen gestern ein zweites Telegramm mit folgendem Wortlaut geschickt: „Mellah zu dreiviertel durch Feuer zerstört. Bevölkerung noch im Palast. 50 Tote, 24 Verwundete. Französische Gesandschaft verteilt Lebensmittel und leiht ärztlichen Beistand. Muselmanische Bevölkerung eröffnet Sammlung zu gunsten der israelitischen Opfer. Elmaleh." Heute Morgen habe ich mit Herrn Regnault, einem Architekten, Aerzten und Offizieren den Resten des Mellah einen Besuch abgestattet. Wir durchschritten das vor kurzem noch so belebte freundliche Viertel, das heute verlassen und *) Siehe Illustration auf Seite 5S1/582. im tiefsten Schweigen dalag. Die Fassaden der Häuser sind aufgerissen, ganze Strassen bedeckt mit den Trümmern eingefallener Häuser, zerschlagenen Türen und zerbrochenen Möbelstücken. Es sind die Spuren einer dreitägigen Plünderung, der sich einige hundert Räuber in aller Ruhe hingegeben haben. Die Leichen, die die Strassen bedeckten, konnten fortgeschafft werden. Es sind mehr als 50, Männer, Frauen und Kinder. Wieviele werden wir noch unter den Trümmern finden? Ich bin in die Schule eingedrungen, in meine Wohnung. Nichts ist übrig geblieben. Alles, was nicht mitgenommen werden konnte, ist zerschlagen, zerrissen worden. Bei mir, in dem einzigen im Mellah bekannten französischen Haus, hat man mit wahrer Erbitterung gehaust und alles, was ich besass, gestohlen oder vernichtet. Ich habe Herrn Regnault zur Besichtigung zahlreicher Häuser veranlasst, um ihm einen Begriff von der Grösse des Unglücks zu geben. Vom Besuch im Mellah zurückgekehrt, ging Herr Regnault in unserer Begleitung in die Höfe des Palastes, um die Israeliten zu besuchen. Der Gesandte sagte ihnen ermutigende Worte, die unsere unglücklichen Glaubensgenossen etwas trösteten. )•. j Nach so viel Unheil haben wir die unabweisbare Pflicht, nach besten Kräften die Schäden zu heilen, Unrecht wieder gutzumachen, da Leben zu schaffen, wo der Tod hindurchgegangen ist. Der Sultan hat auf Anregung des Herrn Regnault eine offizielle Kommission eingesetzt, die die Fürsorge für die Israeliten übernommen hat. Sie besteht aus folgenden Persönlichkeiten : Si Mohammed Tasi, Minister der öffentlichen Arbeiten, Präsident, Elmaleh, Direktor Ihrer Schulen in Fez? Sekretär und Schatzmeister, Herr Mercier, französischer Konsul, Herr Tranchant de Lunel, Architekt, Herr Dr. Weissgerber und zwei andere französische Aerzte. Ich bitte Sie inständigst, uns so viel Mittel zu senden, als Sie irgend können, und in der ganzen Welt, überall, wo sich Glaubensgenossen befinden, Sammlungen unter Ihrer Führung zu veranstalten. Unsere erste Sitzung hat heute Abend stattgefunden- Wir haben beschlossen, in erster Reihe an die Säuberung der Strassen zu gehen, die die Strassen bedeckenden Trümmer fortzuschaffen. Arbeiterabteilungen, jede unter Führungeines Mitglieds der Kommission, werden unter Beihilfe französischer Soldaten, morgen mit dieser Arbeit beginnen. Wir hoffen, dass wir schon übermorgen die Israeliten in das Mellah zurückkehren lassen können. Andererseits sammle ich so viel Lebensmittel als irgend möglich in einem Depot, das ich im Mellah errichtet habe, von wo aus die Verteilungen erfolgen. Ich werde Sie von unseren Beschlüssen und unseren Arbeiten unterrichten, über die wir dem Sultan und dem französischen Konsul berichten müssen. Ich muss arabische Kleidung tragen, um ausserhalb des europäischen Viertels mich bewegen zu können, meine Lebensmittel einzukaufen und nach dem Palast zu gehen, denn die Stadt wird noch immer von aufständischen Soldaten und mordbereiten Fanatikern beunruhigt. E 1 m a 1 e h. Zweiter Brief. Fez , 24. April 1912. Mit meinen Kollegen von der Unterstützungs- und Gesundheitskommission für das Mellah habe ich heute dem israelitischen Viertel einen längeren Besuch abgestattet.

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