Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Seminardirektor Aron Horwitz
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 561 - 562 (sequence 4)
- Language
- German
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56t Bernhard Traubenberg: Seminardirektor Aron Horwitz. 562 abgenommen wurde, gerade keine rühmlichen; dass Männer, die gewohnt waren, auf ein i'estumrissenes Ziel loszusteuern, Horwitz keine Ruhmeskränze wanden, ist leicht zu begreifen. Der Pegasus war nicht ins Joch zu zwingen. Die geheimrätlichen Zöpfe werden vor Schreck gewackelt haben bei der Wahrnehmung eines Lehrverfahrens, bei dem so wenig gepaukt wurde. Namen, Zahlen, Büchertitel, wörtliche Anführungen und Aufzählungen waren Schall und Rauch. Er führte ohne lange Einleitung und ohne peinliche Vorerinnerung gleich in den Kern eines Werkes hinein, nicht ohne die Hauptgedanken zu vertiefen und mit den Ausstrahlungen seines eigenen Geistes zu erhellen. Was hätte ein Examinator, der sich nur in der blanken Münze realer Tatsachen zahlen liess, auch da zu prüfen gehabt? Wer so an allen geheiligten Traditionen wohlabgestempelter Staatspädagogik und altehrwürdigen Weistümern mit rauher Hand rüttelte, hat wohl kaum die Gunst hochmögender Stellen erfahren. Nach dem Examensdebacle schien er sich manchmal eines anderen zu besinnen und sich vorzunehmen, dem ganzen Gebäude ein festeres Fundament zu geben. Allein seine Vorsätze blieben — Vorsätze. Sehr bald erhob der höhegewohnte Aar seine Schwingen wieder zum Fluge in die Wolken. Auf platter Erde und harter Scholle hielt's sein von Realitäten wenig beschwerter Geist nicht lange aus. Und kam der Tag des gefürchteten Examens, war alles andere eher denn Freude in Trojas Hallen. Konnte er denn seiner lieben Gewohnheit, den Geist in seinem Sinne zu kneten und zu formen, kalter Erwägungen halber entsagen? In dem Zwiespalt zwischen seinem Ideal und den Anforderungen der drückenden Wirklichkeit lag ein harter Konflikt, unter dem er aber nur vorübergehend gelitten haben kann. Jedenfalls war die Wolke bald verflogen. Das Bewusstsein, Menschenbildner im höchsten Verstände des Wertes zu sein, gab ihm schnell seine Sicherheit wieder. Er wurde von jener Zufriedenheit durchsonnt, die nur denen eigen ist, die ihren Lohn nicht von Menschengunst, sondern von der beglückenden Anerkennung des eigenen Gewissens empfangen. An diesem leuchtenden Bilde fehlt auch der Schatten nicht. Horwitz war eine Kampfnatur, ein Stürmer und Dränger, ein hitziger Brausekopf, den sein vehementes Temperament auch im Alter nicht verliess. Er dachte nicht daran, sein leichtentzündliches und mit Explosivstoffen geladenes Blut irgendwie zu zügeln. Er liess sich vielmehr gern von seinen heissen Impulsen fortreissen, um das, was in ihm lehte, glühte und kochte, als Evangelium hinauszutragen. Es war das Evangelium der religiösen Aufklärung, das er predigte und als dessen Apostel er sich fühlte und betätigte. Von lodernd leidenschaftlichem Naturell, stellte er seine tiefe Inbrunst, seine urwüchsige Kraft, seinen flammenden Fanatismus in den Dienst seiner freiheitlichen Ueberzeugung. Mit dem ihm angeborenen Feuer führte er den Kampf gegen alle Rückständigkeit. Ritt er eine Attacke gegen die Orthodoxie, dann gab es keinen Pardon und kein Erbarmen und eine beispiellose Heftigkeit und persönliche Erbitterung nahm von ihm Besitz. Dabei wäre es falsch, ihn des Mangels an religiösem Empfinden zu zeihen, aber was ihm fehlte, war das Verstehen fremden Meinens und Denkens, objektives Begreifen und sachliches Erfassen. Er sah alles durch seine einseitige Parteibrille und konnte sich wohl kaum in die Gemütsstimmung des Gegners versetzen. Der Grundsatz sine ira et studio stand nicht in seinem Lexikon, er war voller vorgefasster Meinungen und gab der Stimme der Schonung und Duldung kein Gehör. In einem solchen Krater zerschmolz das Eis kühler Vernunftgründe, die ein ruhiges Abwägen des für und wider und eine gerechte Beurteilung ermöglicht hätten. Sein ätzender Spott gefiel sich sehr in der Nachahmung Heinescher Schlagworte, und mit erfinderischem Esprit verhöhnte er nicht selten uralte Heiligtümer, traditionelle Bräuche und durch die Jahrtausende geweihte Sitten. In seiner masslosen Schärfe wusste er manchmal die Person von der Sache nicht zu trennen, und so erhielt mancher notwendige Meinungsstreit eine schmerzhafte brennende Spitze. Naive Einfalt und rührende Hilflosigkeit entwaffneten ihn nicht, er fühlte ihnen gegenüber nur seine brutale Ueberlegenheit, die niemals geneigt war, das Schwert aus der Hand zu legen. Die Folgen einer solchen Kampfesweise waren oft genugpersönliche Entzweiung, Verfehmung und Verbitterung, die die Kluft der Gegensätze erweiterte und vertiefte. Sein übersprudelndes Temperament konnte aber auch beleben und befruchten. Gegenüber diesen Negationen bildete ein feuriger Patriotismus den positiven Pol. Von der Grösse und Herrlichkeit des deutschen Volkes wusste er viel zu singen und zu sagen. Es war ihm ordentlich ein inneres Bedürfnis, sich diese Empfindungen von Herzen zu reden. Seine Schüler w o 1 11 e er mit deutschem Geist und deutscher Gradheit erfüllen. Dem durch tausendjährige Erschütterungen gebeugten Stamm deutsche Zucht und deutsche Kraft, deutsches Mark und deutsches Selbstvertrauen, stolzen Mut und aufrechte Haltung einzuflössen, sah er als einen wesentlichen Teil seiner Lebensaufgabe an. Namentlich die Leibesbeschaffenheit der Germanen stellte er seinen Schutzbefohlenen als ein nachahmenswertes Beispiel bin. Seiner Liebe zum Deutschtum war er bereit, manches wohlbewährte Erbstück des Judentums zu opfern. Er trug in seinem Herzen eine tiefe Ueberzeugung von der hohen Kulturmission der germanischen Rasse und nicht wenige Bannerträger deutscher Bildung hat er von Preussens Hauptstadt in die von der Aufklärung noch wenig beleckten Posenschen Lande hinausgeschickt. Die von ihm ausgebildeten Seminarzöglinge sollten eifrige Pfleger des Germanisierungswerkes im Osten werden, und er war fest davon durchdrungen, dass den Juden hierbei eine besondere Rolle zugewiesen sei. Darum rief er auf der vom Minister Falk einberufenen Seminardirektorenkonferenz mit Nachdruck aus: ,,Jeder Posensche Jude ist ein deutscher Kolonisator, jede jüdische Schule eine Pflegestätte germanischer Kultur/' Seine Lehrerbataillone wurden nicht nur Verpflanzer deutschen Wesens, sondern wirkten überhaupt als Pioniere westlicher Kultur, mit den Waffen vordringender Zivilisation für das Deutschtum werbend. Und nun zu den rein menschlichen Vorzügen, an denen Horwitz ausserordentlich reich war. Güte,