Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Seminardirektor Aron Horwitz
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 3)
- Language
- German
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559 Bernhard Traubeuberg: Seminardirektor Aron Horwitz. 560 liält. Daher die schlechte Schulvergangenheit so vieler genialer Männer, deren rühmliche Leistungen der beste Beweis für den diagnostischen Irrtum bilden. Gerade die diesbezüglichen Schilderungen von Koryphäen, deren Ruhm die Welt erfüllt, sind ebenso viele Dokumente verhängnisvoller Fehlgriffe und falscher Beurteilungen. Es ist sicher, dass auch Horwitz mit seinem Adlerblick zuweilen danebenschlug und junge Menschen von tüchtigen Anlagen zurückstiess, während andere, deren dreistes Auftreten ihm imponierte, bevorzugt wurden. Was für ein Lichtblick war aber sein Unterricht! Frei von allen Fesseln hergebrachter Schablone und abhold jeder Nachbeterei, musste seine Eigenart und Selbständigkeit um so sensationeller und befreiender wirken, je ausgeprägter sonst der Hang der Pädagogen zur pedantischen Gleichförmigkeit und Maschinenhaftigkeit ist. In der Erziehungswissenschaft nahm häufig einerseits eine Geistesarmut und andererseits ein Schrullenreichtum überhand, über die Horwitz die bitterste Schale seines Zornes ausgoss. Er hatte wenig Verständnis für den Drill. Ihm galt die Weckung schlummernder Geisteskräfte tausendmal mehr als blosse Stoffeintrichterung, die Hebung tief vergrabener Seelenschätze für viel wertvoller als blosse Gedächtnis überbürdung. Wissen einzubleuen, war nicht seine Sache, toten Schutt lud er nicht in lebenatmende Gemüter ab. Was nicht Leben gab und Leben, Schwung, Begeisterung und Wärme zeugte, war für ihn Ballast, unnötige Befrachtung, totes Gewicht, das er mit überlegener Geste ohne das mindeste Bedauern über Bord warf. Im Feuer des Schmelzprozesses, dem er bald seine Schüler unterwarf, sollte sich das Gold von den Schlacken sondern, und oft genug hat er auf diese Weise Talente entdeckt, die unter glanzloser und unauffälliger Hülle ein verborgenes Dasein führten. In der Handhabung der Frage form besass er eine staunenswerte Meisterschaft. Mit diesem Instrument verschaffte er sich Zutritt in das Reich der Seelen- und Geisteskräfte, in dem er wie ein Alleinherrscher schaltete und waltete. Seine Fragekunst feierte besondere Triumphe bei der Aufnahmeprüfung für das Seminar, bei der er bestrebt war, das sich darbietende Menschenmaterial in der gründlichsten W7eise durchzusieben, um nach Entfernung der Spreu eine gute Auslese zu gewinnen. Seinen aussergewöhnlichen Reichtum an Geist und Humor bewies er in unermüdlichen Ein- und Ausfällen und launigen Witzen, die eine heitere Phantasie ihn in verschwenderischer Fülle hervorsprudeln liess. Mit verschlagener Hinterhältigkeit überschüttete er die Kandidaten mit Fragen, deren Beantwortung nur zeigen sollte, ob sie die Klippen und Untiefen herausfanden, an den sie stranden konnten. Einen anderen Zweck hatte das muntere Spiel nicht. Ob der Bewerber etwas wusste, daran lag ihm nichts und danach erkundigte er sich kaum. Mancher war stolz auf seinen vollgepackten Tornister, aber "die Leute, die sich im Büffeln nicht genug tun konnten, machte er sich mit besonderem Vergnügen zur Zielscheibe seines übermütigen Spottes. Einen Jüngling, der sich gediegener geographischer Kenntnisse rühmte, nasführte er mit der Frage, wieviel Quadrat meilen von Berlin nach Potsdam seien, eine Frage, an der der selbstbewusste Geograph auch richtig hängen blieb, ohne die Falle zu merken. Ein andermal suchte er dahinter zu kommen wes Geistes Kind ein Präparand war, indem er ihm die Frage vorlegte, in welchem deutschen Bundesstaate Arkadien liege, da Schiller, doch ein deutscher Dichter, sage: „Auch i c h bin in Arkadien geboren". Das als stumme Zuhörer anwesende Lehrerkollegium konnte sich meist das Lachen nicht verbeissen angesichts der hinterlistigen Anstrengungen, die jungen Leute aufs Glatteis zu führen. Immer neue Baketen stiegen auf, überschlugen sich in der Luft und farbige Lichteffekte boten dem Auge ein fesselndes Schauspiel dar. Unter seinen Schülern zirkuliert noch heute in unverblasster Frische eine Unzahl solcher Bonmots, die der Examenslaune des zu jähen Ueberfällen nur zu leicht geneigten Alten ihr Dasein verdanken. Ueber Wissensmangel setzte er sich getrost hinweg, wenn man im Fragetournier nur tüchtig parierte und sich im wilden Kampfspiel behauptete. Höchst gleichgültig war es ihm, an welchem Objekte Geist und Verstand ihre Schwingen rührten, wenn sie, wenn auch vom „Wissensquam entladen", frei im Aether baden konnten. Man könnte diese Methode die talmudische nennen. Lange Zeit wurde dieses Verfahren an vielen Orten geübt, bis deutscher Ernst und deutsche Gründlichkeit mit diesen schwindelerregenden Luftschlösserbauten auch im Talmudstudium aufräumten und eine mehr nüchterne Auffassung zur Geltung brachten. Man kann nun, ohne den Tatsachen Gewalt anzutun. nicht behaupten, Horwitz sei ein grosser Talmudist gewesen, obwohl das Studium der rabbinischen Schriften nach den Gepflogenheiten jener Zeit in seinen jungen Jahren einen breiten Raum eingenommen haben wird. War er, was die Beherrschung der Materie anbetrifft, auch kein Talmudgelehrter, so besass er doch eine blendende Virtuosität in der Handhabung der talmudischen Lehrform, die er in allen Zweigen des Unterrichtes zu hohen Ehren brachte. Rhythmus, Methode und Bewegung ist alles, das Lehrziel nebensächlich. Die Uebung im geistigen Fechten, Ringen, Angreifen, Verteidigen und Abwehren liess den Stoff fast ganz vergessen. Was dem Zwecke der Geschmeidigmac hung und Bewältigung von Denkoperationen nicht diente, hatte für Horwitz wenig Interesse. Darum hielt er es nur für seine Aufgabe, den Funken aus dem Stein zu locken, verborgene Anlagen ans Licht zu ziehen und eingeschlossene Kräfte zu entbinden. Hatte er so den Boden gelockert, und aufnahmefähig gemacht, dann war er fertig. Ihn dann im Schweisse des Angesichts zu bebauen und die Detailarbeit zu verrichten, hielt er sich nicht mehr für berufen. So untergeordnete Hantierungen überliess er anderen. Er hatte mit seinem Zauberstabe Leben hervorgerufen, ihm nun auch die nährenden Säfte zuzuführen, war er nicht das geeignete Organ. —--— Bei solcher Geistesstruktur des Leiters waren die Tage, an denen von den königlichen Räten das Examen