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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 557 - 558

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Seminardirektor Aron Horwitz
Date
1912-06-01
Page
Seite 557 - 558 (sequence 2)
Language
German
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557 Bernhard Traubenberg: Seminardirektor Aron Horwitz. 558 X Zeit erreicht, so haben die besiegten Schwierigkeiten in diesem Falle einen Charakter von ungewöhnlicher Kraft, stählerner Härte, imposanter Eigenart und wichtiger Grösse geschaffen. Alle die Umwege wurden durch den Vorzug angespannter Selbsttätigkeit reichlich aufgewogen. Horwitz gewann dabei — wie so viele — die Sicherheit, sein Lebensschifflein selber durch drohende Klippen dirigieren zu können. Mit der Berliner Knabenschule der jüdischen Gemeinde ging es damals rapid hergab und ihre Auflösung und endliche Schliessung schien nur noch eine Frage der Zeit. In diesem kritischen Augenblick wurden die Behörden auf Horwitz aufmerksam. Eine Privatschule, die er auf eigene Faust gegründet, hatte einen raschen Aufschwung genommen. Seine geistbildende Methode verschaffte ihm die jubelnde Begeisterung der Schüler und die bewundernde Anerkennung der Eltern. Mit glücklich er Entschlossenheit stellten die Behörden diesen Pädagogen von Gottes Gnaden an die Spitze der allen Ansehens beraubten Anstalt, die er vollständig um- und ausbildete und einer ungeahnten Blüte entgegen!'ührte.Noch reichere organisatorische Anlagen bekundete er bei der Wiedererrichtung der Lehrerbildungsanstalt, deren Leitung er im Jahre 1859 übernahm und so lange behielt, bis der Tod ihm die Zügel aus der Hand riss. In Horwitz schlummerten viele Begabungen, die, wurden sie auch nicht systematisch geweckt, alle in grösserem oder geringerem Grade zu herrlicher Reife kamen. Sein mit der Sicherheit eines Naturinstinkts tätiges Sprachgefühl befähigte ihn zum Stilisten, seine zarten Empfindungen zum Dichter, seine haarscharf geschliffene Logik zum spekulativen Denker und sein tiefes Verständnis für die menschliche Psyche zum Pädagogen. Au f allen diesen Gebieten hat er sich auch vorübergehend betätigt und manche Spuren, die er im deutschen Schrifttum hinterliess, legen ehrendes Zeugnis davon ab. Die beiden Gedichtbändchen „Lebenssymptome" und ..Ständische Sonette" spiegeln seine reiche Gefühlswelt, seine dichterische Kraft und Innigkeit sowie sein politisch freiheitliches Sehnen wieder. Aber auch auf anderen Arbeitsgebieten spendete sein nimmer rastender Geist schöne literarische Gaben. Von ihm sind ausser den genannten Dichtungen noch grammatische und Lesebücher, pädagogische Aufsätze und eine Anthologie orientalischer Spruchweisheit erschienen. Dass er von der Nachwelt noch ganz unvergessen ist, beweisen die mannigfachen Veranstaltungen der letzten Tage, die das geistige Bild des nunmehr seit einem Menschenalter Verewigten von neuem erstehen Hessen. Aber bei aller seiner Vielseitigkeit ruht das Schwergewicht seines Wirkens in seiner Mensehenbildung nnd seiner Erziehunoskunst. ffiH^ jMSS^* M- % von und und ver- Aron Horwitz. Wenn nach einem vielgebrauchten J Heliterwort das höchste Glück in der Persönlichkeit liegt, so muss es ein noch höheres Glück sein, durch innere Gestaltungskraft neue Persönlichkeitswerte zu bilden und unbewusst dahinvegetierenden Menschen geistiges Bewusstsein einzuhauchen. In dieser Kunst aber war Horwitz ein vollendeter Meister. Und hat auch die Zeit, seitdem er tot ist, was vergänglich an ihm war, mit ihren schwarzen Fittichen bedeckt, so ist doch Horwitz der Erzieher und Menschenbildner im Gedächtnis vieler Zeitgenossen noch Irisch und lebendig. Darum soll hier vorzugsweise der Jugenderzieher und Seminardirektor gewürdigt werden. Horwitz' Originalität offenbarte sich besonders darin, dass er es verschmähte, ausgetretene Geleise zu beschreiten. Er ging seine eigenen Wege, auch wenn sie keine heiligmachende Kraft langjähriger Ueberlieferung für sich hatten. Nichts weniger als von ausgedörrter, allen Safts beraubter Gelehrsamkeit, strömte er eine bezaubernde Frische aus. der sich auch diejenigen nicht entziehen konnten, die nicht unter dem Eindruck seiner unmittelbaren Wirksamkeit standen. Die von ihm im Unterricht dargebotene Kost war von prickelnder Würze pikantem Heiz, alle Sinne Geschmacksnerven weckend stachelnd. Er gab kein schimmeltes Brot und marterte niemals das Gehirn mit unverdaulichen Fremdkörpern, die dem Organismus kein frisches Blut zuführten. Um die geistige Nahrung recht schmackhaft zu machen, durfte eine pikante Sauce nie fehlen, wie denn überhaupt Witz und Satire — vom milden Humor bis zum gepfefferten Sarkasmus in allen Abstufungen — sein Lebenselement war'. Jedoch war der Spott bei ihm nie Selbstzweck, sondern nur ein herbes Mittel zu einem heilsamen Zwecke, ein Drastikum zurWegbeizungschädlicherAuswüchse, entstellender Schönheitsfehler xmd sonstiger intellektueller Verunzierungen. Das Führen einer so zweischneidigen Waffe ist nicht jedermanns Sache, oft geht es nicht ohne Verletzungen dabei ab und auch Horwitz hat trotz des geschickten Gebrauchs, den er von ihr machte, mit manchem Streich zu tief ins Fleisch geschnitten und das Herz zu empfindlich berührt Wer sich — besonders durch geistige Unbeholfenheit oder scheues, verschüchtertes Wesen — seine Ungnade zuzog, hatte oft einen schweren Stand. Er wollte gewiss nur die Unfähigkeit treffen, allein im Jünglingsalter sehen heilbare Verängstigung und unausrottbare Schwäche zum Verwechseln ähnlich. Man hat die Grenzlinien dieser Erkenntnis noch nicht mit genügender Sicherheit abgesteckt, und darum leiden viele junge Burschen unter Verkennung und falscher Diagnose. Es ist nicht selten vorübergehende Befangenheit, was man für geistige Minderwertigkeit

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